Experten zeigen schlimmste Probleme

München platzt aus allen Nähten: Bevölkerungswachstum doppelt so stark wie im Freistaat - Stadt vor Mammut-Aufgabe

Die Türme der Frauenkirche und das Rathaus am Marienplatz spiegeln sich in einer Schaufensterscheibe
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München muss sich für die Zukunft rüsten: Die Zahl der Einwohner in der Landeshauptstadt soll deutlich zunehmen.

München wächst und wächst und wächst. Gerade im Hinblick auf die Einwohnerzahl. Das bringt neue Herausforderungen mit sich, die bereits jetzt angepackt werden sollten.

München - Unsere Landeshauptstadt ist extrem beliebt. Kein Wunder also, dass wir im Jahr 2039 mehr als 1,6 Millionen Münchner sein werden, wie das Statistische Landesamt bekannt gibt. Doch das birgt Risiken: Schon jetzt gerät der Verkehr an seine Grenzen, der Wohnungsmarkt ist leergefegt. Und Innenminister Joachim Herrmann (CSU) stellt ein „überproportionales Wachstum“ für die Metropolregion und die Stadt“ fest. Um rund 115.000 Bürger wird München bis 2039 wachsen (plus 7,8 Prozent) - und damit mehr als doppelt so stark wie der Freistaat, der von 13,1 auf 13,5 Millionen Bayern zulegt (plus 3,2 Prozent).

„Es gilt, zukunftsfähige Angebote zu machen: bezahlbarer Wohnraum und attraktive Arbeitsplätze“, sagt Herrmann. Das gilt gerade in München, denn der Großteil der Bürger hier steht am Anfang seines Berufsleben - oder hat es hinter sich. Jeder Vierte im Jahr 2039 wird ein Rentner sein.

München im Wandel: Herrmann will Home Office für mehr Menschen ermöglichen

„Wir stehen vor einem grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandel“, sagt Herrmann. Er will den Ballungsraum München* entlasten, indem auch mehr Menschen von zuhause aus arbeiten und weniger pendeln. Das macht Sinn, denn das Durchschnittsalter wird 2039 bei 42,5 Jahren liegen (aktuell 41,6).

Die Stadt wächst weiter - doch bleibt sie lebenswert? In der tz erklären Experten, was es dazu braucht.

München im Wandel: Mobilität als Mammut-Aufgabe

Staus und volle Straßen - wie lässt sich das künftig vermeiden? Indem die Mobilität in der Siedlungsplanung berücksichtigt wird, sagt Rudolf Vogler vom ADAC Südbayern. Stichwort Infrastruktur: Wenn neue Stadtteile geplant werden, müsse die Verkehrs-Anbindung eingeplant werden. „Es reicht auch nicht, das Schienen-Netz auszubauen, wenn es keine Park&Ride-Parkplätze gibt.“

Mit wachsender Bevölkerung wird es mehr Fahrzeuge geben, „deshalb gilt es, attraktive Angebote zu schaffen, damit die Leute auch auf den ÖPNV umsteigen“. Dort hapert es an anderer Stelle. „Das MVV-Angebot muss in den kommenden Jahren mindestens verdoppelt werden, damit das wachsende München weiter mobil bleibt - eine Mammut-Aufgabe für das neue Mobilitätsreferat“, sagt Stefan Hofmeir von der Aktion Münchner Fahrgäste.

„Wir haben unsere Planungen seit Längerem und in enger Abstimmung mit der Stadt auf das absehbare Bevölkerungswachstum eingestellt“, sagt dagegen Matthias Korte von der Münchner Verkehrsgesellschaft. Zudem gibt es „zu viele Schienenstrecken mit Engpässen“, kritisiert Norbert Moy vom Fahrgastverband pro Bahn. Etwa die Strecken nach Mühldorf und Garmisch, die S1 und S4*. Auch Umland-Verbindungen müssten ausgebaut werden. 

München im Wandel: Schulen am Limit

„Wir haben in den letzten Jahren erlebt, dass wir immer auf Kante genäht waren“, sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbandes. Entscheidend für die Zukunft seien die Anspruchshaltung und Erwartung an Bildung. „Reicht es, in der Schule den reinen Lehrplan abzuarbeiten? Natürlich nicht“, sagt Fleischmann.

