Münchner Arzt tief betroffen

Die Krankenakten aus den Asyllagern

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Flüchtlinge in der Bayernkaserne - ein Drittel der Kinder ist verhaltensgestört.

München - Draußen auf dem Boden muss zwar kein Flüchtling in München mehr schlafen, doch was sich aus medizinischer Sicht in den Asylbewerberlagern finden lässt, schockiert selbst gestandene Ärzte.

Dr. Siegfried Rakette mit seiner Ehefrau und Sprechstundenhilfe Magdalena.

Dr. Siegfried Rakette (71) haut so leicht nichts um. In seinem langen Berufsleben hat der inzwischen pensionierte Allgemeinmediziner und Internist tragische Schicksale erlebt. Aber so viel Leid in geballter Form, wie ihm derzeit bei seiner ehrenamtlichen Arbeit in den Münchner Asyllagern buchstäblich gegenübersteht, sprengt sogar seine Vorstellungkraft: „Vielen Patienten muss Unfassbares angetan worden sein. Das sieht man oft schon bei der Untersuchung – noch bevor sie überhaupt ihre Geschichte erzählt haben. Da muss man selbst als alter Hase schlucken. Ich bin tief betroffen.“ Er gehört zu den Münchner Ärzten und Helfern, die sich im Verein für die medizinische Versorgung von Flüchtlingen, Asylbewerbern und ihren Kindern engagieren. Sie halten regelmäßig Sprechstunden in den beiden Erstaufnahmelagern ab, der Bayernkaserne und dem VIP-Bereich des Olympiastadions. In der tz schildert Rakette die dramatischsten Fälle aus dem Praxisalltag.

Schusswunden: „Wir sehen immer wieder Schusswunden, die schlecht oder gar nicht versorgt wurden. Sie sind teilweise eitrig entzündet, weil die Patienten bis zu zwei Jahre lang nicht behandelt werden konnten.“

Vergewaltigungen: „Viele Frauen – darunter auch sehr junge Mädchen – leiden an den Folgen von Vergewaltigungen und brutalen Schlägen.“

Knochenbrüche: „Manche Flüchtlinge haben starke Schmerzen, weil sie sich unterwegs Knochen gebrochen haben, aber in ihrer Verzweiflung trotzdem weitergeflohen sind.“

Verstörte Kinder: „Psychologen haben festgestellt, dass etwa ein Drittel der Kinder posttraumatische Belastungsstörungen zeigen. Sie können beispielsweise nicht sprechen, nässen ein, sind verhaltensauffällig.“

Folter: „Ich habe mehrere Patienten gesehen, die mit Eisenstangen zusammengeschlagen oder anderen Werkzeugen gequält worden sind.“

Einsamkeit: „Wir behandeln Jugendliche, die ihre Flucht alleine fortgesetzt haben, nachdem ihre Eltern, Geschwister oder Freunde unterwegs gestorben sind.“

Krätze: „Durch die schwierigen Hygiene-Bedingungen kommen immer wieder Flüchtlinge mit Krätze an.“ Das ist eine Hautkrankheit, die Juckreiz verursacht und von Milben ausgelöst wird. „Im Herbst hatten wir 30 bis 40 Fälle, derzeit aber nur noch vereinzelte.“

Die Zahl der Flüchtlinge steigt weiter

Der Strom an Flüchtlingen versiegt nicht: Noch immer kommen täglich 60 bis 70 Asylbewerber am Münchner Hauptbahnhof an. Die meisten stammen aus Syrien, Eritrea und Somalia. Immerhin: Da es neben der Bayernkaserne mittlerweile weitere Stellen in der Stadt gibt, wo die Flüchtlinge zuerst registriert werden, hat sich die Lage dort etwas entspannt. Niemand muss mehr draußen auf dem Boden schlafen. Seit Januar haben rund 200.000 Menschen in Deutschland einen Erstantrag auf Asyl gestellt. Gut 15 Prozent (also 30.000 Menschen) von ihnen hat Bayern aufgenommen. Nur Nordrhein-Westfalen hat rund 21 Prozent mehr Hilfesuchende untergebracht. Besonders zu Beginn der großen Welle im Sommer gab es bei der medizinischen Versorgung der Asylbewerber große Probleme. Teils wohnten sie schon über eine Woche in der Bayernkaserne, bevor sich ein Arzt um ihre Leiden und Krankheiten kümmern konnte. Mittlerweile werden die oft von der Reise mitgenommenen Flüchtlinge sofort untersucht.

Andreas Beez

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