Interview mit Katrin Habenschaden 

Münchner Bürgermeisterin will Innenstadt-Verödung bekämpfen: „Es muss mehr geben als nur Einkaufen“

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Grün in die Stadt zu holen ist eines von Katrin Habenschadens Anliegen. 

Katrin Habenschaden (42) ist seit 100 Tagen Münchens neue zweite Bürgermeisterin. Zeit für eine erste Zwischenbilanz – bei einer Radtour durch die Stadt. Beim Treffen vor dem Rathaus kommt eine Frau auf die Bürgermeisterin zu, möchte ein Foto, Pressesprecher Ulrich Lobinger drückt auf den Auslöser. Alles mit Sicherheitsabstand.

Wie oft kommt so etwas jetzt vor?

Schon immer mal wieder, das erste Mal im Wahlkampf. Am häufigsten passiert es in der S-Bahn.

Mit Maske?

Ja, dann werde ich meistens auf ein konkretes Thema angesprochen und ich werde gefragt: Sind Sie Frau Habenschaden?

Und Sie sagen Ja?

Ja (lacht).

Wie lange geht das noch, dass Sie sich zu erkennen geben?

Es war schon im Wahlkampf mein Ziel, die Rathausarbeit transparenter zu machen. Deshalb mag ich es sehr, von den Münchnern an allen Orten in der Stadt angesprochen zu werden und als Bürgermeisterin greifbar zu sein.

Was hat Sie in den ersten 100 Tagen Amtszeit noch überrascht?

Fachlich nichts, in die Verwaltungsarbeit musste ich mich aber erst mal einarbeiten. Vielleicht bin ich da am Anfang auch mal in ein Fettnäpfchen getreten.

Was ist gut gelungen?

Es war wichtig, ins Arbeiten zu kommen, nicht nur im Zusammenspiel innerhalb der Stadtspitze, sondern auch mit meinem Team. Schließlich war alles eine Premiere, jeder Ausschuss, jeder Aufsichtsrat. Und es war gut und wichtig, auch die entscheidenden Player außerhalb des Rathauses zu treffen.

Was ist nicht gut gelaufen?

Wir haben uns in der Koalition große Ziele gesetzt, die Auswirkungen von Corona machen die Umsetzung natürlich nicht leichter. Wir werden unsere Projekte dennoch Schritt für Schritt umsetzen. Aber es ist schon so, dass wir auf Sicht fahren und häufig ad hoc Probleme lösen müssen in Zusammenhang mit dem Virus.

Die Pandemie grassierte ja bereits bei der Erstellung des Koalitionsvertrages. Die Kritik: Es wird den Menschen etwas versprochen, was nie und nimmer einzuhalten ist.

Es war wichtig, als neue Stadtregierung nicht verzagt zu sein und nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Der Vertrag gilt sechs Jahre. Wir haben große Teile der aktuellen Situation gewidmet, aber trotz Corona dürfen wir unsere Ziele für München nicht aus den Augen verlieren. Wir machen das, was in den vergangenen sechs Jahren schon hätte gemacht werden müssen: Wir fokussieren uns auf die wichtigen Zukunftsthemen.

Unter Schwarz-Rot hatte man den Eindruck, es geht alles.

Da gab es eine große Uneinigkeit bei den Zukunftsfragen, etwa beim Verkehr. Und in einer Zeit, in der es finanziell sehr gut lief, hat Schwarz-Rot die inhaltlichen Gräben mit Geld zugeschüttet. Es wurden außerdem dringend notwendige Dinge verzögert, wenn man zum Beispiel an die Tram-Westtangente denkt.

Was sind die Ziele für die nächsten 100 Tage?

Eine der wichtigsten Fragen ist, wie wir ein Veröden der Innenstadt verhindern können. Ich werde mich deshalb für ein neues Innenstadtkonzept starkmachen. Das derzeitige ist aus dem Jahr 2006. Da steht noch drin, dass der Internethandel keine negativen Auswirkungen auf die Innenstadt hat. Dieses veraltete Konzept darf nicht länger Grundlage für städtisches Handeln sein. Viele Jahre hat der internationale Tourismus die Probleme kaschiert, aber jetzt, wo die Besucher aus dem Ausland fehlen, wird das niedrige Interesse der Einheimischen an der Münchner Innenstadt schmerzhaft deutlich. Darauf müssen wir reagieren.

Da gibt es bereits Einwände, dass die Probleme durch die mangelhafte Erreichbarkeit der Innenstadt entstanden sind.

