Münchens teuerste Termin-Absage

+
Helena B. (40) und ihre 15 Monate alte Tochter Lia mit der Arzt-Rechnung über 200 Euro für die Termin-Absage

München - Die kleine Lia war krank, Helena B. (40) sagte am Tag vor der Zahnbehandlung ab. Jetzt muss sie 200 Euro zahlen. Wie der Arzt die Rechnung begründet, und was Juristen sagen:

Was hätte sie denn noch tun sollen? Zwei Tage lang versucht Helena B. (40) einen Babysitter zu bekommen, ständig die grippekranke Lia im Arm. Ohne Erfolg: Die erst kürzlich nach Harlaching gezogene Mutter kennt noch zu wenige Leute hier. Schnell sagt sie den Arzttermin für die Laserbehandlung zur Paradontose-Vorbeugung ab, knapp 24 Stunden vorher. „Ich halte Termine normal immer ein, aber da kann ich ja wirklich nichts dafür.“ Ihrem Zahnarzt ist das offenbar egal: Eine Woche später liegt eine Rechnung im Briefkasten der privat versicherten Beamtin. Über 200,03 Euro! „Zahnarzthonorar für zu spät abgesagten Termin laut §611 BGB.“ Helena B. kann es nicht fassen: „Das ist doch eine Riesen-Frechhheit!“

Aber die Neuhauser Praxis ist im Recht. Denn was Helena B. nicht mehr wusste: Bei ihrer ersten Anmeldung hat sie unterschrieben, dass sie rechtzeitig absagt. Der Arzt Florian Sch. bemüht sich gegenüber der tz nicht, dieses Vorgehen zu entschuldigen. „Ich lege auf Patienten mit weniger gesteigerter Termintreue wenig Wert“, so der Kommentar. Anders ließe sich eine Bestellpraxis ohne Wartezeit nicht führen. „Man kann die Patienten nur übers Geld zwingen, Termine einzuhalten.“

Für den Münchner Medizinrecht-Anwalt Michael Graf von der Kanzlei „Ihr Anwalt 24“ ist dies kein Einzelfall. „In einer Großstadt wie München, in der Ärzte hohe Ausgaben haben, greifen vor allem Zahnärzte und Kliniken ab und zu darauf zurück.“ Dennoch handele es sich um Einzelfälle. „Den ­meisten Ärzten ist die Kundenfreundlichkeit dann doch wichtiger.“

Das Problem: Solche Fälle sind im Gesetz nicht konkret geregelt. „Deshalb“, so Graf, „sind das immer Einzelfallentscheidungen. Da ist immer alles möglich, auch wenn kein Vertrag abgeschlossen wurde.“ Es gibt zum Beispiel höchstrichterliche Entscheidungen wie die des Amtsgerichtes Nettetal vom September 2006 (AZ – 17 C 71/03), dass die Frist für die Absage eines fest vereinbarten Arzttermins mindestens 48 Stunden betrage, alle nach diesem Zeitraum abgesagten Termine könnten theoretisch in Rechnung gestellt werden. Die Begründung: Ein Behandlungsvertrag könne auch durch eine mündliche Zusage von beiden Seiten entstehen.

Ganz einfach ist es für den Arzt aber meistens auch nicht. Graf: „Er muss im Zweifelsfall nachweisen, dass ihm wirklich ein Schaden entstanden ist. Das ist zum Beispiel möglich, wenn ein Op-Saal fest gebucht war.“ Ein Hausarzt mit einem stets vollen Wartezimmer habe vermutlich Schwierigkeiten, zu begründen, er habe in dieser Zeit keinen anderen Patienten behandeln können.

Der Rat des Patienanwalts: „Immer so früh wie möglich absagen, damit das Argument nicht greift, der Arzt habe keinen anderen Patienten drannehmen können. Bei kurzfristiger Absage sollte der Grund gewichtig sein, etwa eine Krankheit oder ein Behördentermin – und zur Sicherheit solle der Patient ein Attest oder eine Behördenbescheinigung vorlegen können.“

Die Harlachinger Mutter Helena B. wird in Zukunft genau durchlesen, was sie beim Arzt unterschreibt. „Und ich werde so schnell wie möglich den Zahnarzt wechseln.“

Nina Bautz

Hier gibt’s Rat für Patienten: Gesundheitsladen München e.V., Waltherstr. 16a, Tel. 089/ 77 25 65; im Internet u.a. unter www.patientenschutz.de

auch interessant

Meistgelesen

Kommentare