München im Jahr 2040

OB Dieter Reiter über die Altstadt der Zukunft: Kaum noch Autos, mehr Grün

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München ist die deutsche Stadt der Superlative und wird immer beliebter. 

München feilt an Maßnahmen für die Zukunft, schließlich will die Stadt auch in 20 Jahren noch ihren Spitzenplatz im Ranking der lebenswertesten Städte Deutschlands halten.

München ist im Wandel, ­nahezu jede Woche ­beschäftigt sich der Stadtrat mit Fragen für die Zukunft: Wohnen, Verkehr, Freizeitgestaltung. Dass es keine einfachen Antworten gibt, zeigt sich etwa bei der Diskussion um den Radlschnellweg nach Garching. Da müssen Parkplätze weg, was einigen nicht passt. Auch neue Fußgängerzonen können nur entstehen, wenn man an anderer Stelle etwas wegnimmt: den Autofahrern nämlich. Wir zeigen auf, wie sich Münchens Altstadt bis ins Jahr 2040 wohl verändern wird: weniger Autos, mehr Busse, mehr Trams, mehr Radwege, mehr Platz für die Menschen. Zudem wagen wir einen Ausblick darauf, wie künftig gebaut wird, warum Läden kleiner werden und wie wir in 20 Jahren wohnen werden. Außerdem haben wir mit OB Dieter Reiter (61, SPD) gesprochen. Der verrät uns: „In 20 Jahren wird kein Auto mehr mit Verbrennungsmotor in der Altstadt unterwegs sein. Da bin ich mir sicher.“ 

Einwohner

Prognosen des Planungsreferats zufolge werden in München im Jahr 2040 voraussichtlich rund 1,85 ­Millionen Menschen in München leben. Das entspricht einer Zunahme um 18,8 ­Prozent gegenüber 2017. Der Zuzug konzentriert sich jedoch weitgehend auf die Außenbezirke. Die Bewohnerzahl in der Innenstadt wird sogar sinken, im Bereich Altstadt-Lehel um 1,4 Prozent. Ende 2017 lebten 20 926 Menschen in dem Bezirk, im Jahr 2040 wären es rund 290 Menschen weniger. Max-, Ludwig- und Isarvorstadt werden jedoch weiter wachsen.

Wohnen

Genossenschaftsmodelle werden in 20 Jahren mehr Bedeutung einnehmen, prophezeit der Münchner Architekt Rainer Hofmann (bogevischs buero architekten & stadtplaner gmbh). „Wir erleben eine Renaissance von gemeinwohlorientierten Projektorganisationen wie Genossenschaften. Und davon brauchen wir auch noch viel mehr“, sagt Hofmann, der zudem dem Bund Deutscher Architekten Oberbayern vorsteht. Dieses Modell sichere dauerhafte bezahlbare Mieten. Architektur selbst werde künftig mehr dadurch bestimmt, einen positiven ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen. „Nur dann hat es Sinn, überhaupt weiter zu bauen – insofern sollten wir nicht darüber reden, die am wenigsten schädlichsten Gebäude zu bauen, sondern so zu bauen, dass durch das Bauen die ökologische Bilanz vor Ort besser wird.“ Ökologisch durch energieeffizientes Bauen! Wie Wohnungen aussehen werden, verrät ein Blick auf die Baumesse, die im Januar in Riem stattfand. Smart Home heißt der Trend: Die Wohnung wird zwar insgesamt kleiner, aber selbstständig. Mittels Fingerabdruck lässt sich die Eingangstür öffnen, Lichter gehen automatisch an – oder auf Zuruf, Fenster lassen sich elektrisch öffnen. Das Heizkörperthermostat lässt sich per Smartphone bedienen, der Energieverbrauch ist überwachbar.