Das Argument ist falsch, von allen Seiten ist eine gute Erreichbarkeit durch den ÖPNV gegeben. Und wir haben einen Ring an Parkhäusern um die Innenstadt, die zum Teil nicht ausgelastet sind. Der Modal Split zeigt für die Innenstadt auch deutlich, dass die Menschen am liebsten mit den Öffentlichen anreisen. Richtig ist, dass wir schauen müssen, wie auch die Mikroerreichbarkeit gewährleistet ist, also: Wie kommen die Einkäufe dann wieder zum Auto oder schwere Dinge per Lieferung nach Hause. Aber da gibt es Beispiele aus anderen Städten, die zeigen, wie es geht, etwa mit kleinen Elektro-Fahrzeugen.

Wenn die Erreichbarkeit nicht das Problem ist, was dann?

Die Zukunft der Innenstadt besteht nicht nur im Einkaufen, es muss bessere Gründe als nur das Einkaufen geben, warum ich in die Stadt fahre. Daher wollen wir ein modernes, multifunktionales Konzept, das nicht nur Filialisten vorsieht, sondern auch wieder mehr kleine inhabergeführte Geschäfte, Dienstleister, mehr Gastronomie, Wohnen und auch Kultur, Konzerte. Das Konzept muss so sein, dass ich gerne einen guten Tag in der Innenstadt verbringe.

Wie soll so ein guter Tag aussehen?

Man fährt in die Stadt zum Frühstücken, geht Einkaufen, bummeln, in kleine Spezialitätenläden, es muss Grünflächen geben, wo ich auch mal im Schatten sitzen kann, ohne etwas konsumieren zu müssen. Ein Makel der Innenstadt ist die starke Versiegelung. Das ist gerade auch für ältere Menschen problematisch, die haben ja gar keine Möglichkeit, ein Plätzchen im Schatten zu finden, ohne in einer Gastronomie etwas kaufen zu müssen. Und wir brauchen deshalb mehr Brunnen, mehr Wasser, mehr Bäume, mehr Plätze mit Aufenthaltsqualität. Denn abends ist die Fußgängerzone ja tot, schauen Sie doch nach Madrid, da ist nahezu den ganzen Tag Leben in den Straßen, weil es grün ist, weil es auch Konzerte gibt. Das liegt nicht nur an der Gastronomie. Der Gärtnerplatz in München erfährt doch gerade auch deshalb eine Überlastung, weil er so attraktiv ist. Warum gehen die jungen Leute denn da hin? Weil es dort grün ist, weil es kühler ist, weil der Platz Aufenthaltsqualität bietet. Wir müssen mehr dieser Orte schaffen – natürlich immer im Einvernehmen mit den Anwohnern. Oder schauen Sie auf den Jakobsplatz. Dort tollen Kinder im Brunnen, während die Eltern im Café oder auf den Bänken sitzen.

Wo sollen die Grünflächen denn hin?

Die Debatte um die Aufteilung des öffentlichen Raums beginnt gerade erst. Als grün-rote Koalition wollen wir mehr Aufenthaltsqualität schaffen. Ich denke da an die Herzog-Wilhelm-Straße oder das Tal. Auch das Konzept der coolen Straßen soll geprüft werden. Die Hitze der letzten Tage hat gezeigt, wie dringlich das ist. Auch der Platz vor der Oper muss endlich umgestaltet werden.

Es gab Bestrebungen, die Stadtbäche an die Oberfläche zu holen, wann wird das umgesetzt?

Ich hoffe bald. Für die Herzog-Wilhelm-Straße gibt es ja ein Konzept. Und wir möchten das auch bei dem geplanten Boulevard Sonnenstraße. Aber es gibt bestimmt noch mehr Möglichkeiten, die Bäche an die Oberfläche zu holen.

Bei der Umgestaltung des Tals sollen einzelne Grünflächen mit Bäumen, vielleicht auch Brunnen, integriert werden – ein Wald fürs Tal?

(lacht) So viel Platz haben wir natürlich nicht. Ich denke an eine neue Definition von Urbanität, die sich an den Wünschen der Münchner ausrichtet. Man muss schauen, was sich umsetzen lässt. Es gibt ja erst mal viel Bedenkenträgerei, aber wenn man einige gute Beispiele umsetzt, gibt es schnell einen Aha-Effekt. So wie bei den Schanigärten, die so gut angenommen werden. München hat ein riesiges Potenzial, wir müssen uns nur trauen, neu zu denken.

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