Münchner berichten: So dramatisch ist die Lage in Somalia

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Ismail Haji ist drei Jahre alt: Der dramatisch unterernährte Bub saß am Freitag weinend vor dem Banadir-Krankenhaus in Mogadishu

München/Mogadischu - Zwei Münchner berichten über die Lage in Somalia. Wie dramatisch diese wirklich ist und wie Sie spenden können, lesen Sie hier:

Die aus Somalia stammende Münchnerin Fadumo Korn, unten 1985 mit ihrem Bruder

München fühlt mit den notleidenden Menschen in Ostafrika, spendet auch – doch in Wirklichkeit ist die unbeschreibliche Dürre- und Hungerkatastrophe weit von unserer Vorstellungskraft entfernt. Für manche Münchner ist sie aber ganz nah: Die gebürtige Somalierin Fadumo Korn findet in diesen Tagen aus Sorge um die Familie in der am schlimmsten betroffenen Region keine Ruhe. Geografisch noch näher dran ist Hayaan Nur (19). Der Abiturient, dessen Vater aus Somalia stammt, verbringt gerade ein paar Wochen bei Verwandten, am Rande der Katastrophengebiete.

Dolmetscherin und Autorin Fadumo Korn hofft inständig, dass ihre zehn Brüder, deren Kinder und all die anderen Verwandten irgendwo versorgt werden. Nur selten gelingt es ihr, Telefonkontakt aufzunehmen. Der jüngste Bruder ist im kenianischen Lager Dadaab aufgenommen worden. „Er hat Schreckliches berichtet“, sagt sie. „Man könne sich kaum bewegen, überall liegen Menschen, die einfach zusammengebrochen sind, manche sind schon tot.“ Man komme nicht mehr nach mit dem Schaufeln von Gräbern. Vor zwei Monaten sei ein anderer Teil ihrer Familie, auch die alte, fast blinde Stiefmutter, von einem überfüllten Camp abgewiesen worden.

Hayaan Nur, Münchner Abiturient ist derzeit in Somaliland

Fadumos Angehörige waren bei ihrer Geburt Nomaden, die von der Viehzucht lebten. „Geboren im großen Regen“, heißt die Autobiografie der Münchnerin. Niederschläge hat der Landstrich Gedo im Westen Somalias schon lange Zeit nicht mehr gesehen: „Es gibt seit Monaten kein Wasser mehr.“ Wie das auf die Menschen wirkt, weiß Fadumo nur zu gut. Als Sechsjährige hat sie selbst eine schlimme Dürreperiode mitgemacht und gelernt: „Durst ist schlimmer als Hunger.“ Sie erinnert sich, dass ihre „Zunge nach einigen Tagen ohne Wasser wie ein Stück Wolle aus dem Mund hing“. Die körperlichen Schmerzen einer Dehydrierung aller Organe seien unaussprechlich.

105 Verwandte und Freunde in Somalia hängen von der finanziellen Hilfe der deutschen Schwester und Tante ab, umso mehr, als „sie alle Tiere verloren haben“. Es macht Fadumo wütend, dass ihre Lieben das Geld für vielfach überteuerte Lebensmittel und Wasser ausgeben müssen: „Gegen die Miliz muss von außen etwas unternommen werden!“ Die Schabab-Rebellen hätten durch ihr Schreckensregime viele Regionen Somalias in der Hand: Sie verhinderten sogar die dringend notwendigen Hilfslieferungen.