Autos 

Laut dem Beratunsriesen McKinsey werden im Jahr 2030 rund 80 Prozent aller gefahrenen Kilometer in China, Europa und in den USA „selbstfahrend oder annähernd selbstfahrend“ zurückgelegt – ohne Verbrennungsmotor. BMW wird 2021 das erste hochmotorisierte Fahrzeug auf den Markt bringen, das dem Fahrer über längere Zeit die Aufgaben abnimmt. Das soll zunächst auf Autobahnen getestet werden, wenn das Fahrzeug nicht schneller als 130 Stundenkilometer unterwegs ist. Ende 2021 soll eine E-Flotte der neueren Generation probeweise auch in Städten in Betrieb gehen. Diese autonom fahrenden Elektrofahrzeuge sollen laut einem Sprecher per­spektivisch auch für Car-Sharing angeboten werden. Verbrennungsmotoren gehören 2040 der Vergangenheit an. Die Stadt investiert bereits jetzt 60 Millionen Euro in den Ausbau der E-Mobilität. Wolfgang Fischer von CityPartner glaubt, dass 2040 rund um den Altstadtring weitere Tiefgaragen entstanden sind. „Von dort erschließen Kleinbusse nach dem Hop-on-Hop-off-Verfahren die Innenstadt.“ Das Angebot an Car-Sharing ist deutlich ausgebaut.

Fahrrad

Mehr als 300 000 Menschen fahren in München täglich mit dem Radl und bewältigen damit rund 900 000 Wege. Bis zum Jahr 2030 werden mehrere Radschnellwege die Innenstadt mit dem Umland verbinden. Aktuell in der Debatte: die Strecke nach Garching mit dem umstrittenen Stück entlang der Leopoldstraße. Die Radwege werden großflächig ausgebaut sein, damit man sie mit Lastenrädern nutzen und gut überholen kann. Rund um die Altstadt soll ein Radlring führen. Es wird mehr Flächen fürs Radl-Parken geben, Parkhäuser an Knotenpunkten sind denkbar. Das Verhältnins zwischen den Verkehrsmitteln wird sich ändern. 2020 sollen 20 Prozent der Bewegungen mit dem Rad erfolgen, bis 2040 ­sollen 80 Prozent auf umweltfreundliche Verkehrsmittel entfallen, nur 20 Prozent auf Auto & Co.

Fußgänger

Die Weichen für eine autoarme Innenstadt sind gestellt. Das Tal wird bis 2040 längst Fußgängerzone sein. Weitere Flaniermeilen sind der Boulevard Sonnenstraße, die Fürstenfelder Straße, der Färbergraben, das Rosental und die Prälat-Zistl-Straße. Zudem werden Hackenstraße, Hermann-Sack-Straße und Westenriederstraße nahezu nur noch Fußgängern vorbehalten sein. Busse und Taxen werden weiter fahren. Oberirdische Parkplätze verschwinden größtenteils und werden auf die Tiefgaragen verteilt. 

Aufenthalt

Der Max-Joseph-Platz, der ­Isartorplatz, der Sendlinger-Tor- Platz und der Rindermarkt – aber auch der Bereich am Kosttor und der Hochbrückenstraße sind begrünt und laden zum Verweilen ein. Es wird viel mehr Grün in der Stadt geben, etwa durch bewachsene Fassaden, mehr Bäume und Alleen oder freigelegte Stadtbäche.

Handel im Wandel

Wolfgang Fischer (Chef der Innenstadt-Kaufleute) stellt sich in 20 Jahren einen gut aufgestellten und vielfältigen Handel in der Münchner Innenstadt vor. „Durch den Online-Handel, den die stationären Unternehemen als Multi-Channel-Anbieter nutzen, reduziert sich der Flächenbedarf des Handels. Dadurch normalisieren sich die Mietpreise, das Angebot wächst.“ Zudem setze sich der Trend fort, dass auch Online-Unternehmen stationäre Geschäfte eröffnen. Fischer sieht auch die Chance, dass Branchen wie Auto- und Möbelhäuser in die Innenstadt zurückkehren – „mit Showrooms, wo der gewünschte Wagen in der gewünschten Farbe dank Virtual Reality (VR) außen wie innen genauestens in Augenschein genommen werden kann.“ Probefahrten seien mit realitätsgleichen Fahrsimulatoren möglich. „Gleiches gilt zum Beispiel für Möbelhäuser, wo das gewünschte Möbelstück, ebenfalls dank VR im eigenen Lebensumfeld ausprobiert und betrachtet werden kann.“ Dazu müsse insgesamt gewährleistet sein, dass die Innenstadt weiterhin gut erreichbar ist und der MVV-Raum von Augsburg, Ingolstadt, Landshut, Rosenheim, Garmisch bis Landsberg reicht. ­Lieferungen für Geschäfte würden vorwiegend nachts durchgeführt, bestellte Waren lassen sich beispielsweise in Quartiersboxen abholen, wie sie derzeit an Mobilitätsstationen in Neuaubing/Westkreuz getestet werden.

