Münchens Mae West - alles nur geklaut?

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Am Freitag wird Mae West zusammengesetzt.

München - Am Wochenende soll der "Oberkörper" des modernen Bauwerks am Effnerplatz aufgesetzt werden. Bei dem Konstrukt könnte es sich um ein Plagiat handeln.

Mae West – bis 2004 kannten diesen Namen allenfalls noch die Fans der verruchten amerikanischen Schauspielerin, die einerseits für ihr loses Mundwerk berühmt war, andererseits für ihre ansehnlichen Kurven. Dann entschied sich nach heftiger Diskussion die Mehrheit des Stadtrats für eine riesige Skulptur als Kunst am (Tunnel-)Bau für den Effnerplatz, die der Diva nachempfunden sein soll und deshalb nach ihr benannt ist –

„Mae West“ ist umstritten wie ihre Namensgeberin. Seit einigen Monaten wird die 52 Meter hohe Figur aus Karbonstangen zusammengesetzt; in der Nacht zum Sonntag, etwa ab 1.30 Uhr, soll der „Oberkörper“ mit Hilfe eines Großkrans aufgesetzt werden. Eine diffizile Aufgabe im Großformat. Allerdings ist noch nicht sicher, ob sich der Einhub nicht witterungsbedingt noch verschiebt.

München Architektur: Stadtentwicklung und Stadtgestaltung

Das Gesicht jeder Stadt wird geprägt von ihrer Architektur. Gerade München befindet sich seit der massiven Zerstörungen des 2. Weltkrieges in einem permanenten Wandel. Das historisch geprägte Gesicht der Stadt (im Bild das Siegestor) wird enorm wichtig genommen, dennoch steht man Neuem und Modernem auch positiv gegenüber - nicht ohne dass dabei aber auch heftig diskutiert wird. Sehen Sie folgend eine Reihe von Bildern aus dem im MünchenVerlag erschienenen Buch "München Architektur: Stadtentwicklung und Stadtgestalt. © Schlaf
Münchens höchstes Bürohaus, Uptown Munich, drängt sich in viele Perspektiven hinein. © MünchenVerlag
Ein Meisterwerk des Jugendstil-Architekten Martin Dülfer ist das Gebäude Gedonstraße 4 aus den Jahren 1903-1904 mit ursprünglich großbürgerlichen Acht-Zimmer-Wohnungen plus Küche und Balkon, bereits mit Bad und separater Toilette sowie Mägzimmern und Wirtschaftsräumen. Heute gehört das Haus ebenso wie das in den 1960er Jahren als Betonkubus errichtete und nach 2000 mit einer neuen Glasfassade versehene benachbarte Bürohaus Nr. 10 zum Komplex der Münchner Rückversicherung. © MünchenVerlag
Münchens erstes und zugleich berühmtestes Jugendstilhaus mit seinem Relief Adam und Eva steht in der Ainmillerstraße 22. Errichtet haben es 1898-1899 Ernst Haiger und Henry Helbig für Felix Schmidt. © MünchenVerlag
Großbürgerliche Wohnungen aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts haben sich in der Martiusstraße 1 bis 7 erhalten. Sie entstanden in neubarockem Jugendstil ab 1906 durch den Architekten Anton Hatzl, dem die Anlage auch gehörte. © MünchenVerlag
Am Marsstallplatz: Der Neubau der Max-Planck-Gesellschaft hatte sich am Marstall ebenso zu orientieren wie an der sonstigen Umgebung. © MünchenVerlag
Eine bewusste Verbindung von alt und neu zeigt auch diese Aufstockungeines Nachkriegsgebäudes, des Lorenzistocks im Alten Hof durch den Architekten Peter Kulka. Die hier ursprünglich stehende Hofkapelle war im 2. Weltkrieg zerstört worden. Immerhin: Der Dachstuhl im Gebäude links stammt aus dem 14. Jahrhundert und überstand den Krieg unbeschadet. © MünchenVerlag
Den Freiraum vor der Pinakothek der Moderne ziert eine 1997 entstandene Skulptur "Buscando la Luz" aus gewalztem, rostbelassenem Stahl von Eduardo Chillida. © MünchenVerlag
Das M, O, C wird als Munich Order Center von der Messe gemanagt. Es entstand 1991 bis 1993 nach Plänen von Helmut Jahn, Chicago, in der Lilienstraße im Stadtteil Freimann. © MünchenVerlag
Beschaulichkeit trifft modernen Prunk: Die Heilig Kreuz Kapelle in Fröttmaning mit der Allianz Arena im Hintergrund. © MünchenVerlag
Ein technisch wie ästhetisch gelungenes Bauwerk sind die insgesamt vier Faultürme des Architekturbüros Ackermann für das Münchner Klärwerk Gut Großlappen gegenüber der Allianz Arena. © MünchenVerlag
Absolut großstädtisch wirkt München an der Donnersberger Brücke mit dem Munich City Tower, dem Hochhaus der Mercedes-Niederlassung direkt hinter der Brücke. © MünchenVerlag
Die ursprünglich 1892 gebaute Hackerbrücke wurde im 2. Weltkrieg teilweise zerstört und 1953 rekonstruiert. Die Bogenbrücke hat sechs Bogenträger mit einer Stützweite von 28,4 m, die Bogenhöhe beträgt knapp acht Meter.  © MünchenVerlag
Aus Holz ist die Thalkirchener Brücke. Einen Flussübergang über die Isar gibt es dort schon seit 1904. Auf den sanierten Pfeilern und Widerlagern entstand nach einem Entwurf Richard Dietrichs Ende der 80er Jahre eine filigrane 197 Meter lange Fichtenkonstruktion mit Knotenverbindungen aus Stahl. © MünchenVerlag
Die Lenbachgärten: Hier entstanden nach dem Entwurf von Steidle + Partner exklusive Maisonette-Wohnungen mit Blick direkt auf den Alten Botanischen Garten. © MünchenVerlag
Das Kulturhaus Milbertshofen mit dem sich anschließenden gebäudehoch verglasten Sportplatz errichteten Reichert Pranschke Maluche in den Jahren 2003 bis 2005. © MünchenVerlag
Das aus den 30er Jahren stammende Nordbad in der Schleißheimer Straße hat in den 90er Jahren ein Außenbecken bekommen. © MünchenVerlag
Der Petuelpark liegt direkt über dem sechsspurigen Petuelring. Wer oben Erholung sucht, merkt vom Verkehrsgetöse unten nichts. © MünchenVerlag
Ein Erweiterungsbau der Bayerischen Akademie der Bildenen Künste entstand in den ersten Jahren des 21. jahrhunderts nach den Plänen des Wiener Architekturbüros Coop Himmelb(l)au. © MünchenVerlag
Alt spiegelt sich in neu: Ein durchaus typisches Motiv aus einem offenen Hofareal dort, wo die Nymphenburger Straße zu einer Büroadresse geworden ist. Hunderte weiterer Bilder und ausführliche Informationen über die Architektur Münchens erhalten Sie in Gernot Brauers Buch München Architektur: Stadtentwicklung und Stadtgestaltung, erschienen im MünchenVerlag (ISBN 978-3-937090-37-5), 264 Seiten und über 500 Fotos und Pläne. Preis: 38 Euro. Sehen Sie nun folgend weitere Bilder von Bauwerken in München. © MünchenVerlag
Die alte Pinakothek. © Schlaf
Das Museum Brandhorst. © Schlaf
Der Helene-Mayer-Block im alten Olympiadorf. © Kruse
Das europäische Marken- und Patentamt im Tal. © Haag
Der Riegerblock am Isartor. © Westermann
Das Sparkassenhaus am Karolinenplatz. © Schlaf

