Chronische Mängel im Gesundheitswesen

"Uns reicht's jetzt" - Münchner Pfleger demonstrieren

+
2500 Pflegekräfte demonstrierten am Dienstag für bessere Arbeitsbedingungen. 

München - Stress, Überstunden, zu wenig Personal - dagegen haben am Dienstag mehr als 2000 Pflegekräfte in München demonstriert. Gegenüber der tz beschreiben sie die chronischen Mängel im Gesundheitswesen. 

Die Mängel in der Pflege sind längst chronisch geworden: Da müssen Altenpfleger nachts 30 Bewohner versorgen, da kümmern sich Krankenschwestern in der Klinik um 15 Patienten gleichzeitig. Seit Jahren. Dazu die vielen Überstunden, der Dauerstress. Nun haben viele Betroffene die Nase voll: Über 2500 Alten- und Pflegekräfte aus ganz Bayern demonstrierten am Dienstag lautstark am Odeonsplatz, schrien ihren Ärger raus: „Uns reicht’s jetzt!“, skandierten sie, während ihr Zug Richtung Staatskanzlei zog. Viele von ihnen schwenkten Transparente: „Die Pflege stirbt!“

Keine Frage – um die Versorgung der Kranken und Alten ist es nicht gut bestimmt. Allein in München werden in den nächsten Jahren 7000 Schwestern und Pfleger fehlen. Die Zahl der derzeit 350 000 Pflegebedürftigen im Freistaat steigt hingegen rasant an. Dazu kommt der immense Kostendruck in vielen Häusern – es wird an Personal gespart, an Leistungen. „Das wollen und können wir nicht mehr mitmachen. So ist eine menschenwürdige Versorgung von Kranken und Alten nicht möglich“, erklärt Edith Dürr, die Vorsitzende der Bayerischen Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der Pflegeberufe. Sie stellte die gestrige Riesen-Demo mit unter auf die Beine.

Was den vielen Pflege-Experten zudem stinkt, ist, dass sie keine Pflegekammer haben. So wie Ärzte beispielsweise. Heißt: Die Politik kann mit Gesetzen über ihre Köpfe hinweg entscheiden, ohne vorher die Betroffenen gefragt zu haben. „Das ist ein Unding. Wir müssen hier eingebunden werden, ein Mitspracherecht haben.“ Immerhin kenne sich niemand besser mit der Materie aus. Der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek freute sich über die riesige Demo. „Es wird Zeit, dass das betroffene Heim- und Klinikpersonal aufsteht und auf die Missstände hinweist. Nur so lässt sich etwas ändern. Die Alten und Kranken haben leider keine Lobby.“

Die tz sprach mit Demonstranten über ihre Wut – und ihre Wünsche: 

Die Lage ist gefährlich

Astrid Diener, Katharina Kusche und Simon Brunner (von links nach rechts).

Astrid Diener (20), Katharina Kusche (20) und Simon Brunner (19), Krankenpflege-Azubis aus Straubing: "Wenn man 14 Patienten alleine versorgen muss, ist das gefährlich. Die Verantwortung ist erdrückend. Wir haben auch durch Sparmaßnahmen viel zu wenig Zeit für die Patienten. Dabei macht jeder von uns seinen Beruf aus Überzeugung – aber hier muss sich etwas ändern."

Mehr Hilfe für alle

Alisa Ceric. 

Alisa Ceric (19), Krankenpflege-Azubi aus Murnau: "Unser Beruf muss endlich deutlicher wahrgenommen werden – besonders von der Politik. Da kümmert sich keiner um uns. Ganz ehrlich: Wir haben mit immer mehr Belastungen zu kämpfen, bekommen immer mehr Aufgaben zugeteilt. Die Patienten haben zudem immer mehr Krankheiten, weil sie immer älter werden. Da kann man nicht sparen. Hier muss ein Umdenken passieren. Ich wünsche mir, dass unser Beruf endlich aufgewertet wird. Dass mehr Geld zur Verfügung steht, und natürlich auch mehr Personal."

Wir wollen endlich mitreden

Simon Maier.

Simon Maier (19), Krankenpflege-Schüler aus Taufkirchen: "Wir wollen als Pflegekräfte endlich mehr Bestimmungsrechte. Also eine Pflegekammer! Es kann nicht sein, dass Gesetze um uns herum beschlossen werden, die oft völlig kontraproduktiv sind. Nun will das Ministerium beispielsweise alle Pflegeberufe in einer Art Grundausbildung zusammenlegen. Das ist aber überhaupt nicht sinnvoll. Im Altenheim brauchen sie Experten für Senioren, im Kinderklinikum welche für die Kleinsten. Die Leiden, die Probleme unterscheiden sich ja. Da braucht man Fachleute!"

Die Politik vertröstet uns

Auch Ambulanz-Chef Georg König demonstriert für bessere Bedingungen in der Pflege.  

Georg König (53), Chef eines ambulantes Dienstes in Augsburg: "Ich bin seit vielen Jahren in der Altenpflege tätig. Wir brauchen uns nichts vorzumachen: Die Situation hat sich kein bisschen verbessert. Der Mangel an guten Pflegekräften, die hohe Belastung des Personals mit immer mehr Aufgaben – das ist alles eher noch schlimmer geworden in den letzten Jahren. Daher wird es nun Zeit, dass wir Betroffenen das selbst in die Hand nehmen und versuchen, etwas zu ändern. Die Politik vertröstet uns doch nur, hält uns hin. Und somit auch die vielen Patienten in unserem Land. Das ist eine Frechheit!"

Es fehlen Pflegekräfte

Thea Meißner. 

Thea Meißner, Altenpflegerin aus München: "Vor kurzem wurde von der Politik beschlossen, dass in der Altenpflege nachts ein Pfleger nur noch für maximal 30 Bewohner zuständig sein darf. Das klingt auf den ersten Blick vernünftig. Nur: Nun ziehen Heime Personal aus der Tagschicht ab, um die Situation nachts zu verbessern. Ein Pfleger fehlt also tagsüber. Sowas passiert, wenn Nicht-Experten Gesetze beschließen." 

Das ist eine wichtige Arbeit

Alina Bergmann und Anna-Lena Braß.

Alina Bergmann und Anna-Lena Braß (beide 19) aus München: "Wir sind in der Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. Das ist unser Traumberuf. Aber wir können nicht verstehen, dass es für die Pflege keine Kammer gibt. Die Versorgung der Alten, Kranken und Kinder ist doch in jeder Gesellschaft wichtig – somit brauchen wir auch Menschen, die uns gegenüber den Politikern vertreten können. 700 Euro bekommen wir während der Ausbildung. Das macht niemand, um reich zu werden."

age

Auch interessant

Meistgelesen

Neue Großmarkthalle wird 40 Millionen teurer
Neue Großmarkthalle wird 40 Millionen teurer
Bewährung für Todes-Schubser, Haft für Maxvorstadt-Schützen
Bewährung für Todes-Schubser, Haft für Maxvorstadt-Schützen
Reiter und Herrmann verteidigen zweite Stammstrecke gegen 650 Gegner
Reiter und Herrmann verteidigen zweite Stammstrecke gegen 650 Gegner
An die ignoranten Münchner, die ihre Hunde frei laufen lassen
An die ignoranten Münchner, die ihre Hunde frei laufen lassen

Kommentare