"Ich wurde behandelt wie ein Schwerverbrecher"

Münchner Manager bei Einreise in den Knast gesteckt

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Der 28-jährige Marcus W. hat einen Horrortrip in die USA erlebt

Wuchtige Betonblöcke, außenrum stacheldrahtbewehrte Mauern, innen grau gestrichene Zellen: Wie jeder andere Konsument amerikanischer TV-Krimis wusste der Münchner Marcus W. , wie US-Gefängnisse aussehen.

Nicht im Traum hätte sich der 28-Jährige vorstellen können, dass er selbst einmal endlose Stunden in einem Jail zubringen würde – bis er an einem Maitag 2008 dort abgeliefert wurde; gefesselt in Handschellen. Sein Vergehen: Er hatte bei der Einwanderungsbehörde am Airport in Charlotte (North Carolina) nicht gleich die ganze Wahrheit über den Grund seiner Reise gesagt. Noch heute ist W. geschockt von diesem USA-Horrortrip.

Der junge Angestellte eines Münchner Unternehmens war im Mai zusammen mit einem Kollegen nach Charlotte geflogen. Er wollte die Stadt, ihre Umgebung und dann die Küste erkunden: „Ich hatte überlegt, dort bei unserer Niederlassung vielleicht einen Job anzunehmen.“ Während des vorgesehenen zweiwöchigen Aufenthalts waren auch ein paar Geschäftstermine eingeplant, das verschwieg er bei der Routine-Befragung des Beamten der Einwanderungsbehörde. Der Einfachheit halber gab er an, „privat“ unterwegs zu sein.

Warum der Officer ihm das nicht glaubte, weiß W. nicht. Er bekam die gefürchtete Karte, mit der er zur weiteren Befragung geschickt wurde. „Meine Koffer wurden durchsucht, ich musste meinen Laptop anschalten.“ Er hatte auch Unterlagen für die Meetings dabei. „Alles wurde untersucht.“ Längst sah W. seinen Fehler ein, aber die Reaktion der US-Behörde sei „die reine Willkür“ gewesen.

Um 17 Uhr war er aus dem Lufthansa-Jet gestiegen. Sein Kollege hatte den Flughafen längst verlassen, als W. immer noch eindringlich befragt wurde, stundenlang. „In dem Raum lief ständig der Fernseher, helles Licht brannte.“ Das Protokoll dieser Inquisition endete mit der Ansage des Officers, W. werde die Einreise untersagt und er müsse künftig bei jeder Einreise in die USA ein Visum vorweisen. In der Meinung, das Schlimmste sei vorbei, habe er den Bericht abgenickt: „Ich war so müde.“ Das Schlimmste kam freilich erst. Ein Anruf von seinem Handy wurde ihm noch gestattet, dann musste er alles abgeben. W. verständigte seine Freundin in München, da war es schon mitten in der Nacht.

„Dann wurde ich wie ein Schwerverbrecher in Handschellen abgeführt und mit einem Streifenwagen zum Gefängnis gefahren.“ Immer noch klingt die Stimme des Industriefachwirts so, als könne er seine eigene Geschichte kaum glauben. Im Mecklenburg County Jail , wo er gegen 2 Uhr ankam, folgte eine zweite Fingerabdruck-Prozedur. Seine Kleidung musste er abgeben, er wurde in einen orangefarbenen Gefängnisanzug gesteckt. „Dann war ich eine Weile mit etwa zehn wirklichen Verbrechern in einer ,Vor-Zelle‘, finstere Gestalten“, erinnert er sich schaudernd. „Dort hatte ich wirklich Todesangst.“

Erst um 7 Uhr morgens kam er in den eigentlichen Zellentrakt. „Die Häftlinge lagen im Gang auf Wolldecken am Boden.“ Obwohl es offenbar zu wenige Zellen gab, hatte W. „Glück“: Er wurde allein eingesperrt. Für wie lange, wurde ihm nicht gesagt.

Um 15.30 Uhr die knappe Auskunft: „Sie werden abgeholt.“ Zurück im Albtraumzimmer des Flughafens, bekam er seine Sachen wieder. Auch das Handy, um endlich seine besorgte Freundin und die Kollegen informieren zu können. Als sein Flieger startklar war, brachten ihn bewaffnete Beamte in Handschellen zur Flugbegleiterin. Erst dort bekam W. seinen Pass wieder.

In die USA will er nie wieder reisen: „Dabei bin ich halber Amerikaner, mein Großvater war amerikanischer Soldat.“ Die Familie des verstorbenen Grandpa in Florida, dessen Identität W. erst vor kurzem herausgefunden hat, wird er nun wohl nicht kennenlernen – zumindest nicht auf amerikanischem Boden.

tz-Stichwort: Einwanderungsbehörde

Wer in die USA einreisen will, wird streng kontrolliert – auch auf seine Absichten hin. Zuständig dafür ist die Einwanderungsbehörde. Sie stellt bei der Einreise mehrere Fragen nach dem Grund des Besuchs. Will der Einreisende nämlich in den Staaten einer Arbeit nachgehen (beispielsweise vorübergehend als Journalist oder als Au Pair), benötigt er grundsätzlich ein Visum. Aber: Deutsche nehmen am „Visa-Waiver“-Programm der USA teil und können als Touristen, Geschäftsreisende oder zum Transit in der Regel bis zu einer Dauer von 90 Tagen auch ohne Visum in die USA einreisen. Sie müssen nur einen Pass sowie ein Rückflugticket vorweisen können.

Quelle: tz

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