Münchens neue Vario-Züge: Der große Tram-Test

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Die neue Variobahn

München - Nach dem ewigen Hickhack um die Zulassung ist Münchens neue Vario-Tram seit gut einer Woche im Einsatz. Wie gut ist sie wirklich? Die tz hat den ultimativen Praxistest gemacht.

Und sie bewegt sich doch! Nach dem ewigen Hickhack um die Zulassung ist Münchens neue Vario-Tram seit gut einer Woche im Einsatz. Obwohl die MVG die Züge ja dringend nötig hatte, standen die zwölf nagelneuen Bahnen (Stückpreis: drei Millionen Euro) teils seit über zwei Jahren im Betriebswerk. Und das alles, weil die Regierung von Oberbayern ein Gutachten nach dem anderen wollte – was laut MVG-Chef Herbert König fast eine Million Euro gekostet hat. Immerhin: Am Ende hat’s ja geholfen: Seit dem vorletzten Sonntag ist die Vario-Tram täglich mit bis zu vier Zügen auf der Linie 19 im Einsatz.

Hat sich das Drama um die Zulassung gelohnt? „Straßenbahnen kauft man nicht im Laden und nach Prospekt“, sagt MVG-Sprecherin Bettina Hess. „Natürlich muss dabei auch der Betreiber das eine oder andere Zugeständnis machen, bestimmte Vorgaben des Herstellers akzeptieren. Aber wir sind sehr stolz auf unsere Münchner Vario-Bahn.“ Und was sagen diejenigen, die mit der Tram fahren? Die tz hat mit einem Rentner, einer Mutter mit Kinderwagen, einem Rollstuhlfahrer und einem Fahrer den Praxistest gemacht:

Das sagt die Mama mit Kinderwagen

„Die ist ja spacig“, sagt Hausfrau Katrin Plapp (34), als die Vario-Tram einfährt. Die Mutter ist erstaunt, dass sie mit Amir und Malaika im Doppelkinderwagen an allen Türen einsteigen kann. Drinen gibt’s viel Platz: „Da könnte glatt noch ein Wagen danebenstehen. Eine tolle Neuerung.“ Katrin Plapp fährt heute ohne Ziel. „Ich wollte die Bahn mal ausprobieren. Mein Sohn liebt Trambahn-Fahren.“ Was die Mama selber angeht: Sie findet die größeren Fenster gut. Und: „Mir als stehender Fahrgast gefällt auch, dass die Tram in den Kurven ruhiger fährt.“ Dass es oft zwischen den einzelnen Wagen knarzt, stört sie nicht: „Die Tram muss sich halt einfahren …“

Und das sagt die MVG:

Kinderwagenplätze und Fenster: Der fünfteilige Zug besteht neben den drei Modulen aus zwei dazwischen hängenden „Sänften“, über den Schienen schwebenden Wagenteile – die sind besonders geräumig. Auch sonst gibt es weniger Einbauten im Fahrgastraum. Die Technik ist bei der neuen Vario-Bahn fast ausschließlich auf dem Dach untergebracht. Deshalb gibt es mehr Fensterfläche und großzügigere Übergänge zwischen den Wagenteilen als bisher.“

Das sagt der Fahrer

Ein ganz neues Fahrerhäuschen hat Anton Vukusic, der seit elf Jahren im Dienst der MVG fährt. „Natürlich muss ich mich noch ein wenig an die neue Bahn gewöhnen. Gerade in den Kurven müssen wir langsamer fahren, da das Fahrgestell nicht drehbar ist.“ Er sieht aber vor allem Vorteile: „Auf dem neuen Display haben wir zum Beispiel einen Überblick über alle Türen – es zeigt sogar Außen- und Innentemperatur an.“ Vukusic fährt auch bequemer: „Wir haben ein höhenverstellbares Fußpodest.“

