Münchner (19) gelingt dramatische Flucht aus Syrien

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Oma Ela (54) und Onkel Simon (rechts) sind heilfroh, dass Michael (19) endlich wieder in München ist. Auf dem Schild, das die Oma gemalt hat, steht: „Herzlich willkommen in Deutschland!“

München - Er saß in Syrien im Knast, er wurde verprügelt, gedemütigt und musste Kakerlaken essen. Nach einer Odyssee landete der 19-jährige Michael K. schließlich bei seiner Oma in München. Die ganze Geschichte:

Die Polizei! Das Herz von Michael K. (19, alle Namen geändert) schlägt bis zum Hals, als die beiden Polizisten vor dem Supermarkt in Laim sieht. Als er vorbeigeht, hört er, wie sie mit einer Seniorin plaudern. Nur langsam beruhigt er sich wieder. Michael hat nichts angestellt. Aber er ist es gewohnt, willkürlich bestraft zu werden oder etwas angehängt zu bekommen.

Der gebürtige Münchner hat einen Großteil seines Lebens beim Vater in Syrien verbracht. Am Ende saß er, so sagt er, unschuldig im Gefängnis, wurde gedemütigt und verprügelt. „Ich habe Kakerlaken gegessen“, erzählt er der tz. Nach einer endlosen Odyssee ist ihm nun die Flucht nach München zu Oma Ela S. (54) gelungen. Michael: „Ich mache mir große Sorgen: Meine fünf kleinen Schwestern sind noch unten!“

Michael unbeschwert als kleiner Bub.

An die ersten Lebensjahre in München hat Michael gute Erinnerungen, auch im fremden Land in einer Großstadt war es anfangs erträglich. „Vater und Oma waren sehr streng, aber ich hatte noch meinen lieben Großvater und natürlich meine Mutter, die mich geschützt haben.“ Seine Mutter Monika (36) war 15, als sie den 21-jährigen Syrer in München kennengelernt hat. „Sie war ihm sofort verfallen“, erzählt ihre Mutter. Die rothaarige Bayerin verlässt die Heimat und bekommt innerhalb kurzer Zeit sechs Kinder, mit denen sie weiterhin Deutsch spricht.

Als die Mutter schließlich merkt, dass ihre Ehe ein Gefängnis ist, versucht sie auszubrechen. Sie hat keine Chance. Als sie keinen Ausweg mehr sieht, flüchtet sie in der Nacht nach Deutschland und lässt Michael und die fünf bis 17 Jahre alten Schwestern zurück. Das ist der Beginn von Michaels Martyrium. „Meinen Vater hat es gekränkt, dass ihm die Frau weggelaufen ist. Das hat er an mir ausgelassen.“ Michael bekommt immer häufiger Prügel, trauert seiner Mutter nach, muss aber für seine kleinen Schwestern da sein. Irgendwann haut er trotzdem ab. Als er merkt, dass ihn die Polizei sucht, bekommt er Angst und kehrt wieder zurück. Da kommt’s noch schlimmer: Als sich Vater und Sohn bei der Polizei rückmelden, um Entwarnung zu geben, sperren die Beamten den Bub in ein Gefängnis für Kinder und Jugendliche. Warum, weiß Michael nicht: „Sie haben irgendwas von Drogen und Klauen erzählt.“

Oma Ela mit Michael (l. oben) und den fünf Geschwistern in Syrien

Der Vater sieht seelenruhig zu. Sechs Tage kauert Michael in einer ein Quadratmeter kleinen Zelle, zu seinen Füßen Mäuse und Kakerlaken. „Ich wurde geschlagen.“ Noch immer kann er überDetails nicht sprechen. Michaels zweite, größere Zelle teilt er mit 14 anderen Jungs. Alle sitzen den ganzen Tag aufeinander. „Da sind sechsjährige Kinder eingesperrt wie erwachsene Schwerverbrecher!“ Zwei Monate lang ist er der Willkür der Beamten ausgesetzt. Dann seine Rettung: Der Vater ist geschäftlich in Deutschland. Der Onkel, sein einziger Vertrauter, nutzt die Gelegenheit und holt Michael heraus. Von nun an behandelt der Vater Michael „wie Dreck“. Er kontrolliert seine Mails nach Deutschland, viele der verzweifelten Hilferufe erreichen die Verwandten nicht. Als Michael seinem Vater von einem Mädchen erzählt, dreht dieser durch. „Er ist auf meinem Kopf rumgetreten, hat meine Haare im Schrank eingeklemmt und mich weggezogen.“ Sein Gesicht ist danach Matsch. „So etwas macht doch kein normaler Vater!“, sagt er heute.

Michael steht kurz vor dem Abi. Weil er aber nicht schlafen kann, fliegt er durch die Prüfung. Eines Tages spricht in seine älteste Schwester an: „Ich weiß, dass du wegen uns bleibst. Aber ich kann nicht mehr sehen, wie du leidest. Geh und rette dich!“ Am nächsten Morgen um 6 Uhr schleicht Michael aus dem Haus, mit Handy, umgerechnet 50 Euro und Ausweis. Größtes Problem: Der Vater, so Michael, hatte für alle Kinder eine Ausreisesperre verhängt. „Das ist mit unserem Rechtsverständnis nicht zu verstehen“, sagt die Großmutter. Die deutsche Botschaft will helfen. Eine Rechtsanwältin bemüht sich um die Aufhebung der Ausreisesperre. Zwei Wochen lang sitzt die Oma in München auf glühenden Kohlen. Sie steht seit drei Jahren mit Behörden und Organisationen in Kontakt. Ihre Tochter, Michaels Mutter, ist nach den Vorfällen psychisch erkrankt. Sie lebt in Nordrhein-Westfalen.

Am 28. September der ersehnte Anruf: „Michael sitzt im Flugzeug!“ Im T-Shirt und mit Bart stapft ihr Michael aus der Ankunftshalle am Flughafen. „Ich hab ihn nur ganz festgehalten und geweint“, erzählt die Oma. Die nächsten Tage sind für Michael wie ein Traum:  „Wir waren am Stachus Eisessen: all die vielen fröhlichen Leute, das war eine ganz andere Welt!“ Er geht auf die Berufsvorbereitungsschule. „Ich will unbedingt bald arbeiten, gerne was mit Computern“, sagt er. Damit er die schrecklichen Jahre verarbeitet, sucht seine Oma einen Psychotherapeuten. „Hauptsache, er hat wieder Freude am Leben. Er hat für sein Alter schon viel zu viel durchmachen müssen."

nba

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