... und Toni Netzles Alter Simpl

Münchens wilde 70er-Jahre: "Oh happy day" auf dem Monopteros

Zum Kultsong „Oh happy day!“ ...
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Zum Kultsong „Oh happy day!“ ...
... kreiste der ein oder andere Joint am Monopteros im Englischen Garten
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... kreiste der ein oder andere Joint am Monopteros im Englischen Garten.
Gammlerbesuch der Polizei im Morgengrauen am Monopteros
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Gammlerbesuch der Polizei im Morgengrauen am Monopteros
Toni Netzle im Simpl, der frühere tz-Chefredakteur Helmut Stegmann sitzt unten links.
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Toni Netzle im Simpl, der frühere tz-Chefredakteur Helmut Stegmann sitzt unten links.
Toni Netzle (li.) mit Wolfgang Sawallisch und Gattin Mechthild Schmid.
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Toni Netzle (li.) mit Wolfgang Sawallisch und Gattin Mechthild Schmid.
Rudi Carell liebte sein Zweitwohnzimmer bei Toni Netzle.
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Rudi Carell liebte sein Zweitwohnzimmer bei Toni Netzle.
Brigitte Bardot wollte lieber Champagner als Bier trinken.
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Brigitte Bardot wollte lieber Champagner als Bier trinken.

München - Kultig, kultiger, 70er! tz-Fotograf Heinz Gebhardt nimmt Sie mit auf eine Zeitreise durch München. Heute geht es um Hippies, Gammler und Künstler, und ihre fröhlichen Tage in der Stadt.

Kultig, kultiger, 70er! Manch einer mag zwar lächeln über riesige Sonnenbrillen und quietschbunte Tapeten – trotzdem hat keine Epoche der Nachkriegszeit das München von heute so geprägt wie die 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Wir wollen in Nostalgie schwelgen, wollen Ihnen täglich einen spannenden Aspekt der 70er zeigen. tz-Fotograf und -Autor Heinz Gebhardt nimmt Sie mit auf eine wunderbare Zeitreise. Heute geht es um jede Menge Hippies, Gammler und Künstler, und ihre fröhlichen Tage in der Stadt:

Zu Beginn der 70er Jahre radelte einmal in der Woche ein Briefträger zum Monopteros und zu den „drei großen Buchen“ unterhalb des Kulthügels und brachte Post für die Gammler und Hippies aus aller Welt. „Monopteros" und „Drei Buchen, Englischer Garten“ war für die Post zu einer zustellfähigen Adresse geworden. Jahre bevor dieselben Kultstätten von den Nackerten besetzt und erobert wurden war der Monopteros und die Wiese darunter Deutschlands berühmtestes Gammlerparadies.

Gammler teilten sich ein in „Profigammler“ (jahrelanges herumgammeln), „Halbgammler“ ( saisonweises gammeln) und „Edelgammler“ (hin und wieder mal gammeln). Psychologen sprachen von „jugendlichen Normalabweichlern“. Für Sigi Sommer waren Gammler „ausgewachsene Saubären“. Dem pflichtete Polizeipräsident Dr. Manfred Schreiber bei: „Dreck allein ist aber noch kein Straftatbestand“, drum könne man gegen Gammler nicht einschreiten, denn „die Polizei ist nicht dazu da, dreckige Gammler zu waschen.“ Wovon sie sich ernährten war unbekannt, verhungert ist aber keiner, denn „hast du Haschisch in den Taschen, hast du immer was zu naschen!“ Ab und zu besuchte daher das Auge des Gesetzes die Aussteiger aus aller Welt im Morgengrauen auf dem Monopteros („nicht dass es heißt, wir tun nix“), fand aber meist bis auf ein paar putzige Joints nichts Strafbares. Mittags rauchte man da oben dann schon wieder ein Friedenspfeifchen zu

Oh happy day, dem Kultsong von Edwin Hawkins. Sonntagnachmittag war auf dem Monopteros „Elternsprechtag“: Scharen von bürgerlichen Sonntagsspaziergänger folgten den Gitarrenklängen und Trommelwirbeln und bestaunten das friedliche, bunt gekleidete Völkchen, als hauste dort oben eine ausgestorbene Affenart. Da ihre Gewänder oft mit geistreichen Sprüchen beschriftet waren wie „Beethoven for ever“ oder „Gammler vermehrt euch“ und „Jesus war der erste Gammler“ kam man auch ins Gespräch, erfuhr aber meist nicht mehr als „Nichtstun ist ein harter Job!“ Der Spiegel recherchierte mal, wo die Münchner Ex-Gammler später gelandet sind: „Viele im gehobenen Establishment, in der Alternativ-Szene, die meisten im angepassten Bürgertum und einige auch in der Welt der Spätfreaks“, die auch noch im Seniorenalter ab und zu am Monopteros ein nostalgisches Gammlertreffen veranstalten.

