Ersetzt Gang zum Supermarkt

Anbieter boomen seit Corona: Fünf Münchner Lieferdienste im großen Check

Seit Corona sind sie besonders gefragt: Lebensmittel-Boten bringen den Einkauf nach Hause und der Kunde spart sich den Gang in den Supermarkt. Wir haben fünf der wichtigsten Münchner Anbieter getestet.

München - Es ist ein verlockendes Angebot: Einkaufen, ohne in den Supermarkt gehen und Tüten schleppen zu müssen, stattdessen gibt’s frische Lebensmittel in kürzester Zeit und guter Qualität direkt ins Haus. Das versprechen Lebensmittel-Lieferdienste. Diese Branche erlebt einen regelrechten Boom: Während Corona* ist das Geschäft sprunghaft gewachsen – und etabliert sich jetzt vielleicht dauerhaft. Die tz gibt auf dieser Seite einen Überblick, erklärt die Hintergründe und macht für Sie den Test mit fünf der wichtigsten Münchner Anbieter.

München: Lebensmittel-Lieferdienste im Test

Dass Lieferdienste im Trend liegen, bestätigt Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern: „Corona hat dem Online-Lebensmitteleinzelhandel einen gewaltigen Schub gegeben.“ Wer aus Angst vor dem Virus nicht ins Geschäft wollte, der bestellte im Internet. „Auch Ältere, die vorher noch Berührungsängste hatten, haben sich rangetastet“, so Ohlmann. Das Potenzial sei groß. Doch: „Es ist ein hart umkämpfter Markt“, sagt er.

Unsere Reporterin Claudia Schuri nahm die Tüten in Empfang.

Denn im Gegensatz zu anderen Ländern erledigen die allermeisten Deutschen ihren Einkauf noch immer direkt vor Ort. 33 Milliarden Umsatz machte der Lebensmitteleinzelhandel in Bayern vergangenes Jahr. „Ungefähr 1,2 Prozent davon war online“, so Ohlmann. Obwohl dieser Anteil noch relativ gering ist, herrscht in der Branche Goldgräberstimmung. Auch in München* drängen immer mehr Anbieter auf den Markt und wachsen schnell. Startups wie Gorillas und Flink werben damit, dass ihre Radl-Kuriere in nur zehn Minuten liefern. Auch etablierte Handelsketten wollen mitmischen: Rewe zum Beispiel kooperiert mit Flink und bietet zudem selbst einen Lieferservice an, Produkte von Edeka gibt es beim Lieferdienst Bringmeister. Dazu kommt der Versand-Riese Amazon mit seinem Lebensmittel-Service Amazon Fresh. „Amazon ist natürlich eine Macht“, sagt Ohlmann: „Da­rauf schauen alle.“ Über 50 Prozent des Umsatzes im Online-Lebensmittelhandel gingen auf den Konzern zurück.

Die Testbestellung der tz – unter anderem mit Milch, Gurken, Käse und Eiern.

München: Viele Lieferdienste kooperieren mit lokalen Betrieben

Nicht alle der neuen Unternehmen werden sich langfristig halten können, prophezeit Ohlmann: „Manche leuchten nur wie eine Sternschnuppe kurz auf und verglühen gleich wieder.“ Entscheidend sei, dass die Waren pünktlich, frisch und vollständig beim Kunden ankommen. „Das Preis-Leistungsverhältnis muss stimmen, und die Bestellung und die Bezahlung müssen bequem sein“, sagt er. Viele Lieferdienste kooperieren außerdem mit lokalen Betrieben und haben München-typische Waren im Angebot.

Wir haben den Test gemacht und bei Gorillas, Flink, Bringmeister, Rewe und Amazon Fresh immer das gleiche Sortiment an Produkten gekauft: eine Gurke, Käse, Eier, Milch, ein Vollkornbrot, Eis und Weißwürste. Wir achteten darauf, dass die Waren von der gleichen Marke oder zumindest von vergleichbarer Qualität sind. Bei allen Lieferdiensten gab es verschiedene Bezahlmöglichkeiten, die Bestellung war unkompliziert. Alle Lieferungen waren vollständig, nur bei Amazon Fresh klappte die Zustellung bei der ersten Bestellung nicht. Positiv ist: Die Gurken waren frisch, das Eis tiefgekühlt, und alle Eier sind ganz geblieben. Das Mindesthaltbarkeitsdatum wurde bei keinem der Produkte überschritten. Dennoch gibt es Unterschiede – mehr dazu in der Tabelle unten.

