Hallen-König Wolfgang Nöth stirbt mit 77 Jahren

Der Prügel ruht in Frieden

Wolfgang Nöth steht 2013 in einer leeren alten Halle in Neuaubing. Er hebt zum Spaß drohend einen Vorschlaghammer hoch.
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Wolfgang Nöth 2013 in Neuaubing. Wo früher Schlafwägen repariert wurden, richtete er einen Antikmarkt ein.

Wolfgang Nöth hat das Münchner Nachtleben geprägt wie kein Zweiter. Indem er Industriehallen zu Vergnügungstempeln ummodelte, erfand er Theaterfabrik, Kunstpark Ost, Nachtwerk, Zenith, das Veranstaltungszentrum in Riem. Einem Wutanfall von ihm ist es zu verdanken, dass Münchens Sperrstunde fiel. Jetzt ist der streitbare Unternehmer mit 77 Jahren gestorben.

  • Wolfgang Nöth machte München in den Neunzigern zur Partyhauptstadt des Landes
  • Dabei legte er sich regelmäßig mit den Genehmigungsbehörden und den Münchner Politikern an
  • Nöth war ein Original voller Herz, Tatkraft und Kenntnis der Subkultur - trotz der rauen Schale

„Ich hab meinen Kopf doch ned zum Haare schneiden!“ Diesen Satz bekam früher oder später jeder von Wolfgang Nöth vor den Latz geknallt. Sollte heißen: Der energiegeladene, durchaus ungehobelte, aber eben auch unverbogene Unternehmer mit der grauen Mähne war ein Mann mit Ideen. Und er war einer, der diese Ideen – wenn’s sein musste – gegen Bedenkenträger, Amtsschimmelreiter und Genehmigungsvorschriften durchsetzte. Mit dem langhaarigen Kopf durch die Wand. Jetzt ist Nöth mit 77 Jahren gestorben, nach kurzer Krankheit, wie es heißt.

Der Satz von Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt sagt sich so locker: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Lustigerweise könnte er sogar von Wolfgang Nöth selbst stammen, der sein schnoddriges unterfränkisches Mundwerk nur schwer zügeln konnte. Aber tatsächlich hatte Nöth Visionen. Wo andere nur heruntergekommene Brachen sahen oder baufällige Industrieruinen, sah er Menschen tanzen und feiern, Sammler nach Antikem stöbern, Schauspieler und Kabarettisten auftreten. Wo immer Wolfgang Nöth in den vergangenen Jahrzehnten eine leer stehende Industriehalle in die Finger bekam, machte er was draus.

Es gab Zeiten, da verkörperte Nöth allein Münchens Renommee als Party-Stadt

„Hallenkönig“ oder „Hallenmogul“ taufte ihn Münchens Presse – und da schwang schon auch was Furchteinflößendes mit. „Er war manchmal eine Nervensäge für Oberbürgermeister und Stadtverwaltung“, gibt Alt-OB Christian Ude unumwunden zu. „Es gab sogar einmal einen Aufstand der Referenten – man könne doch nicht jede Kabinettssitzung der Stadt mit dem endlosen Tagesordnungspunkt ,Neues von Nöth‘ eröffnen. Gleichzeitig fand ich das, was er tat, großartig für München.“ Und es habe durchaus Zeiten gegeben, in denen habe Nöth allein Münchens Renommee als Stadt verkörpert, deren Nachtleben man international ernst nehmen kann. „Da kamen englische Journalisten auf mich zu – ob ich ihnen einen Termin mit ihm vermitteln könnte.“

Streitbar: Wolfgang Nöth im Gespräch mit Anwohnern einer seiner Hallen.

Das war zu der Zeit zwischen 1992 und 1996, als Nöth die Gebäude des ehemaligen Flughafens Riem zu einem Party-Areal umgemodelt hatte. In zehn Hallen feierten Menschen, das „Ultraschall“ wurde zum weltberühmten Techno-Club. Davor wiederum hatte in Nöths Theaterfabrik in Unterföhring („Disco Orange“) die deutsche Hallenkultur ihren Anfang genommen. Das Nachtwerk, eine Konzert- und Partyhalle an der Landsberger Straße, zog Schlager-und Rockfans gleichermaßen an.

In den Kunstpark Ost kamen schnell 250 000 Besucher pro Monat

1996 dann suchte Pfanni-Chef Otto Eckart einen Betreiber für eine Zwischennutzung auf dem leer stehenden Areal hinter dem Ostbahnhof. Er hatte die Knödel-Firma verkauft, nun sollte jemand Leben in die Bude bringen – und es gab keinen Passenderen für den Job als Nöth. Der stand gut mit der Stadtpolitik, hatte Georg Kronawitters Ohr und Christian Udes Gunst, und so konnte er sich den ein oder anderen Verstoß gegen behördliche Vorgaben leisten. Nöth wird mit dem Satz zitiert: „Es tut mir leid für die Baubehörden, dass ich mit meinen Ideen schneller war als sie mit ihren Genehmigungen.“

Nöth führte – gemeinsam mit Mathias Scheffel und dessen Gattin Gaby – auf den 80 000 Quadratmetern fort, was er in Riem begonnen hatte: mit Konzerthallen wie dem Metropolis, Lokalen wie der Nachtkantine (der alten Pfanni-Kantine) und etwa 30 Discos. Dazu kamen rund 60 Künstlerateliers und 30 Kleinunternehmen sowie regelmäßig Kunst- und Antiquitätenflohmärkte. Nicht zuletzt aufgrund der günstigen Lage am Ostbahnhof kamen schnell 250 000 Besucher pro Monat, davon etwa die Hälfte aus dem Umland der Stadt.