Toni Netzles Alter Simpl: Wohnzimmer der Künstler

Der Alte Simpl in der Türkenstraße war in den 70er Jahren genauso ein Kult-Lokal wie Kay’s Bistro. Nur, statt Hollywood-Glamour und Theaterdekoration war der Simpl eher ein großes, gemütliches Wohnzimmer, in dunklem Holz getäfelt und vielen Schauspielerfotos und Filmplakaten an der Wand. Der Simpl und seine Wirtin Toni Netzle waren tiefes altes Schwabing, „Schwabing pur“. 

Das 1903 von Kathi Kobus gegründete Künstlerlokal hatte Toni Netzle in den 60er-Jahren übernommen und auf der kleinen Bühne die alte Schwabinger-Brettl-Herrlichkeit mit Auftritten von Gert Fröbe, Lale Andersen, Esther und Abi Ofarim, Wolfgang Neuss und Ethel Reschke wiederbelebt. Das alte Schwabing hatte längst ein neues Gesicht bekommen und der Alte Simpl eine Verjüngungskur. Warum weiß eigentlich niemand so recht, aber seit Anfang der 70er-Jahre war der Simpl jeden Abend ab 23 Uhr brechend voll. Tonis Lebensgefährte Ole Olofson, als Türsteher wegen seiner Gutmütigkeit total ungeeignet, sperrte in seiner Not manchmal den Laden einfach von innen zu. 

Der Simpl wurde in den 70er-Jahren das Pflicht-und Stammlokal der Münchner Journalisten, Filmemacher, Musikproduzenten, großen und kleinen und auch ganz unbekannten Schauspielern, Filmstars und Filmsternchen. Im Simpl saßen die ganz Großen beim Bier neben den ganz Kleinen. Hier wurde entdeckt, geflirtet und abgeschleppt. Hier flipperte der Chef des Bundeskanzleramtes Horst Ehmke mit Filmemacher Peter Schamoni. Hier motzte Brigitte Bardot, nachdem ihr Toni erklärte, „im Simpl gibt’s nur Bier“: „Wenn Sie nicht wollen, dass ich sofort wieder verschwinde, bringen Sie Dom Perignon für den ganzen Tisch!“ Aber die Toni hatte alles unter Kontrolle, und ihre Devise war: „Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“. Manche Stammgäste mieteten sich sogar eine Wohnung in der Nähe des Lokals, damit sie um 4 Uhr früh schneller zuhause waren. 

Am 15. Juni 1992 sperrte Toni ihren Simpl mit einer Heerschar von Stammgästen für immer zu: „Viele haben mit dem Simpl ihr zuhause verloren, ich auch. Aber ich bin glücklich, diese lange Zeit miterlebt haben zu dürfen.“

Das Jahr 1974 im Zeitraffer

14. Januar: Deutsches Herzzentrum in der Lothstraße eröffnet

11. März: Der Student Michael M. läuft nackt über den Viktualienmarkt, der erste „Blitzer“ in München

29. März: Der Alte Rathausturm ist wieder aufgebaut

Mai: Helmut Dietl dreht Münchner Geschichten mit Therese Giehse, Hans Brenner und Günther Maria Halmer

5. Juni: Der Schwabinger Kunstpreis geht an Margot Werner

12. Juni: Gert Fröbe tritt in einem Soloprogramm in der Lach- und Schieß-Gesellschaft auf: Morgenstern am Abend

20. Juni: Königin Margarethe von

Dänemark ist auf Staatsbesuch

7. Juli:

Deutschland wird im Olympiastadion mit einem 2:1- Sieg über Holland Fußballweltmeister mit sechs FC-Bayern-Spielern: Franz Beckenbauer, Paul Breitner, Uli Hoeneß, Sepp Meier, Gerd Müller und Hans-Georg Schwarzenbeck

August: Rainer Werner Fassbinder dreht Effi Briest mit Hanna Schygulla

Heinz Gebhardt

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