"Freunde haben Angst, mir zu schreiben"

Münchner erlebte den Terror von Syrien

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Jetzt lebt der gebürtige Wolfratshauser Peter von Werden im nordirakischen Erbil

München - Der Münchner Peter von Werden ist von Damaskus in den Nordirak geflüchtet. Gegenüber der tz spricht er über die dramatische Lage in Syrien.

Die Welt schaut auf Syrien, wo jeden Moment mit einen militärischen Eingreifen der USA zu rechnen ist. Auch ein Münchner hängt ständig im Internet und wartet auf Nachrichten aus Damaskus: Peter von Werden (43) hat zwei Jahre lang dort gelebt – und wohnt jetzt im Nordirak.

Peter von Werden trägt gerne auch mal seine bayerische Tracht stolz spazieren

Peter von Werden mag Bier und Lederhose genauso wie Shisha, orientalisches Essen und Kultur. Er ist in Wolfratshausen aufgewachsen und arbeitete jahrelang in München als Qualitätsmanager in Callcentern, bevor er 2006 in Dubai anheuerte. Von dort verschlug es ihn in den Oman und im Juli 2009 nach Syrien, wo er ein Callcenter aufbaute. „Damaskus war eine wunderschöne, weltoffene Stadt mit liebenswerten Menschen und Straßencafés, wo man sogar im Ramadan an einer belebten Kreuzung tagsüber Bier trinken konnte, ohne dass es jemand störte.“

Die syrische Wirtschaft entwickelte sich vielversprechend, doch im Volk rumorte es: „Einige Freunde gingen zu Demos, um einen Wechsel und mehr Freiheit zu fordern. Freunde, die die Regierung nicht unterstützten, diskutierten über mögliche Zugeständnisse und die neue geplante Verfassung.“ Von Werden sah Geheimdienstbusse, die gesichtslose Agenten dutzendweise abgesetzt und in Seitenstrassen geschickt haben und die grünen Linienbusse, die am Freitagmorgen vor den Gebeten für das Militär eingesetzt wurden. Von Werden: „Es war ein neues Bild von Syrien, das sich täglich weiter veränderte. Die Menschen sahen das mit großer Sorge.“

Als der arabische Frühling durch weitere Länder des nahen Ostens wehte, dämmerte von Werden, dass die Zeit in Damaskus zu Ende ging: „Ich plante dort mit Freunden eine eigene Firma aufzubauen. Aber dann gab es die ersten Zwischenfälle in Daraa, von wo aus sich die Proteste und Unruhen ausbreiteten.“ Deshalb legten sie das Projekt auf Eis. Von Werden: „Niemand hatte damit gerechnet, dass die Syrer untereinander derartig aufeinander losgehen würden.“ Bis November 2011 reiste er noch oft hin, bis die Sicherheitslage zu schwierig wurde. Von Werden arbeitete noch anderthalb Jahre in Dubai und Jordanien, bevor er jetzt mit Freunden in Erbil im Nordirak eine Autovermietung und einen Coffeeshop mit Wasserpfeifen-Lounge eröffnete. „Hier gibt es zwar coole Musik und schnelles Internet, aber Alkoholausschank wäre mit zu hohen Auflagen verbunden.“ Doch die Sicherheitslage ist gut und die kurdisch kontrollierte Region aufstrebend.

Von Werden wäre gerne in Syrien geblieben: „Da war es vom Leben her viel einfacher und schöner.“ Er hat noch viele Freunde dort, doch der Kontakt ist schwierig: „Die Leute haben blanke Angst, mir zu schreiben oder am Telefon zu sprechen über das, was passiert, egal, welche Seite sie unterstützen.“ Die Überwachung im Internet ist lückenlos. Von Werden: „Ein Bekannter meines besten Freundes wurde vom Geheimdienst mit seinem gesamten ausgedruckten Email-Verkehr konfrontiert, seine Frau bekam täglich Drohanrufe.“

Doch da, wo die Rebellen herrschen, ist es kaum besser: „Auch von dort fliehen die Menschen in Scharen wegen der überall herrschenden Unsicherheit und Rechtlosigkeit.“ Allein in den irakischen Teil Kurdistans flohen schon über 150 000 Flüchtlinge aus Syrien und täglich werden es mehr. Von Werden: „In den Gebieten Syriens, in denen die Regierungstruppen nicht mehr das Sagen haben, herrschen oft genau die Extreme, die früher von den Syrern abgelehnt wurden.“ Sein Fazit: Bis es zu einem Konsens in einem neuen Syrien kommen wird, wird wohl leider noch viel Blut vergossen.“

Johannes Welte

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