Das ist das Münchner Armutszeugnis

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Immer mehr Menschen brauchen in München Geld vom Staat – vor allem Senioren.

München – Stadt der Gegensätze: Auf der Sonnenseite räkeln sich Bosse, Bonzen und Besserverdiener und machen mit ihrer Kaufkraft die Metropole zur reichsten der Republik. Doch die im Schatten sieht man nicht:

Auch Arme, Alte, Kranke und Flüchtlinge gehören zu dieser Stadt, selbst wenn sie Hilfe brauchen und ein Fall fürs Sozialreferat werden. Dessen Chefin Brigitte Meier (SPD) hat am Dienstag dem Stadtrat ihren Sozialbericht vorgestellt und fasst die mehr als 100 Seiten gegenüber der tz in drei Worten zusammen: „Alle Zahlen steigen.“

Das Armutszeugnis einer reichen Stadt: Hartz IV, Sozialhilfe, Wohngeld, Schulden und Pleiten – wo die Experten hinschauten, entdeckten sie mehr Bedürftigkeit als im Vorjahr. „Das sind die Schattenseiten von Wachstum und Zuzug, die wir bewältigen müssen“, sagt Meier. Rund 650 Millionen Euro an Sozialleistungen verteilte die Stadt unter den Münchnern, die nicht mit den Hochqualifizierten und Hochbezahlten Schritt halten können. Die Sozialreferentin ist noch zufrieden: „Wir haben die Situation gut im Griff“, sagt Meier. Andere Städte wären froh über so wenig Armut.

Auch die Vertreter aller Parteien im Rathaus lobten die Bilanz. Doch Meier warnt: „Die entscheidende Frage wird sein, ob der Zuzug so wie vorhergesagt eintritt und wie wir mit der weiteren Dynamik und dem Wachstum umgehen.“ Das könne schwierig werden.

Zum Beispiel gibt es in München Arbeit für viele – aber nicht für alle: Obwohl im vergangenen Jahr die Finanzkrise zu Ende ging und die Wirtschaft deutlich anzog, kam der Aufschwung nicht bei den Hartz-IV-Empfängern an – die Zahl nahm sogar leicht auf rund 76 000 zu. Etwas stärker stieg der Anteil der armen Kinder. Die Mehrheit sind Deutsche, der Anteil der Ausländer wuchs leicht auf 43 Prozent. Fast eine viertel Milliarde Euro zahlt die Stadt aus, die der Bund teilweise erstattet.

Bei der Sozialhilfe ist der Anstieg der bedürftigen Senioren bemerkenswert (tz berichtete). Um sechs Prozent wuchs hier die Zahl der Armen auf über 11 000. Aber auch die Zahl der Bezieher von Hilfen in Pflege oder Gesundheit nimmt weiter deutlich zu. Fast 200 Millionen Euro legt die Stadt dafür hin.

Nicht alle Kinder haben eine glückliche und unbeschwerte Kindheit – und deswegen zahlte das Stadtjugendamt im vergangenen Jahr 205 Millionen Euro in der Kinder- und Jugendhilfe aus – am meisten für die stationäre Unterbringung schwieriger Jugendlicher, aber auch für minderjährige Flüchtlinge, für den Kinderschutz bis hin zur Unterstützung von Kleinen, die beim Lernen nicht hinterherkommen.

Das Amt für Wohnen und Migration steuerte Sozialleistungen in Höhe von 27 Millionen Euro bei – vor allem für die Wohnungsförderung.

Rund 57 000 Münchner Familien gelten als überschuldet. Fast 12 000 von ihnen half die städtische Schuldenberatung im vergangenen Jahr – etwa der Hälfte kurz und telefonisch oder per Internet, der anderen Hälfte persönlich und intensiv.

Stark steigend ist die Zahl der Empfänger von Wohngeld – fast 8000 Haushalte bekommen im Schnitt 111 Euro. Für das laufende Jahr und die Zukunft hoffte Sozialreferentin Meier, dass die Zahl der Bedürftigen sinkt. Seit der Euro-Krise ist sie sich nicht mehr sicher: Tatsächlich stieg im August die Zahl der Langzeitarbeitslosen wieder an. Und Sozialhilfe brauchen ohnehin immer mehr Menschen.

David Costanzo

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