Münchner Lieferdienste im Test: So viel kostet’s - und so läuft’s

LieferdienstLiefergebietLieferzeitLieferkostenPreis des TestpaketsAnmerkungen
GorillasAu-Haidhausen, Glockenbachviertel, Hadern, Laim, Nymphenburg, Maxvorstadt, Schwabing, SendlingVerspricht eine Lieferung in zehn Minuten, wurde eingehalten. Zeiten: Montag bis Donnerstag 7.30 - 23.00 Uhr, Freitag und Samstag: 7.30 - 23.45 Uhr1,80 Euro zuzüglich Fahrertrinkgeld 1 - 6 Euro23,33 €Bestellung über App, Auswahl begrenzter als im Supermarkt, einige Waren ausverkauft
FlinkMaxvorstadt, Schwabing, Teile der Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt und Altstadt-LehelVerspricht eine Lieferung in zehn Minuten, wurde eingehalten. Zeiten: Montag bis Donnerstag 8.00 - 23.00 Uhr, Freitag und Samstag 8.00 - 0.00 Uhr1,80 Euro22,39 €Bestellung über App, Auswahl begrenzter als im Supermarkt, einige Waren ausverkauft; (-tz-Bestellung: Bratwürste statt Weißwürste, 10 Eier statt 6 Eier)
Amazon FreshGesamtes StadtgebietZustellung Montag bis Samstag wahlweise in 1- oder 2-Std.-Lieferfenster (i.R. 8.00 - 23.00 Uhr), Bestellungen für denselben Tag oder die nächsten drei Tage, kurzfristige Zeitfenster oft nicht verfügbarPrime-Mitgliedschaft sowie je nach Lieferzeit 3,99 Euro oder 6,99 Euro Versandgebühren, ab 80 Euro Bestellwert kostenfreie Lieferung22,62 €Bestellung über Homepage, sehr große Auswahl, Mindestbestellwert 20 Euro (Zustellprobleme bei erster tz-Bestellung, bei der zweiten klappte die Zustellung problemlos und pünktlich)
BringmeisterGesamtes StadtgebietZustellung abhängig vom Postleitzahlengebiet Montag bis Samstag 6.00 - 0.00 Uhr, Zeitfenster von einer, zwei oder drei Stunden, Zeit eingehalten, kurzfristige Zeitfenster am selben Tag oft nicht verfügbarJe nach Lieferzeit 0,99 bis 4,49 Euro, ab 100 Euro Bestellwert kostenfreie Lieferung21,25 €Bestellung über Homepage, Produkte von Edeka, Mindestbestellwert 40 Euro
ReweGesamtes StadtgebietMontag bis Samstag 7.00 - 22.00 Uhr, Zeitfenster von zwei bis vier Stunden, kurzfristige Zeitfenster oft nicht verfügbarJe nach Lieferzeit, Zeitfenster und Bestellwert 3,90 bis 5,90 Euro, ab 120 Euro kostenfreie Lieferung21,23 € Bestellung über Homepage, Rewe-Sortiment, Mindestbestellwert 50 Euro

Knochenjob der Radl-Kuriere - Kritik an „Wettbewerb auf Kosten der Beschäftigten“

Die Schattenseiten des Erfolgs kritisiert die Gewerkschaft Verdi. „Der Wettbewerb geht auf Kosten der Beschäftigten“, sagt Hubert Thiermeyer von Verdi Bayern. „Die Arbeitsbedingungen sind oft prekär!“ Schlechte Bezahlung, kein Bezug auf Tarifverträge und keine Sicherheit: „Mit den Arbeitsverträgen werden die normalen gesetzlichen Bestimmungen verschlechtert“, kritisiert Thiermeyer. „Es gibt keinen Schutz.“ Die Fahrer, die die Waren mit dem Rad ausfahren, müssten schwere Pakete schleppen, stünden unter Zeitdruck und seien oft schlecht ausgestattet und einem hohen Risiko ausgesetzt. „Wenn man am Tag 80 bis 100 Kilometer mit dem Rad unterwegs ist, dann ist das gefährlich“, so Thiermeyer.

Bei Gorillas haben sich einige Lieferanten zum Gorillas Workers Collective zusammengeschlossen und fordern bessere Arbeitsbedingungen. Das Unternehmen dagegen betont, dass es die Gründung eines Betriebsrats unterstütze und es Verbesserungen wie kleinere Rucksäcke oder ein neues Schichtplanungssystem umsetze. Die Fahrer seien fest angestellt und erhielten einen Stundenlohn von 10,50 Euro plus Trinkgeld.

Auch der Lieferdienst Flink erklärt, dass die Kuriere und die für die Lager zuständigen Mitarbeiter fest angestellt seien. „Wir stellen hochwertige Elektro-Fahrräder und Ausrüstung zur Verfügung, wir zahlen über Tarif und bieten weitere Sonderleistungen wie Rabatt auf Einkäufe an“, heißt es von der Firma. Man lege Wert auf eine „umfassende Berücksichtigung von sozialen und arbeitsrechtlichen Standards“.

Bei Amazon ist das System anders: Dort sind die Kuriere gar nicht angestellt, sondern arbeiten auf selbstständiger Basis. Sie müssen ein Gewerbe angemeldet haben und liefern mit eigenen Fahrzeugen aus. (Claudia Schuri) *tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Sigi Jantz

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