Auch die US-Künstlerin Rita McBride, die Mae West entworfen hat, wird dabei sein. Münchens höchstes Kunstwerk wird dann stehen, weithin sichtbar. Weltweit einzigartig, sagen diejenigen, die die Auferstehung von Mae West in Stangenform gar nicht erwarten können. OB Christian Ude gehört nicht dazu, er verspottete den Entwurf seinerzeit als Blumenständer, auch die Bezeichnung Eierbecher fiel während der Stadtratsdebatte. Das Projekt kostet gut 1,5 Millionen Euro.

Der Stahlfachwerkturm am Hafen der japanischen Stadt Kobe wurde bereits 1963 eröffnet. Bei seiner Errichtung wurde zum ersten Mal das hyperbolische Paraboloid als Tragwerk benutzt: Es besteht aus schräggestellten, sich kreuzenden, auf einem Kreis stehenden geraden Stäben. Die dünnen Stahlrohre sind mit horizontalen Ringen gegen Knicken gesichert. Der Turm ist circa 108 Meter hoch, auf der Marke 90 Meter befindet sich eine Aussichtsplattform.

tz-Leser Prof. Bernhard Schilling findet die McBride Konstruktion weder schön noch einzigartig. Er identifiziert Mae West als Plagiat. Die Form eines „Rotations-Hyperboloiden“ sei „Tragwerksingenieuren“ seit Jahrzehnten bekannt. Ein in Fachkreisen bekanntes Gebäude dieser Art sei der Harbour Tower in Kobe/Japan. „Gegen seine Eleganz der Proportionen und Dimensionen ist Mae West doch ein ziemlicher Trampel“, kanzelt der Freimanner das Projekt in Bogenhausen ab. Er verweist auch auf den Center Point Tower in Sydney. „Ist denn keinem in den entscheidenden Gremien aufgefallen, dass es solche Formen längst gibt, viel ästhetischer, die auch eine Funktion haben?“, wundert sich der 72-Jährige. Über Kunst lässt sich (nicht) streiten, und so werden Autofahrer auf dem Ring demnächst im Tunnel unter der Statue durchfahren und Tramgäste direkt durchs Gestänge.

BW.

Das wird Mae West

Mae West wird mit ihren 52 Metern den Friedensengel (38 Meter) größenmäßig lässig überflügeln. Die weiteren Maße und Gewichte der Gitterdame am Effnerplatz: Sie wiegt rund 200 Tonnen, die Kreisdurchmesser betragen an der Basis rund 32, am oberen Rand 20 und an der Taille acht Meter. Die Tunneldecke, auf der das neue Wahrzeichen Bogenhausens steht,wurde schon für die künftige Last vorbereitet. Am Wochenende wird das vormontierte 37 Meter hohe Oberteil der Plastik mit einem Großkran eingehoben. Nach der Fertigstellung der Plastik werden die Schienen für die Tram Richtung St. Emmeram durch das Gestänge verlegt. Achtung: Am Wochenende kommt es ab Freitag, 22 Uhr abend zu Verkehrssperrungen, von denen auch der Stadt-Bus 144 betroffen ist.

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