Seine jüdische Mutter rettete ihm das Leben, als sie ihn in einem Persil-Karton vor einem Gasthaus abstellte

Nach München war Nöth 1979 gekommen, zuvor hatte er bei einer Spedition gearbeitet, einer Cola-Fabrik, einer Ziegelei, als Dachdecker in Nürnberg, Frankfurt am Main, in den Niederlanden und Israel. Er fing im Schlachthof an, jobbte alsTierpräparator und Holzverkäufer. 1981 dann stieg er bei Beppi Bachmair in der Theatergaststätte Fraunhofer ein. Als der Laden mal zu eng zu werden drohte, zeigte sich seine durchaus unkonventionelle Art, Probleme anzupacken: „Der Wolfgang hat eines Nachts eine Kreissäge genommen und ein Stück der Bühne weg gesägt“, erinnert sich Bachmair. „So gehen 20 Leute mehr rein.“

Klein beigeben, das war Nöths Sache nicht. „Einer muss ja den Prügel aus der Tasche ziehen, damit in München etwas passiert“, sagte er.

„Er konnte eine Nervensäge sein“: Alt-OB Christian Ude beim Showkampf mit Wolfgang Nöth

Das Unbequeme, die Kämpfernatur, beides hat er sich wohl schon früh aneignen müssen. Seine Familie ist im Holocaust umgekommen, seine jüdische Mutter hat ihm nach seiner Geburt 1943 das Leben gerettet, als sie ihn in einem Persil-Karton vor einem Gasthaus in Würzburg abstellte. An die große Glocke hat er das nie gehängt. Aber es erklärt, warum er bei aller kaufmännischen Ader auch eine Haltung hatte. So benannte er eine Konzerthalle neben dem Optimolgelände nach Hitler-Attentäter Georg Elser, als sich sonst noch niemand an den Mann erinnerte. In Johanneskirchen plante er Ende 2015 ein Integrationsprojekt für Flüchtlinge. „Ich bin im Heim aufgewachsen“, sagte er, „wenn man Leute zusammenpfercht, braucht man sich nicht wundern, wenn sie aggressiv werden.“

Meine Sekretärin war ganz aufgeregt: ,Gleich kommt doch der Herr Hallen-Mogul – aber jetzt sitzt hier so ein langhaariger Penner, der sich nicht abwimmeln lassen will.‘“

Alt-OB Ude über seinen ersten Termin mit Nöth im Rathaus

Dem Nöth’schen Dickkopf verdankt die Stadt auch die Abschaffung der Sperrstunde, für die München deutschlandweit belächelt wurde. Gastronom Michi Kern erinnert sich im Buch „Mjunik Disco“: „In der Woche, in der der Kunstpark Ost aufgemacht hat, da gab es ’ne große Abnahme vom Kreisverwaltungsreferat. Die sagten: ,Ja, das ist alles super. Nur: Ihr müsst um eins zumachen.‘ Da ist der Wolfgang Nöth voll ausgerastet.“ Georg Ringsgwandl habe einst über Nöth gesagt: Wenn der sich aufrege, reiße er auch ein Waschbecken mit bloßen Händen aus der Wand – so ein Gift-Haferl werde er dann. „So ähnlich war das auch diesmal“, sagt Kern. „Wolfgang ist durchgedreht. Hat die angebrüllt und den Bürgermeister angerufen. Und dann gab es echt eine Sperrzeitaufhebung!“ Im Schatten des Kunstparks konnten auch die Clubs im Stadtkern wieder lange öffnen.

Wolfgang Nöth war ein Macher – und blieb mit seinen abgewetzten Klamotten doch ein Unikum. Christian Ude erinnert sich an seinen ersten Termin – damals noch als Zweiter Bürgermeister – mit Nöth im Rathaus. „Meine Sekretärin wusste nicht, wer das war, der da um 16 Uhr kommen sollte. Da fragte ich: Kennen Sie den Nöth nicht? Das ist doch der berühmte Hallen-Mogul in München. Was ist denn ein Mogul?, fragte sie. Na ja, eine beherrschende Figur, sagte ich. Kurz vor 16 Uhr stürzte sie in mein Büro und rief: Gleich kommt doch der Herr Hallen-Mogul – aber jetzt sitzt hier so ein langhaariger Penner, der sich nicht abwimmeln lassen will.“

Einer wie er wird fehlen – ein Original voller Herz, Tatkraft und Kenntnis der Subkultur. Das nicht nur alle seine Flohmarkthändler kannte, sondern sie auch unterstützte, wen sie in Not waren. Ein Ermöglicher mit dem Riecher für neue Räume. Der auch mal den Prügel aus der Tasche zieht, damit was vorwärts geht. Was er wohl noch auf die Beine gestellt hätte? „Ich baue eine Oper“, sagte er mal im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ich habe immer noch den Film Fitzcarraldo von Werner Herzog im Kopf. Eine Oper im Wald. Da lasse ich nicht locker.“

Man hätte sich nicht wetten getraut, dass er nur Spaß macht.

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