Münchens Ex-Chefermittler: "Meine spektakulärsten Fälle"

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Bestseller-Autor Josef Wilfling.

München - In jedem von uns schlummert der Abgrund. Das sagt Münchens ehemaliger Chefermittler und Bestseller-Autor Josef Wilfling.

Lesen Sie hier Teil 1:

Wilfling zur tz: In jedem steckt ein Mörder

Dieser Theorie folgt der ehemalige Chef der Münchner Mordkommission und Bestseller-Autor Josef Wilfling (65) in seinem zweiten Buch Unheil – Warum jeder zum Mörder werden kann (Heyne Verlag, 19,99 Euro, 304 Seiten). Und liefert gleich die Beweise dazu aus seiner langjährigen Kriminaler-Erfahrung: bewegende, schockierende, zuweilen herzzerreißende Tragödien der Münchner Kriminalgeschichte – ausgelöst von völlig ­unauffälligen Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft, die plötzlich zu ­Mördern geworden sind. Die tz druckt exklusiv Auszüge aus dem neuen Buch des legendären Mordermittlers und zeigt Fotos und Originalschauplätze. Lesen Sie heute den zweiten Teil des Kapitels Der Profi.

Fünf Stunden später wurde Peter L. aus seiner Zelle wieder (…) in mein Büro gebracht. Er sah schrecklich aus. Nichts war geblieben von dem gut aussehenden, sportlichen, eloquenten Akademiker. (…) Dann ging es schneller, als ich dachte. (…)

„Es war nicht so, wie Sie denken. Es war ganz anders. Es ging um Lisa.“

Das Buch von Josef Wilfling: „Unheil – Warum jeder zum Mörder werden kann“ (Heyne Verlag, 19,99 Euro, 304 Seiten)

Ein Weinkrampf erfasste und schüttelte ihn derart heftig, dass ich fast befürchtete, er könnte vom Stuhl fallen. (…) Ich war mir sicher, dass seine Verzweiflung nicht gespielt war. Derart extreme körperliche Reaktionen kann man nicht simulieren. (…) Es sei die pure Bösartigkeit seiner Frau gewesen, die ihn die Kontrolle verlieren ließ. Sie wollte das alleinige Sorgerecht für Lisa. (…) Er sei außer sich vor Wut gewesen und habe sie angebrüllt, er sei schließlich der Vater, und es gebe Gesetze. Daraufhin habe sie hämisch gelächelt und ganz ruhig gesagt: „Du wirst Lisa nicht mehr sehen. Väter, die im Verdacht stehen, ihre Töchter sexuell missbraucht zu haben, bekommen weder ein Umgangsrecht noch ein Besuchsrecht.“

Da habe er sie getötet.

Es herrschte minutenlange Stille im Vernehmungsraum. (…) Er habe einen Hammer genommen und damit seiner Frau auf den Kopf geschlagen, bis sie zusammenbrach – was dann passierte, wisse er nicht mehr genau. (…) Seine blutbefleckte Kleidung, den Hammer, die angebliche Diebesbeute (…) habe er im Wald (…) versteckt. Dabei sei er abgerutscht und habe sich das Schienbein aufgescheuert.

Eine Kollegin nahm sofort Kontakt mit der Kinderpsychologin auf. (…) Zwei Stunden später rief sie zurück und erklärte, es gebe keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass Lisa sexuell missbraucht worden sei. Im Gegenteil, Lisa liebe ihren Papa über alles, mehr sogar als ihre Mama. Jetzt empfand ich fast so etwas wie Mitleid mit Peter L. Ich glaubte ihm. Es wäre nicht der erste Fall, bei dem gemeine Unterstellungen, schwere Provokationen oder demütigende Äußerungen eine tief greifende Bewusstseinsstörung auslösten. (…)

Damit, so dachte ich, sei der Fall wohl weitgehend geklärt. (…) Die Abgründe, die sich noch auftun sollten, führten mir deutlich vor Augen, dass man sich gerade als Ermittler nicht nur auf seine Menschenkenntnis verlassen durfte. (…)

Während das Ermittlerteam unterwegs war, wurde die Telefonnummer einer Anschlussinhaberin ermittelt, die Peter L. am Tattag (…) angerufen hatte, während er beim Joggen war. Bei der Dame handelte es sich um seine Geliebte. Seit über einem Jahr bestand diese außereheliche Beziehung – die erste Abweichung von den Angaben unseres Beschuldigten. Es handelte sich um eine Arbeitskollegin, Juristin wie Peter L. Sie reagierte kühl und abweisend (…).