Hayaan lebt derzeit im Norden Somalias bei seinem Onkel – in Somaliland. „Das ist ein eigener Staat.“ Auch in der Stadt Hargeisa sei es sehr trocken – „obwohl gerade Regenzeit ist“. Der 19-Jährige hat viele Flüchtlinge aus den Dürregebieten im Süden gesehen: „Hier kommen sie mit dem Lkw an.“

Er analysiert die Katastrophe: „Das Schlimme ist, dass es dort keine Kommunikation und keinen Handel mit anderen Gebieten gibt.“ Eine Folge des Bürgerkriegs, der seit 20 Jahren andauert. „Und die Miliz greift hart durch, auch mit Hinrichtungen.“

Hayaan hat auch schon einen Zweig des Chad-Strauchs probiert, der berauschende Wirkung hat. „Das Kauen hält einen wach“, sagt der 19-Jährige. „Aber viele arme Somalis kaufen sich lieber Chad als Essen, weil er das Hungergefühl länger unterdrückt als eine gleich teure kleine Mahlzeit.“

Barbara Wimmer

UN: Situation wird sich noch verschärfen

Die Rettungsaktionen für die hungernden Menschen in Somalia gehen weiter, obwohl die Sicherheitslage immer brenzliger wird. Am Freitag setzten die Vereinten Nationen ihre Luftbrücke nach Somalia fort und flogen mit zwei Maschinen in die Hauptstadt Mogadischu und nach Gedo im Westen des Landes. Heute startet die erste Maschine aus München: Eine Douglas von Humenica mit 30 Tonnen Hilfsgütern an Bord. Insgesamt will das Welternährungsprogramm (WFP) über 100 Tonnen Hilfsgüter in die Region fliegen.

Vor allem Kinder leiden unter der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren. Vor allem für sie wurde die Erdnusspaste Plumpy’nut entwickelt, die jetzt eingesetzt wird. Gleichzeitig steigt die Angst um die Sicherheit von Zivilisten und Flüchtlingen. In Mogadischu waren am Donnerstag Kämpfe zwischen Friedenstruppen der Afrikanischen Union (AU) und der radikalen Al-Schabab-Miliz entbrannt. Dies habe das Risiko für Zivilisten in der Hauptstadt sowie auch für die schätzungsweise 100 000 Binnenflüchtlinge, die in den vergangenen Monaten in Mogadischu Zuflucht gesucht haben, erheblich erhöht, so das UN-Flüchtlingskommissariat.

Ziel der AU-Aktion sei es gewesen, die Flüchtlingscamps in Mogadischu vor Angriffen der Rebellen zu schützen, berichtete der britische Sender BBC. „Die Al-Schabab hat angekündigt, die Lager angreifen zu wollen, wenn die Menschen nicht in ihre Heimatregionen zurückkehren. Die Miliz verbietet westlichen Hilfsorganisationen seit Jahren, in den von ihr kontrollierten Gebieten vor allem im Süden des Landes zu arbeiten. In 20 über die Stadt verteilten Ernährungszentren bekämen 85 000 Menschen pro Tag ein warmes Essen.

Gleichzeitig strömten weiter bis zu 1500 Somalier täglich in das größte Flüchtlingslager im kenianischen Dadaab, sagte Christopher Tidey vom Kinderhilfswerk Unicef. Das ursprünglich für 90 000 Menschen gebaute Lager beherbergt jetzt über 400 000 Menschen.

Die Vereinten Nationen riefen wegen der katastrophalen Lage zu weiteren Spenden auf. „Das Ziel ist es, etwa 400 000 hilfsbedürftige Menschen in Somalia noch bis Ende August zu erreichen“, so Bruno Geddo, UNHCR-Vertreter für Somalia. „Dies würde das Leid der Schwächsten ein wenig lindern, die nicht die Kraft haben zu reisen, um sich Hilfe zu suchen.“

Nach Einschätzung der Bundesregierung wird sich die Lage in Somalia noch verschärfen. Am Horn von Afrika brauchen laut UN-Schätzungen 11,5 Millionen Menschen Nahrungshilfe.

Spenden

Aktion Deutschland Hilft, das Bündnis der Hilfsorganisationen, Stichwort: Ostafrika, Spendenkonto: 10 20 30, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00.

Unicef Deutschland, Stichwort Ostafrika, Konto 300 000, BLZ 370 205 00, Bank für Sozialwirtschaft Köln.

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