Münchens prickelndster Prozess: Champagner-Bande vor Gericht

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München - Champagner bekannter Marken, edler Whisky, feine Schnäpse – Johann M. (42) lieferte stets prompt, unter anderem an ein Bordell. Doch eines wussten seine Kunden wohl nicht.

Neun Angeklagte – da platzt der Gerichtssaal

Der Prozess gegen die Champagner-Bande: Neun Angeklagte in einem Prozess, das ist der Rekord im Münchner Strafjustizzentrum. Die Sitzungssäle sind für solche Riesenprozesse nicht ausgelegt, auch nicht der Saal B 177, auf den die 12. Strafkammer (Vorsitzende Rosi Datzmann) ausgewichen ist. Obwohl zusätzliche Tische und Stühle herbeigeschafft wurden, herrscht heilloses Durcheinander. Denn jeder Angeklagte braucht einen Verteidiger (Johann M. hat zwei), außerdem müssen vier Dolmetscherinnen ins Rumänische übersetzen. Und damit keiner der Angeklagten zur falschen Tür rausgeht, wird jeder von zwei Polizisten oder Justizwachtmeistern bewacht. Trotz der vielen Menschen müssen die Fenster geschlossen bleiben. Das ist Vorschrift, damit kein Angeklagter die Flucht probieren kann.

Zu Johann M.s Kunden gehörte ein Bordell im Münchner Norden, eine bekannte Disco an der Leopold­straße, ein Nachtlokal an der Sonnenstraße. Was die Kunden (vermutlich) nicht wussten: Die Getränke waren alle gestohlen! Eine ganze Bande sorgte für Nachschub. Seit Montag drängen sich neun Angeklagte im überfüllten Gerichtssaal B 177 im Strafjustizzentrum. Für schnelle und preisgünstige Lieferung war Johann M. in der Gastro-Szene bekannt. Der „Einkauf“ war allerdings konkurrenzlos preiswert: Die acht Mit­angeklagten (bis auf einen stammen alle aus Rumänien) waren gewöhnlich in Zweierteams in ganz Bayern unterwegs, um in Supermärkten die gewünschte Ware zu stehlen. Staatsanwältin Christiane Serini: „Der Angeklagte M. besorgte den für ihn tätigen Ladendieben Wohnungen und vereinbarte feste Preise für die von diesen zu liefernden Alkoholika. Teilweise gab er konkrete Bestellungen auf.“
Johann M. beschaffte den Dieben nicht nur Unterkünfte, er versorgte sie auch mit Krediten, damit diese sich die Tatfahrzeuge leisten konnten. Er zahlte ­ihnen sogar die Kfz-Versicherungen.

Eduard B. (41) ist laut Anklage „Organisator und Chef“ der Champagner-Bande. Er teilte die Gebiete für die Diebstähle ein. Und er hielt den Kontakt zu Johann M. Die Staatsanwältin: „Er handelte mit diesem die Preise aus und vereinbarte die Übergabe der Tatbeute.“

Die Diebe waren mit großem Geschick unterwegs: Am 1. Juni 2010 entwendete ein Täterduo in einem Münchner Supermarkt 270 Flaschen Spirituosen und Champagner über über 7000 Euro. Zwei Wochen später karrte ein anderes Team 372 Flaschen für 9700 Euro aus einem Laden. Der Gesamtschaden geht in die Hundertausende.

Am 24. Juni konnten schließlich Dimi­tru B. (36) und Robert F. (37) auf frischer Tat ertappt werden. Bei der Vernehmung packten beide aus, nannten ihre Mittäter. So flog die Bande schließlich auf.

Voraussichtlich werden alle vor Gericht ein Geständnis ablegen. Der Prozess dauert noch an.

Übrigens: Der Chef des belieferten Bordells sitzt auch im Knast, allerdings wegen einer anderen Sache.

Eberhard Unfried

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