Münchner Josef G. (87) plädiert für die aktive Sterbehilfe

"Ich möchte selbst entscheiden, wann ich gehe ..."

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Josef G. (87) ist für Sterbehilfe.

München - Josef G. ist 87 Jahre alt. Er ist pumperlgsund, macht sich aber dennoch Gedanken über den Tod. Wenn er schwer krank werden sollte, möchte er selbst über sein Schicksal entscheiden. Aber aktive Sterbehilfe ist in Deutschland verboten ...

Wenn Josef G. von seinem Leben erzählt, kneift der rüstige Rentner dabei oft verschmitzt die Augen zusammen. Sein Zeichen von Zufriedenheit. „Ja, ich hatte ein gutes Leben“, wiederholt der Münchner dann lächelnd. Vor 87 Jahre erblickte er das Licht der Welt. Und er sah Schreckliches und Wunderbares: Da kam der Krieg, dann der Wiederaufbau, der erste Blick in die Augen seines Sohnes, später das Einlaufen der Athleten bei den Olympischen Spielen. „Ich habe Einiges erlebt.“ Seit einiger Zeit macht sich der Rentner aber über etwas Gedanken, worüber man selten spricht: den Tod. „In meinem Alter muss man das – obwohl ich noch pumperlgsund bin.“ Denn Josef G. hat einen Plan: Wenn er schwer krank werden sollte, dann wird er selbst bestimmen wann und wie er geht. „Das ist doch mein gutes Recht, oder?“

Ist es das? Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland verboten, der Bundestag debattiert derzeit über dieses sensible Thema. Auch Josef G. beschäftigt dies sehr. „Natürlich habe ich eine Patientenverfügung“, erklärt er. „Ich hätte aber gerne einen Passus drin, dass man mir auch etwas geben darf, wenn es nicht mehr geht.“ Als Demenzkranker in einem Heim dahin zu vegetieren, bis der Körper alleine nicht mehr mitmacht – ein Albtraum für den ehemaligen Buchhalter. „Das kann keiner wollen.“ Und dann spricht der hochintelligente Mann etwas aus, was sich nur wenige zu sagen trauen. „Zudem steigt die Zahl der schwerst Pflegebedürftigen immer weiter an. Wie soll das die Gesellschaft in Zukunft bewältigen?“

Das Bild zeigt ihn vor 65 Jahren mit Frau und Sohn.

Tatsache ist: Jährlich schließen in Deutschland gut 340 000 Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen für immer ihre Augen. Tendenz steigend. In Bayern starben im Jahr 2013 48 300 Menschen in Pflegeheimen. Nur die Hälfte von ihnen wurde übrigens palliativ betreut. „Unsere Häuser werden immer mehr zu Sterbehäusern“, bemängelte Jürgen Salzhuber, Chef der Münchner Arbeiterwohlfahrt, vor kurzem im tz-Interview. Dabei ginge es doch darum, den Zustand der Bewohner eigentlich durch gute Pflege zu verbessern. Jedoch: Sie werden immer älter und immer kränker. Statistiken zeigen: Jeder Pflegeheim-Bewohner hat im Durchschnitt 9,3 diagnostizierte Krankheiten. Im Schnitt bedeutet natürlich auch: So mancher hat 14 oder 15 Leiden.

Nein, Josef G. behauptet nicht, dass all diese Pflegefälle kein Recht mehr auf Leben hätten. „Um Gottes Willen. Nein! Es geht darum, dass man selbst entscheiden kann, wann es einfach nicht mehr erträglich ist.“ Wie oft höre man beim Tod eines älteren Mitmenschen später von Angehörigen: „Das Ende war eine Erlösung für ihn.“ Josef G. kann da nur ungläubig den Kopf schütteln. „Warum hat man ihn oder sie dann leiden lassen?“

Der eigene Tod – auch im Bundestag wird das Thema derzeit wieder heiß diskutiert. Mehrere Abgeordnete wollen Ärzten ausdrücklich erlauben, Sterbenskranken beim Suizid zu helfen. Nach einem vorgestellten Gesetzentwurf einer Gruppe aus Union und SPD soll dazu im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert werden, dass „ein volljähriger und einwilligungsfähiger Patient, dessen unheilbare Erkrankung unumkehrbar zum Tod führt“, die Hilfestellung eines Arztes bei der Selbsttötung in Anspruch nehmen kann (siehe S. 2). Noch ist das verboten. Die Katholische Kirche kritisiert, dass sich mit dieser Regelung Schwerkranke bald unter Druck fühlen dürften, warum sie nicht endlich sterben (siehe unten).

Eine endlose Diskussion, über die sich Josef G. immer wieder wundert: „Man sollte mal mit uns alten Menschen reden. Den von Natur aus am häufigsten Betroffenen.“ Und dann hat er einen letzten Wunsch: „Fragt doch endlich nicht, ob der Mensch weiterleben kann – sondern ob er will.“

Marx sagt deutlich Nein

Am heutigen Freitag wird im Bundestag über eine mögliche „Suizidbeihilfe“ abgestimmt. Kardinal Reinhard Marx (62) appellierte nun nochmals eindringlich an die Parlamentarier, sich gegen organisierte Sterbehilfe auszusprechen: „Geschäftsmäßige, organisierte Hilfe zum Suizid darf es in Deutschland nicht geben“, bekräftigte der Geistliche, der auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist.

Der Ausbau der Palliativ- und Hospizversorgung könne dazu beitragen, dass „jeder Wunsch nach Sterbehilfe verschwindet“, so Marx. Es sei „wichtig, Menschen zu helfen, in Würde zu sterben an der Hand von Menschen, nicht durch die Hand von Menschen“. Die Assistenz zum Suizid dürfe „nie zu den Aufgaben eines Arztes gehören“. Dies wäre ein völlig falsches Signal und würde ältere und kranke Menschen unter Druck setzen. Daher müsse, so Marx, bei der heutigen Abstimmung im Bundestag unbedingt ein „kraftvolles Zeichen gegen die Möglichkeit, Geschäfte mit dem Tod zu machen“ gesetzt werden.

Armin Geier

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