Das sagt der Rentner

Ferdinand S. (64) fährt heute zum ersten Mal mit der Vario-Tram von Pasing in die Innenstadt. „Schön, hell, nett.“ Das ist der erste Eindruck des Rentners. Die Anzeige, auf der immer auch die nächsten drei Stationen erscheinen, gefällt ihm: „Das kenne ich aus den Bussen, das ist gut.“ Bei der Suche nach einem Platz stolpert der Pasinger allerdings fast über eine der Schwellen, die aus den Gängen herausragen. „Das ist echt gefährlich für gehbehinderte Menschen!“ Außerdem ist dieser Gang wegen der zwei mal zwei Sitze so eng, dass er kaum durchkommt. Von den Sitzen selber ist er aber begeistert: „Hier gibt es mehr Plätze hintereinander – da ist man mehr für sich als bei den Vierer-Gruppensitzen.“ Ebenfalls ganz nach dem Geschmack von Ferdinand S. ist die Aussicht. Er sagt: „Das sind ja richtige Panorama-Fenster!“

Das sagt die MVG:

Schwellen: „Unter den kleinen Steigungen in drei von fünf Zugteilen befinden sich die Fahrwerke des Zuges, die beim Niederflurzug irgendwo hin müssen. Die Alternative dazu wäre nur ein insgesamt höherer Fußboden mit schlechteren Einstiegsverhältnissen gewesen.“

Schmale Gänge: „Die Breite des Durchgangs ergibt sich durch die Radkästen, die – wie bei anderen Niederflurzügen auch – konstruktiv erforderlich sind.“

Das sagt der Rollstuhlfahrer

tz-Reporter Haakon Nogge (41) ist zu Beginn seiner ersten Fahrt mit der Variotram positiv überrascht: „Gleich zwei Einstiegsmöglichkeiten für mich!“ An der vorderen Tür ist wie bei den alten Trams eine elektrische Hebebühne eingebaut. An der zweiten Tür ist eine Rampe in den Boden eingelassen. Als Nogge aber auf die hintere Rampe auffahren will, fährt er fast wieder rückwärts runter: „Der Winkel ist viel zu steil – wie sollen schwere Elektro-Rollis das schaffen?“ An seiner Zielstation angekommen, merkt er, dass der Schaffner ihn vergessen hat. Zum Glück gibt es ja den Signalknopf für Rollis! Aber keine Reaktion. Der Rollstuhlfahrer brüllt nach vorne: „Rollstuhlfahrer will aussteigen!“

Doch durch die geschlossene, quasi blickdichte Tür hört und sieht ihn der Schaffner nicht. Erst als ein vorne sitzender Fahrgast an die Tür hämmert, schaut er nach, was los ist. Nogge: „Selbst wenn ich vorne beim Führerhäuschen gestanden hätte, hätte mich der Fahrer nicht bemerken können. Die Sprechlöcher sind viel zu hoch für Rollstuhlfahrer angebracht.“ Die Fahrt am nächsten Tag verläuft ähnlich ärgerlich: Diesmal will der Fahrer Haakon Nogge an der ersten Tür bei der elektrischen Hebebühne zusteigen lassen. Doch da geht gar nichts. Der Fahrer brummt, die Trams seien zu lange gestanden, ohne benutzt zu werden. Nogges Urteil: „Eine ziemliche Fehlkonstruktion für Rollifahrer!“

Das sagt die MVG:

Steile Rampe und kaputter Hublift: „Nach unserer Kenntnis sind wir bisher der einzige Straßenbahnbetrieb, der Rampe und Lift, also erstmals zwei Möglichkeiten, anbietet! Natürlich ist eine Rampe für Nutzer weniger komfortabel als ein Lift – der Fahrer ist aber immer gerne behilflich. Die Rampe ist weniger störungsanfällig als der Hublift und damit immer verfügbar.“

Kommunikation mit dem Fahrer: „Die Tür entspricht allen Normen und Anforderungen und ist aus unserer Sicht ein Vorteil gegenüber den bisherigen blickdichten Vorhängen. Zur Kommunikation steht der speziell für Rollstuhlfahrer vorhandene Taster zur Verfügung.“

Nina Bautz

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