Energie

Bereits 2017 hat der Stadtrat das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 beschlossen. Bis 20025 wollen die Stadtwerke (SWM) so viel Ökostrom in eigenen Anlagen produzieren, wie ganz München benötigt. München wird ­damit weltweit die erste Millionenstadt, die dieses Ziel erreicht! Bis 2040 ­wollen die SWM zudem den Münchner Bedarf an Fernwärme CO2-neutral decken. Überwiegend werden sie Ökowärme aus Tiefengeothermie gewinnen, also mit ­Erdwärme. Mit gut 800 Kilometern Länge hat München eines der größten Fernwärmenetze in Europa. Ein weiterer regionaler Baustein des Klima-Engagements ist Fernkälte. Schwerpunkt ist das wachsende Fernkältenetz in der Innenstadt. Dank der Ökokälte von Grundwasser und Stadtbächen sinkt der Energieverbrauch für die Kälteerzeugung um rund 70 Prozent. Weiterer Baustein ist das virtuelle Kraftwerk. Verschiedene Erzeugungseinheiten und Verbraucher werden sinnvoll vernetzt, damit sind Energieproduktion und -bedarf besser aufeinander abgestimmt. Zudem wird es ein intelligentes Messsystem geben: Mit digitalem Zähler und Smart Meter Gateway lassen sich Zähler automatisch ablesen. Über die Plattform lassen sich weitere Sensorik und Aktorik – zum Beispiel Rauchmelder – anbinden. Über das System lassen sich Photovoltaik, stationäre und mobile Speicher sowie Haushaltsgeräte steuern. Bis 2021 werden rund 70 Prozent der Haushalte und 81 000 Gewerbebetriebe Zugang zum Hochgeschwindigkeits-Internet haben. Langfristig soll ganz München erschlossen werden.

OB Dieter Reiter im Interview: „Mehr Plätze – weniger Verkehr!“ 

Herr Oberbürgermeister, wie werden die Menschen in 20 Jahren wohnen?

Dieter Reiter: Wir erleben gerade eine Wiederentdeckung des Genossenschaftsmodells. Neben den städtischen Wohnungen bieten auch Genossenschaften langfristig bezahlbare Wohnungen. Deshalb baut die Stadt entweder selbst auf ihren Flächen günstige Wohnungen oder bietet diese Flächen im Erbbaurecht Genossenschaften an, um den ständig steigenden Mieten auf dem privaten Wohnungsmarkt etwas entgegensetzen zu können.

Wie steht es um das Thema Energie, wie wird München versorgt?

Reiter: Wir haben mit unserem städtischen Energieversorger Stadtwerke München bereits 2008 ein ambitioniertes Ziel vorgegeben: bis 2025 so viel Ökostrom in eigenen Anlagen zu erzeugen, wie München benötigt. Und es sieht gut aus, dass wir dieses ehrgeizige Ziel auch erreichen. Wir werden also nicht erst in 20 Jahren ausschließlich erneuerbare Energien nutzen, sondern deutlich früher! Die Geothermie wird dabei eine noch größere Rolle spielen und Kohlekraftwerke werden der Vergangenheit angehören.

Was passiert mit dem Verkehr, Radverkehr, Auto, ÖPNV?