Schule leiste mehr als reine Wissensvermittlung und sei nicht nur Lern-, sondern auch Lebensraum. „Ein Lehrer pro Klasse reicht da nicht.“ Den Mangel im Grund-, Mittel- und Förderschulbereich gelte es, auszugleichen oder zu verhindern. Geregelt werden müsse auch die Betreuung: Für die Plätze gebe es eine rechtliche Garantie, für Eltern hängt die berufliche Planung davon ab. „Man wird auch mehr Räume brauchen und andere Schulhäuser.“ Das Thema Infrastruktur mache vor Schulen nicht Halt.

Es braucht neue Konzepte für die Bildungseinrichtungen: Künftig werden mehr Kinder und Jugendliche die Münchner Schulen besuchen.

München im Wandel: Konzepte für Senioren

Wohnungsnot, Altersarmut durch hohe Mieten, Verdrängung aus den Vierteln und die damit verbundene neue Einsamkeit sowie Barrieren im öffentlichen Raum: „Das Wachstum der Stadt hat für viele ältere Bürger Probleme gebracht“, sagt Seniorenbeirätin Franziska Miroschnikoff (79). Und die wachsende Bevölkerung werde diese Probleme noch deutlich verstärken.

Miroschnikoff fordert daher: „Wir brauchen spezielle neue Wohnraum-Programme für ältere Bürger, einen Ausbau der Alten- und Servicezentren und Sicherheit in der medizinischen Versorgung, vor allem bei Notfällen.“ Die Stadt stehe gegenüber den älteren Bürgern in der Pflicht, die mit ihrer Lebensleistung zu Münchens Wohlstand beigetragen haben.

München im Wandel: Ärztliche Hilfe

Als Medizinstandort war München immer schon spitze. Auch in Zukunft wird es kein Versorgungsproblem geben, sagt Axel Heise von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern. „Die Versorgungslücke sehen wir eher in ländlichen Gebieten.“ In München wird bei steigender Bevölkerung auch die Zahl der Ärzte steigen. Auf einen Hausarzt kommen aktuell 1609 Patienten.

Bis zum Jahr 2039 werde sich aber auch die Medizin weiterentwickeln: „Der Fortschritt ist teilweise aktuell noch gar nicht vorhersehbar.“ Auch die Versorgung werde sich in ihrem Wesen noch verändern - dank Digitalisierung: Die Telemedizin werde bis 2039 ein wichtiges Thema werden. „Vielleicht muss man dann nicht mehr zum Blutdruck-Check zum Hausarzt.“ Sondern spricht kurz per Video. In einer voller werdenden Stadt spart das Ressourcen.

Die Zahl der Ärzte muss steigen: Gerade in einer alternden Bevölkerung steht die Gesundheitsversorgung im Vordergrund.

München im Wandel: Luxusgut Wohnen

1,6 Millionen Münchner? „Ich weiß gar nicht, wo man die alle unterbringen soll“, sagt Volker Rastätter vom Mieterverein. Denn die meisten Münchner Haushalte bestehen aus ein oder zwei Personen. Dazu kommt: „Wir wissen ja, dass der Wohnungsbau begrenzt ist.“ Mehr als 10.000 Wohnungen werden pro Jahr kaum fertig. „Also werden die finanziell Schwächeren verdrängt.“ Oft Rentner. „Die Gefahr ist, dass sich weniger gut Verdienende München nicht mehr leisten können. Das kann die Stadt nicht wollen.“

Auch für Eigentümer wird die Luft dünner. „Es gibt kaum noch Baugrundstücke in München“, sagt Rudolf Stürzer von Haus und Grund. Der Quadratmeterpreis liege jetzt schon bei 14.000 Euro pro Quadratmeter. Im Umland sei es zwar günstiger, „aber die Region wächst stärker als die Stadt. Umliegende Gemeinden sollten nicht den Fehler machen wie München: viel bauen, aber die Infrastruktur vernachlässigen.“

„Wir sind flächenmäßig stark limitiert, selbst wenn man im Umland viel baut“, sagt Stefan Kippes vom Immobilienverband IVD. In Sachen Strukturpolitik plädiert er für mehr Verteilung: München als Mega-Magnet „würde sich entspannen, wenn es mehr Förderprogramme für Gemeinden gäbe. (Andreas Thieme) *tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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