100 Jahre Frauenwahlrecht

Münchens engagierte First Lady Petra Reiter: Helfen, wo die Not am größten ist

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Petra Reiter an ihrem Arbeitsplatz.

Genau am 1. Mai 2014 begann nicht nur für den amtierenden Oberbürgermeister Dieter Reiter ein neuer Lebensabschnitt. Auch seine Frau, Petra Reiter, ist seitdem bis zu 70 Stunden in der Woche ehrenamtlich als Schirmherrin und Stiftungsgründerin unterwegs.

Frau Reiter, seit Sie First Lady der Stadt München sind, müssen Sie sogar private Termine wie „3 Stunden Plätzchenbacken“ in Ihren Geschäftskalender eintragen. Vermissen Sie Ihr altes Leben?

Nein, ich vermisse es nicht. Sicher, mein Terminkalender ist – seit mein Mann Oberbürgermeister ist – voller als früher. Und das im Grunde die gesamte Woche, aber das wusste ich ja vorher, es war also eine bewusste Entscheidung. Um hierfür Zeit zu schaffen, habe ich mein berufliches Engagement deutlich zurückgeschraubt. Jetzt nehme ich diese gewonnene Zeit als Chance wahr, um Menschen zu helfen, dort, wo die Not am größten ist. Hinschauen und was tun, Ehrenämter nutzen, um zu unterstützen, das habe ich mir zur Aufgabe gemacht. Und das absolut aus Überzeugung. Nicht, weil jemand sagt, dass ich das tun soll.

Hatten Sie schon vorher diese Kontakte?

Viele davon schon. Aber natürlich sind in den letzten Jahren durch meinen Mann viele Menschen dazugekommen. Menschen, die mich bei meinem ehrenamtlichen Engagement auf unterschiedliche Weise unterstützen. Und das ist wunderbar in unserer Stadt: Jeder Dritte in München ist ehrenamtlich tätig, das macht München ja so stark. Und durch meine neue Rolle finde ich natürlich mehr Gehör bei Unterstützern, und das hilft der guten Sache.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, Ihre Karriere zurückzuschrauben?

Ja, so ganz kann ich noch nicht loslassen (lacht). Ich habe 20 Jahre für eine Firma gearbeitet, in der arbeite ich auch heute noch einen Tag die Woche, das ist zeitlich gut machbar. Man gibt so seine Eigenständigkeit nicht auf und bleibt in Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen.

Bleibt Ihnen überhaupt noch Zeit für ein Privatleben?

Sie haben in Ihrer Funktion viele Ehrenämter übernommen und sind als Schirmherrin und in Stiftungen aktiv. Viele Termine liegen in den Abendstunden. Bleibt da noch Zeit für ein Privatleben?

Beides geht fließend ineinander über. Wenn ich zum Beispiel abends in einem schönen Konzert sitze, dann sehe ich das nicht als Termin. Das ist für mich Freizeit und oft auch ein Treffen mit ehrenamtlichen Unterstützern – also eine wunderbare Verbindung. Ich bin auf diese Art und Weise viele Stunden in der Woche und natürlich auch am Wochenende unterwegs. Die Zeitgestaltung ist somit natürlich deutlich anders als früher: Ich bin jetzt wesentlich öfter in Veranstaltungen oder Konzerten, als ich das vorher war – und die Waldspaziergänge werden weniger (lacht). Für meinen Mann sind die Abende natürlich oft etwas anders: Nach seinen Abendterminen liest er selbst im Auto auf dem Nachhauseweg noch Akten, schreibt, telefoniert und nutzt damit auch den Fahrtweg noch. Das ist bei mir doch deutlich entspannter.

Gibt es Projekte, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

Alle sind irgendwie gleich – da gibt es kein Ranking. Bei den Dingen, für die ich mich stark mache, geht es grundsätzlich immer um Menschen in Not: Das fängt bei den ganz Kleinen an und hört bei den älteren Menschen auf. Zum Beispiel die „Bunten Münchner Kindl“, wo unser Ziel ist, dass wir Kindern aus allen Familien in München – von der Vorschule bis zur Berufsschule oder dem Abitur – die gleiche Chance auf Bildung bieten. Und das klappt nur, wenn alle mit dem gleichen Schulmaterial starten, und zwar mit einem guten Material. Dieses Projekt ist durch viele Gespräche mit Lehrern, Eltern und Fachleuten entstanden, nach denen mir klar wurde, dass da etwas passieren muss. Also habe ich die Stiftung ins Leben gerufen und begonnen, Geld zu sammeln. Angefangen haben wir mit Gutscheinen für Sportausrüstungen, mittlerweile statten wir hilfsbedürftige Kinder aus allen gesellschaftlichen Schichten ganz individuell mit komplettem Schulmaterial vom Zirkel, Federmäppchen bis zum Schulranzen aus. Ganz so, als wären es unsere eigenen Kinder.

