Die Münchner Millionenbetrügerin

Adele Spitzeder (1832 bis 1895),

München - Schneeballsystem, Bankrott, Bankenkrise – das alles gab es bereits Mitte des 19. Jahrhunderts. In einer Zeit, in der Frauen noch nicht mal wählen durften, machte in München eine erfolglose Schauspielerin „Karriere“ als Betrügerin: Adele Spitzeder.

 Den Kunden ihrer „Dachauer Bank“ versprach sie hohe Zinsen, die sie im Leben nicht auszahlen konnte. Am Ende stand sie mit einem Schuldenberg von acht Millionen Gulden da. Ihre Geschichte bringt die ARD heute unter dem Titel "Die Verführerin Adele Spitzeder" (gespielt von Birgit Minichmayr) ins Fernsehen. Die tz begibt sich auf Spurensuche der Münchner Millionen­betrügerin.

EH

Ihr Blick lässt es erahnen: Diese Frau hat es faustdick hinter den Ohren. Adele Spitzeder (1832 bis 1895), Eigentümerin der „Da­chauer Bank“ in München, stürzt Mitte des 19. Jahrhunderts über 30 000 Anleger in den Ruin. Und sich selbst gleich mit: Am Ende sitzt sie nicht nur im Gefängnis, sondern auch auf einem Schuldenberg von acht Millionen Gulden. Dass sie kein Händchen für Finanzen hatte, wusste Spitzeder. „Leider war ich auch von meiner Mutter nie zur Sparsamkeit erzogen worden und hatte auch von frühester Jugend an nie gelernt, mit dem Gelde haushälterisch umzugehen“, steht in ihren Memoiren (Geschichte meines Lebens, Buchendorfer Verlag).

Nach einer weniger erfolgreichen Bühnentournee durch Deutschland landete Spitzeder im Mai 1866 wieder in München – „mit blutwenig Gepäck“, sechs Hunden und Schulden. Um über die Runden zu kommen, lieh sich Spitzeder anfangs Geld zu horrenden Zinsen. Bis sie einen Handwerker aus der Au kennenlernte: Er wollte ihr ebenfalls einen Kredit geben – doch den Zinssatz durfte sie bestimmen. „Dieser Zimmermann erhielt, ebenso wie alle meine künftigen Gläubiger, zehn Prozent per Monat“, so Spitzeder.

Ein großzügiger Prozentsatz. Es sprach sich herum, dass das „Fräulein Spitzeder“ ihren Gläubigern gute Zinsen versprach. Immer mehr Handwerker, Bauern, ganze Gemeinden wollten Spitzeder Geld leihen – die „Dachauer Bank“ war geboren. Der Name rührte davon, dass die Kunden vor allem aus dem nördlichen Umkreis Münchens stammten. Die Anleger vertrauten Spitz­eder, obwohl sie betonte, nichts in der Hand zu haben: „Kalbsköpfe, ich sage euch rund heraus, dass ich keine Sicherheit für euer altes Geld gebe!“

Komischerweise gefiel gerade das den Anlegern. Gleichzeitig kam der Schauspielerin ihre Ausbildung zugute: Sie zeigte sich kreuzbrav, trug schwarz, hing sich ein Kreuz um den Hals. Sie spendete viel, betrieb öffentlichkeitswirkam die „Münchner Volks­küche“ mit 4000 Plätzen und günstigen Mahlzeiten. Der Rubel rollte. Spitzeder konnte endlich den Lebensstil führen, den sie für sich angemessen fand.

Es gab nur einen Haken: Sie konnte nur überleben, solange mehr Kunden Geld einzahlten (an manchen Tagen waren es 100 000 Gulden) als zurückforderten. Die Bänkerin senkte zwar die Zinsen, aber das Schneeballsystem ließ sich nicht mehr stoppen. Die Konkurrenz, schließlich auch Justiz- und Innenministerium, wollten dem Treiben der Spitzeder nicht länger zuschauen. Die Gerüchteküche über ihre Zahlungsunfähigkeit brodelte, doch Spitzeder gelang es, die Massen zu beruhigen.

Bis schließlich im November 1872 insgesamt 40 Gläubiger organisiert wurden, die gleichzeitig ihr Geld abheben wollten – es war das Ende der Skandalbänkerin. Die Polizei brachte sie ins Untersuchungsgefängnis an der Badstraße. Im Juli 1873 fiel das Urteil: drei Jahre Haft wegen „betrügerischen Bankrotts“.

Für Spitz­eder unverständlich, sie hatte sich immer nur als Engel in der Not, Retterin der Armen gesehen: „Eigennutz und Habsucht, Neid und Geiz war mir stets in der Seele zuwider, und wo ich helfen konnte, da half ich. Ich kann auch mit Stolz von mir sagen, dass ich die ehrlichste Person unter allen war, die in der sogenannten Dachauer Bank beschäftigt waren, und mit demselben Stolze behaupte ich, dass ich die einzige war, die im Gegensatze zu allen meinen Parasiten und Bediensteten nicht an ihre Zukunft dachte.“

"Ein böser Robin Hood"

Der tiefe Fall der Adele Spitz­eder: Nach ihrer Haft versuchte sich die Skandalbänkerin noch mal erfolglos im Finanzgeschäft, später schlug sie sich als Schauspielerin durch. Die Geschichte um diese schillernde Persönlichkeit hat Schauspielerin Birgit Minichmayr (34) fasziniert. Die tz-Rosenstraußpreisträgerin schlüpft in die Rolle der Adele Spitzeder: „Sie ist irgendwo zwischen Madoff und Robin Hood, wobei sie für mich ein total vampiristischer Robin Hood ist.“

Regisseur Xaver Schwarzenberger (li.) mit ­ Maximilian Krückl und Birgit Minichmayr.

Bernard L. Madoff hatte vor wenigen Jahren Schlagzeilen gemacht. Der US-Banker (73) hatte Millionen von Dollar durch das Schneeballprinzip verzockt. Nach Minichmayrs Meinung hätte Regisseur Xaver Schwarzenberger ruhig drastischer zeigen können, welche Auswirkungen Spitzeders Finanzdesaster damals mit sich brachte: „Das war eine unglaubliche Dimension.“ Nachdem die Kunden begriffen, dass sie ihr ganzes Geld einer Hochstaplerin gegeben hatten und vor dem Nichts standen, nahmen sich viele von ihnen das Leben. Regisseur Schwarzenberger glaubt allerdings nicht, dass die Schauspielerin durch und durch böse war, wie er im tz-Interview erklärt. Die Gier der Kunden hätte es Spitzeder leicht gemacht: „Die ewige Verführbarkeit des Menschen durch das Geld funktionierte schon damals.“

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