„Da wäre er vom Regen in die Traufe gekommen“, sagte der Vernehmungsbeamte hinterher, und fügte hinzu: „Die ist ja kalt wie ein Fisch.“

Langsam, aber sicher begann ich, an meiner Menschenkenntnis zu zweifeln. (…) War die Geliebte in Wahrheit der Grund, warum er seine Ehe beenden wollte? Wusste seine Frau bereits, dass er eine Geliebte hatte? Sie wusste es. (…) Sie wusste von der Beziehung ihres Mannes zu einer wesentlich jüngeren Frau. (…) Einer Mitarbeiterin gegenüber war bei einem Glas Wein nach der Arbeit eine Andeutung gefallen, die zu dem passen konnte, was sie Peter L. angedroht haben soll.

Sinngemäß äußerte sie damals, Mittel und Wege zu kennen, um ihm ganz gehörig die Suppe zu versalzen. Falls er glauben sollte, er könne ihr Lisa entfremden und mit seiner jungen Schlampe eine Ersatzmutter schaffen, würde er sich täuschen. (…)

Wieder einmal wurde mir klar, dass Gehässigkeiten, Bösartigkeiten und andere negative Eigenschaften absolut nichts mit dem sozialen Status und der Bildung zu tun haben. (…)

Im Wald fanden die Ermittler unter einem Baumstamm eine Plastiktüte, in der sich all das befand, was Peter L. versteckt hatte. (…) Doch der akribische Erkennungsdienstbeamte entdeckte noch etwas: einen zweiten Hammer. (…)

Wie später die Obduktion der Leiche im Institut für Rechtsmedizin in München ergab, durchschlug bereits der erste Hieb mit dem 1000 Gramm schweren Hammer, der die Frau direkt von vorne traf, die Schädeldecke.

Christine L. fiel in Rückenlage zu Boden, war mit hoher Wahrscheinlichkeit aber noch nicht tot. Die Rechtsmediziner konnten nicht mehr exakt feststellen, wie viele Schläge es insgesamt waren. Jedenfalls weit über zwanzig. (…) Als der Hammerstiel brach, holte er sich aus dem Werkzeugkasten einen zweiten Hammer und schlug so lange auf den Schädel seiner Frau ein, bis der Kopf als solcher nicht mehr zu erkennen war.

(…) Am nächsten Tag folgten weitere Erkenntnisse, die eine Affekttat zunehmend infrage stellten. (…) Des Rätsels Lösung brachte ein verschlossener Aktenkoffer (…). Gefragt, wo der Schlüssel dafür sei, reagierte der Verdächtige auffällig. (…) In diesem Koffer würden sich streng geheime dienstliche Unterlagen befinden. (…) Wir würden enorme Schwierigkeiten bekommen, sollten wir es wagen, den Inhalt zu sichten. Der Staatsanwalt wagte es dennoch und ordnete die Öffnung an. Damit war ich endgültig widerlegt mit meiner Annahme einer Affekttat.

In dem Koffer fand sich ein Notizblock mit handschriftlichen Aufzeichnungen von Peter L., wie ein Schriftsachverständiger später feststellte. Es war eine Art Checkliste, wie sie Piloten benutzen (…) Die Aufzeichnungen bezogen sich zweifelsfrei auf die Tat. Welchen Sinn sollten sonst Anweisungen haben wie: „Haare verstreuen“, „Hausschuhe entsorgen“, „Hammer wegwerfen“, „Handys ausschalten“, „Kleider entsorgen“, „Einbruch vortäuschen“ und so weiter. Dass diese Notizen auf einen akribisch geplanten Mord nicht nur hindeuteten, sondern einen klaren Beweis darstellten, war selbst den Anwälten klar. (…)

Dorita Plange

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