Wie ist das weitere Vorgehen bezüglich der autofreien Altstadt? Gibt es einen Zeitplan? Reiter: Für mich ist die Priorität eindeutig: U-Bahn, Bus und Tram stehen allein aufgrund ihrer Kapazitätsmöglichkeiten an erster Stelle. Zusätzlich bauen wir unser Radwegenetz aus und schaffen neue Räume und Plätze für die Menschen, die zu Fuß unterwegs sind. Was die autofreie Altstadt betrifft, so haben wir den Grundsatzbeschluss dazu im Juni gefasst. Die Mehrheit des Stadtrats hat sich für eine deutliche Reduzierung des Autoverkehrs ausgesprochen. Jetzt ist die Verwaltung aufgefordert, entsprechende Lösungen zu erarbeiten. Mein Ziel dabei ist klar: Ich will, dass unsere Stadt wieder mehr Raum für die Münchner bietet, mehr Grün, mehr Aufenthaltsqualität. Natürlich wird es Ausnahmen für Einsatzfahrzeuge, den Lieferverkehr oder Zufahrt für Anwohner oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität geben. Was den Zeitplan anbelangt, sind ja erste Maßnahmen bereits umgesetzt oder beschlossen, wie beispielsweise die Fußgängerzone in der Sendlinger Straße oder die zukünftig für den Privatverkehr geschlossene Dienerstraße. In 20 Jahren jedenfalls wird es keine Kraftfahrzeuge mehr mit Verbrennungsmotor innerhalb der Altstadt geben. Da bin ich sicher!

Welche Geschäfte wird es noch in der Innenstadt geben, hat der Einzelhandel noch eine Chance? Wie werden Geschäfte beliefert?

Reiter: Ich stelle mir vor, dass es auch in 20 Jahren noch individuelle, Inhaber-geführte Geschäfte in unserer attraktiven Innenstadt geben wird. Wir als Stadt müssen den Weg in die Stadt, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Rad oder zu Fuß so bequem und angenehm wie möglich gestalten. Aber wenn der Online-Handel weiter zulegt, dann helfen auch die besten Konzepte und schönsten Innenstädte nichts. Hier sind wir alle gefragt, unsere persönlichen Einkaufsgewohnheiten zu hinterfragen! Wer kleine Einzelhandelsgeschäfte will, sollte auch dort einkaufen. Waren werden auch in 20 Jahren noch angeliefert werden müssen, aber idealerweise mit umweltfreundlichen Fahrzeugen und logistisch aufeinander abgestimmt. Die Digitalisierung bietet hier ungeahnte Möglichkeiten.

Das Thema Digitales spielt eine Rolle, Smart City beispielsweise. Was ist mit Drohnen und Flugtaxis?

Reiter: Flugtaxis finde ich eine spannende Idee, aber sie werden nicht die Lösung unserer Mobilitätsfragen sein. Trotzdem ist es wichtig, auch weiterhin neue Technologien, wie zum Beispiel autonomes Fahren, zu entwickeln. Gleiches gilt für Drohnen.

Wie werden Menschen in der Innenstadt noch Erholung finden, welche Plätze bieten sich für Begrünungen an?

Reiter: In 20 Jahren, wenn’s nach mir geht deutlich früher, werden die Plätze in unserer Stadt wesentlich mehr Aufenthaltsqualität bieten und echt zum Verweilen einladen. Es kann nicht genug Grünflächen in unserer Stadt geben, das werden wir auch bewahren. Deshalb habe ich die Verwaltung längst beauftragt, alle Plätze auf Verbesserungspotenziale zu prüfen. Das geht von kleinen Maßnahmen, wie mehr Sitzmöglichkeiten und mehr Pflanzen in der Fußgängerzone, bis hin zur kompletten Umgestaltung von Plätzen, wie den Willy-Brandt- oder den Max-Joseph-Platz. Darauf freue ich mich schon, wenn dort nicht mehr Autos quer über den Platz fahren, sondern die Menschen sich treffen und aufhalten.

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