Ein Projekt, das mir auch am Herzen liegt, ist „Lacrima“, das heißt „Träne“. Hier werden in einem speziellen Zentrum Kinder betreut, die einen Elternteil oder ein Geschwisterkind verloren haben. Dort war ich vor kurzem einige Stunden und habe mit den Kindern gemeinsam Plätzchen gebacken, das hat unheimlich viel Freude bereitet – mir und den Kindern, das mache ich nächstes Jahr sicher wieder.

Und ich engagiere mich in der Hospizarbeit, begleite Menschen am Ende ihres Lebens. Dafür habe ich vor einigen Jahren eine Ausbildung gemacht und bin bis heute noch aktiv: Diese Aufgabe ist anspruchsvoll, hilft aber den Betroffenen wirklich sehr. Für mich ist dies jedesmal eine wertvolle Erfahrung!

Ein weiteres Thema, das in München wichtig ist: Das Netzwerk für Wohnungslose, für das ich gerne die Schirmherrschaft übernommen habe. Wir haben in München leider weit über 10 000 wohnungslose Menschen, darunter auch viele Kinder. Da versucht das Netzwerk, zu helfen und zu vermitteln. Daneben gibt es in München mit dem Kälteschutzprogramm die Möglichkeit, dass jeder, der keinen Schlafplatz hat, auf jeden Fall einen Übernachtungsplatz bekommt. Niemand muss draußen auf der Straße übernachten und frieren. Und ich versuche auch hier, Mittel zur Unterstützung dieses Programms zu akquirieren, damit noch mehr Menschen geholfen werden kann.

“Es gibt, Gott sei Dank, in München viele hilfsbereite Menschen“

Wie finanzieren Sie denn Ihre Projekte?

Wie gesagt, hauptsächlich durch das Einwerben von Spenden. Es gibt, Gott sei Dank, in München viele hilfsbereite Menschen, denen es gut geht und die von ihrem Wohlstand auch etwas abgeben, um anderen zu helfen. Und beim Schulmaterial ist der gute Kontakt zu den Herstellern natürlich sehr wichtig, die uns die Artikel dann zum Selbstkostenpreis zur Verfügung stellen. Die laufenden Verwaltungskosten trage ich bei „Bunte Münchner Kindl“ selbst, für größere Beträge gibt es glücklicherweise oft einen Sponsor. Zum Beispiel hat der Karikaturist Dieter Hanitzsch gratis extra für uns das Münchner Kindl für eine Briefmarke gezeichnet – darauf sind wir sehr stolz. Oder unser Auslieferfahrzeug, das eine ehrenamtliche Unterstützerin gespendet hat – einfach so.

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In einem Steckbrief geben Sie als Lieblingsbuch die Bibel an. Inwiefern und warum spielt der Glaube bei Ihnen persönlich eine so große Rolle?

Der Glaube ist mein Halt, mein Fundament. Als Christ ist es für mich wichtig, in der Bibel zu lesen und sie zu verstehen. Daran kann ich mich aufrichten, wenn es mir mal nicht so gut geht.

Die Familie Reiter lebt ja ein Patchwork-Modell. Sie haben Anfang der 90er Jahre zwei Kinder, ihr Mann ein Kind mitgebracht. Wie haben Sie sich zusammengerauft?

Das war sicher nicht ganz einfach. Die Kinder waren ja noch sehr klein, nicht mal in der Schule. Ich kann nur jeder Patchwork-Family sagen: Bitte bleiben Sie dran – es ist jede Mühe wert! Und es klappt sicher nicht von heute auf morgen. Das Zusammenwachsen ist mit vielen Herausforderungen verbunden, mit vielen Widerständen, die meistens von außen kommen. Da ist es ganz wichtig, dass man die Ruhe behält. Mittlerweile können mein Mann und ich ganz einfach von „unseren Kindern“ sprechen. Und ich glaube auch, dass die Kinder als Geschwister zusammengewachsen sind – trotz Patchwork.

Diana Thies-Kuchenbecker

Starke Frauen - 100 Jahre Frauenwahlrecht 

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