Von Raser-Unfall bis Wolfsmaske

Münchens ungesühnte Verbrechen: In diesen fünf Fällen gibt es noch keine Gerechtigkeit

Die Fälle machen sprachlos und wütend zugleich. Mehrere Straftäter warten trotz schlimmer Vergehen noch auch ihre Prozess oder sind sogar noch auf freiem Fuß. Wir erklären die aktuelle Situation.

München - Es sind furchtbare Taten - und die Justiz hat sie noch nicht geklärt. Während Angehörige auf einen Prozess warten, wird ermittelt - oder Gerichte suchen Termine. Wir stellen fünf aktuelle Fälle vor.

Fall 1: Tödlicher Raser-Unfall in Laim

Victor B. (35) raste vor einem Jahr einen Schüler auf der Fürstenrieder Straße tot - doch er wurde noch nicht mal vor Gericht gestellt. „Das Verfahren ist erst Ende September bei Gericht eingegangen. Über die Eröffnung ist noch nicht entschieden“, sagt Florian Gliwitzky, Sprecher des Oberlandesgerichts. Nach tz-Informationen könnte das Verfahren Anfang 2021 starten. Victor B. droht lebenslänglich.

Es ist der erste Fall in München*, in dem ein Raser wegen Mordes angeklagt wurde. Zu einer solchen Verurteilung war es bereits in Berlin gekommen, wo ein Täter in der Innenstadt mit 160 km/h einen Arzt umgefahren hatte - es war das dramatische Ende eines illegalen Autorennens. Victor B. hingegen flüchtete im Drogenrausch vor der Münchner Polizei* und war am 15. November 2019 in eine Gruppe Jugendlicher gefahren. Mit Tempo 120 raste er den 14-jährigen Max in den Tod. Seither sitzt B. in ­U-Haft. Zu dem Unfall schweigt er eisern.

Ende einer Rasertour: Mit diesem Fahrzeug soll Victor B. den Jugendlichen getötet haben.

Fall 2: Das Radl-Drama in der Au

War es eine tödliche Attacke? Oder ein unglücklicher Todesfall? Was am 17. Mai in der Hochstraße geschah, ist bis heute unklar. Fest steht nur: Es gab einen Streit und einen Fahrradunfall, den der 37-jährige Fabio D. nicht überlebte. Der werdende Vater starb an einem Milzriss. Seit dem schicksalhaften Sonntag im Mai fahndet die Polizei nach dem Mann, mit dem Fabio aneinandergeraten war. Bislang ohne Erfolg. „Der mögliche Täter ist weiterhin unbekannt“, erklärt Oberstaatsanwältin Anne Leiding.

Eine Situation, die für Fabios Familie nur schwer erträglich war und ist. Im September brachte seine Frau Lidija Zwillinge zur Welt - zehn Wochen zu früh. Doch Milo und Nico sind kleine Kämpfer. „Inzwischen sind beide zu Hause“, sagt Schwager Ugur Cetinkaya. Seit Fabios Tod kämpft er für die Aufklärung des Todesfalles. Zuletzt mit einem öffentlichen Appell an Innenminister Joachim Herrmann, sich des Falls anzunehmen. Cetinkayas Ziel ist, dass die Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“* deutschlandweit berichtet. „Bislang habe ich aber nichts gehört“, sagt er enttäuscht.

Für die Familie ist klar, dass es am 17. Mai eben keinen zufälligen Unfall gab, sondern eine Attacke auf Fabio. Wegen seines Tods hatte zunächst die Kapitalabteilung der Staatsanwaltschaft ermittelt. „Wir haben in erster Linie wegen Entfernens vom Unfallort und weiteren Straftaten wie zum Beispiel Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt“, sagt Anne Leiding. „Inzwischen wurde das Verfahren intern an die Verkehrsabteilung abgegeben.“

Wollen Gerechtigkeit für ihren Freund Fabio: Diese Männer unterstützen die Fahndung nach dem Rad-Rambo.

Fall 3: Mysteriöser Porsche-Mord

Ein Mann sitzt blutüberströmt in seinem Porsche Panamera: Er wurde per Kopfschuss regelrecht hingerichtet. Ein grausiger Anblick, der sich einer Anwohnerin im März geboten hat. Die Frau hatte die Leiche gegen 7.30 Uhr am Hart entdeckt. Nur eine Woche später konnte die Polizei den mutmaßlichen Mörder von Dominic S. (25) schnappen. Seitdem sitzt der Beschuldigte in U-Haft, wie Oberstaatsanwältin Anne Leiding erklärt: „Wir streben an, das Ermittlungsverfahrens bis Ende dieses Jahres abzuschließen.“ Der Prozess: wohl erst Mitte 2021.

