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Sie sind Münchens jüngste Richter! Schüler entscheiden über straffällige Jugendliche - „Ein Erfolgsmodell“

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Von: Andreas Thieme

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Justizminister Georg Eisenreich mit den sechs Schüler-Richtern
Justizminister Georg Eisenreich (51, links) mit den sechs Schüler-Richtern Jannik, Zerda, Josefina, Annelie, Amar und Celina am Erasmus-Grasser-Gymnasium © SIGI JANTZ

Sie sind so jung wie die Beschuldigten – doch vor dem Munich Teen Court urteilen Schüler über straffällige Jugendliche. Haben letztere ein Handy geklaut oder waren in eine Schlägerei verwickelt, müssen sie sich seit fast zwei Jahren auch vor Gleichaltrigen verantworten – und Schülerrichter wie Josefina (15) oder Jannik (17) entscheiden dann über die Strafe.

München - „So findet ein Dialog auf Augenhöhe statt und es kann gemeinsam eine Sanktion erarbeitet werden“, sagt Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (51). Das sogenannte Schülergericht sei ein Erfolgsmodell: Bis heute wurden über 110 Fälle verhandelt.

„Man lernt nicht nur, welche Straftaten begangen werden, sondern auch, welche Geschichte dahinter steckt“, sagt Josefina (15) vom Erasmus-Grasser-Gymnasium. Sie verhandelte einen Diebstahl, den ein Jugendlicher begangen hatte. „Er handelte aber nicht böswillig, sondern hatte soziale Probleme“, sagt die Schülerin. Seine Vorgeschichte: Probleme mit den Eltern, er wurde von Internat zu Internat geschickt. „Er fühlte sich abgeschoben, das hat mich berührt.“ Mit zwei Mitschülern hörte Josefina sich die Aussagen des Täters an. Gemeinsam entschieden die Schüler-Richter: Der Dieb muss einen Aufsatz schreiben, um sein Verhalten zu reflektieren – und sich dafür auch mit einer Studie auseinandersetzen. Rückblickend sagt Josefina: „Man lernt wahnsinnig viel über Menschen und wie sie sich verhalten. Das finde ich so spannend, dass ich mir auch in der Zukunft einmal vorstellen kann, Jura zu studieren und Richterin zu werden.“

Doch verhandelt wird beim Munich Teen Court noch nicht im Gerichtssaal, sondern am runden Tisch – jeweils begleitet von Sozialpädagogen des Vereins Die Brücke, dort sitzen die Experten für jugendliche Straftäter. Bereits seit November 2020 kann die Staatsanwaltschaft München I Jugendprozesse an die Schülerrichter weitergeben – schwere Straftaten sind davon ausgenommen. München ist neben Aschaffenburg, Augsburg, Passau und weiteren der mittlerweile zwölfte Standort im Freistaat, an dem Schüler-Gerichte tagen.

München: Schüler-Richter sollen erzieherische Maßnahme mit jugendlichen Straftätern erarbeiten

Handy-Entzug oder Sozialstunden sind typische Urteile. Ziel sei, gemeinsam eine erzieherische Maßnahme zu erarbeiten, sagt Eisenreich. Wichtig dabei: die Auseinandersetzung mit der Tat und der Wiedergutmachung der Folgen eines Verbrechens. „Damit erreichen wir höhere Akzeptanz.“ Und für die Zukunft gesehen hoffentlich auch weniger Straftaten.

Auch in München wachen die Schüler-Richter darüber, dass die jugendlichen Straftäter ihre Maßnahme einhalten. Anschließend stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein. Die Behörde kann aber auch Anklage erheben: Etwa, wenn die Auflagen nicht erfüllt werden. thi

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