Bei dem Verbrechen ging es vermutlich um Drogengeschäfte. Der 23-jährige Verdächtige, ein Barkeeper, soll Schulden über mehrere Tausend Euro bei seinem Opfer gehabt haben. Seine Fingerabdrücke und DNA wurde in dem Porsche von S. gefunden. Das Luxusauto war der Anwohnerin aufgefallen, weil es entgegen der Fahrtrichtung an der Hugo-Wolf-Straße abgestellt war. In dem Sportwagen fand die Polizei auch die Patrone einer Kleinkaliberwaffe. Was genau zu der Bluttat geführt hat: unklar. Leiding: „Der Beschuldigte hat sich bislang nicht zur Sache geäußert.“

Fall 4: Millionen-Diebstahl in der Commerzbank

Dreimal waren die Diebe in der Commerzbank am Promenadeplatz, am Ende fehlten mindestens 4,6 Millionen Euro. Doch bis heute sind die Taten aus den Jahren 2017 und 2018 nicht im Ansatz aufgeklärt. „Das Geld wurde bisher nicht aufgefunden - und auch die genaue Summe steht noch nicht fest“, sagt Oberstaatsanwältin Leiding. Auch die Täterschaft ist fraglich: Zunächst wurde die Bankangestellte Silvia F. (59) beschuldigt, dann aber aus der U-Haft entlassen. Sie und sechs mutmaßliche Komplizen wurden angeklagt, der Prozess gegen vier vermeintliche Helfer aber eingestellt.

Gegen F., ihren Sohn und einen mutmaßlichen Komplizen wurde ein neuer Strafprozess gestartet, wegen Corona aber ausgesetzt. Wann er weitergeht: unklar. Denn: Die wichtigste Zeugin (Evelyna B., der die Millionen gehören) kam nicht zur Vernehmung. Leiding: „Wann der Prozess weitergeht, können wir nicht sagen. Es steht noch ein weiteres Gutachten des Landgerichtes aus.“ Kurios: F. arbeitet seit 2. November wieder in ihrer alten Bankfiliale - am Tatort! Gegen ihre Kündigung hatte sie erfolgreich geklagt.

Fall 5: Die Bestie mit der Wolfsmaske

Eines der entsetzlichsten Verbrechen hatte sich in Obersendling ereignet: Ende Juni 2019 wurde dort ein elfjähriges Mädchen vergewaltigt. Täter Christoph K. trug eine Wolfsmaske und hatte die Schülerin nahe einer Wohnsiedlung in ein Gebüsch gezerrt. Dort riss er ihr den Schulranzen vom Rücken und warf ihr die Jacke über das Gesicht, um sich an dem Mädchen zu vergehen. Am helllichten Tag. Selbst erfahrene Ermittler waren fassungslos. „Ich habe so etwas in den letzten 16 Jahren nicht erlebt“, sagte Ignaz ­Raab, Chef des für Sexualdelikte zuständigen Kommissariats.

Aber: Auch K. wurde noch kein Prozess gemacht. Richterin Sigrun Broßardt (63) wäre eigentlich dafür verantwortlich gewesen, für sie begann am 19. November aber „die Freistellungsphase in der Altersteilzeit“, sagt Gerichtssprecher Florian Gliwitzky. Ein Nachfolger in der 20. Strafkammer des Landgerichts steht schon fest, er muss nun einen Termin finden - wohl erst im Frühjahr 2021 folgt der Prozess. „Die Justiz spielt auf Zeit“, kritisiert Verteidiger Adam Ahmed. „Der lange Ablauf, bis mit der Verhandlung begonnen wird, ist im Hinblick auf das Beschleunigungsgebot aus meiner Sicht inakzeptabel.“

Pressekonferenz zum Vergewaltigungsfall: Hinter solch einer Wolfsmaske verbarg der Übeltäter sein Gesicht.

Immerhin: Christoph K. hatte die Tat über seinen Anwalt gestanden, „um dem Mädchen wenigstens im Nachgang eine intensive Befragung zu ersparen“, sagt Ahmed. K. war bereits vorher psychiatrisch untergebracht und vor der Tat in der letzten Lockerungsstufe. Nun sitzt er wieder in der Psychiatrie, nach dem Prozess wohl dauerhaft. Sein Motiv liegt bisher noch im Dunkeln. (thi, nah) *tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Rubriklistenbild: © Sven Hoppe/dpa

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