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Wir können nicht mehr! Münchner Pflegekräfte sind am Ende - verzweifelter Hilferuf

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Von: Daniela Pohl, Cornelia Schramm

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Alexandra Kurka-Wöbking arbeitet an der Belastungsgrenze.
Alexandra Kurka-Wöbking arbeitet an der Belastungsgrenze. © Schlaf

Die vierte Corona-Welle rollt mit voller Wucht – und besonders hart trifft sie das Pflegepersonal. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) schlägt Alarm:

„Wir warnen vor einem massiven Versorgungsengpass in allen Bereichen der Pflege“, sagt Dr. Marliese Biederbeck, Geschäftsführerin des DBfK Südost. Besorgniserregend sei die Situation auf den Intensivstationen, aber auch in der ambulanten Pflege und der stationären Altenhilfe fehle es an Fachkräften.

Ihre Appelle: Die Politik muss handeln, und Nicht-Geimpfte sollten sich endlich immunisieren lassen: „Nur so wird sich der drohende Kollaps in der Pflege verhindern lassen.“

Die Lage auf den Intensivstationen ist dramatisch. In München* waren gestern laut Intensivregister 427 von 449 gemeldeten Intensivbetten belegt – 122 mit Corona-Patienten*. Nach einer Umfrage des Deutschen Krankenhaus Institutes haben 72 Prozent der Kliniken durch Kündigungen, interne Stellenwechsel oder Arbeitszeitreduktionen weniger Intensivpflegepersonal zur Verfügung als am Ende des vergangenen Jahres. Die Folge: Intensivbetten können nicht mehr betrieben werden, es drohen weitere Bettenschließungen. „Die Lage spitzt sich weiter zu“, warnt Biederbeck.

Der DBfK fordert die Landesregierungen auf zu handeln: Bezahlung und Arbeitsbedingungen müssten verbessert werden. Die Pflegenden müssten Mitsprache in allen relevanten Gremien erhalten. Entwicklungsmöglichkeiten im Beruf müssten gefördert und die Ausbildung gestärkt werden. Der Knochenjob der Pflegenden – in der tz berichten Betroffene: D. Pohl, C. Schramm

Corona in München: Der Preis ist hoch, Pflegekräfte sind im Dauerstress

Aufatmen. Für Alexandra Kurka-Wöbking (52) und ihre Mitarbeiter war das in den letzten 19 Monaten nicht möglich. „Wir arbeiten seit Beginn der Pandemie an der Belastungsgrenze“, sagt die Direktorin des Kuratoriums Wohnen im Alter (KWA) Stift am Parksee in Unterhaching.

Angehörige dürfen ihren geliebten Menschen nicht auf dem letzten Weg begleiten, Bewohner warten verzweifelt auf ihre Liebsten, die sie nicht besuchen dürfen. Situationen, die nicht spurlos an einem vorübergehen. „Corona macht etwas mit den Menschen“, sagt Kurka-Wöbking, die auch im Vorstand des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe ist.

108 Mitarbeiter gehören dem Team im KWA Stift am Parksee an, davon 52 Pflege- und Betreuungskräfte, die sich Tag und Nacht dafür einsetzen, dass das Haus von Corona verschont bleibt. Deshalb gibt es ein engmaschiges Impf- und Testsystem. „Als unser erster Fall aufgetaucht ist, haben wir sofort alle Kontakte getestet und dann Stichproben unter den Bewohnern gemacht. An viel Schlaf war in dieser Zeit nicht zu denken.“ Wenn die Luft brennt, steht die Stiftsdirektorin selbst in vorderster Reihe. Testet, impft, versorgt die Bewohner. Auch jetzt, in der vierten Welle: „95 Prozent unserer Bewohner sind schon geboostert.“

Der Preis ist hoch – bei allen. „Wir haben leider auch Ausfälle wegen Krankheit und Belastung. Eine Mitarbeiterin hat umgesattelt.“ Die anderen machen weiter. „Wir werden auch die vierte Welle mittragen“, sagt Kurka-Wöbking. Nur bei einer Impf-Pflicht* für Pfleger sieht sie Rot. „Es kann nicht sein, dass die Menschen an den Pranger gestellt werden, die sich seit 19 Monaten aufopferungsvoll für unsere Gesellschaft einsetzen!“

Katarina Sulic betreibt einen ambulanten Pflegedienst in Puchheim
Katarina Sulic betreibt einen ambulanten Pflegedienst in Puchheim. © Schlaf

Corona in München: Großer Zeitdruck bei der Pflege

Von Bett zu Bett hetzt Katarina Sulic (39) noch immer. Bloß nicht mehr im Altenheim oder Krankenhaus – sondern auf vier Rädern. 2013 kam die Kroatin nach Bayern und arbeitete als Stations- und Intensivpflegerin. „Je größer die Betriebe, desto schwieriger“, sagt sie. „Da wurde man als Angestellte als Zahl und nicht als Mensch gesehen.“ 2019 zog sie die Reißleine: Mit einem ambulanten Pflegedienst machte sie sich selbstständig, lernte als Arbeitgeberin aber auch schnell die andere Seite kennen. „Eine gute Pflegekraft zu finden, ist sehr schwer“, sagt sie. „Wir leisten bei den Hausbesuchen ja nicht nur körperlich harte Arbeit, sondern auch mental.“

Sechzig Menschen pflegt Sulic mit ihrem Team aus vier Festangestellten und drei Mini-Jobbern. Port reinigen, Insulin spritzen, Kompressionsstrümpfe anlegen, waschen, Medikamente geben, Einläufe legen – und all das im Akkord. „Letztens hat sich eine Kollegin den Arm gebrochen – da wurde es eng“, so Sulic. Alle Termine sind dicht getaktet: Nur so verdient sie genug, um den Betrieb am Laufen zu halten.

„Die Krankenkasse zahlt mir 3,62 Euro für die Medikamentengabe und kalkuliert drei Minuten ein. Die Parkplatzsuche dauert aber ja oft schon zehn Minuten“, seufzt Sulic. Minuten, die sich läppern, wenn in siebeneinhalb Stunden 15 Patienten versorgt werden müssen. Und wenn Kleinbeträge Gehälter, Handschuhe, Desinfektionsmittel, Pinzetten & Co. decken müssen.

Die Pandemie macht es noch anstrengender – und hinzu kommt die Angst, sich oder Patienten anzustecken. „Deshalb plädiere ich für eine Impf-Pflicht“, sagt Sulic. „Und das nicht nur für die Pfleger.“ Zwei Patienten seien nicht geimpft – und ein Risiko für alle.

Kinderkrankenschwester Christina Erbel
Kinderkrankenschwester Christina Erbel- © Bodmer

Steigende Corona-Zahlen in München: Pflegequalität sinkt

Christina Erbel liebt ihren Beruf. Umso schlimmer ist es für die Kinderkrankenschwester, wenn sie das Gefühl hat, ihren kleinen Patienten nicht gerecht werden zu können. „Die Qualität in der Pflege sinkt. Es fehlt einfach oft an Zeit für die Patienten und ihre Familien“, sagt die 41-Jährige.

Seit 17 Jahren arbeitet Erbel auf der Intensivstation der Kinderkardiologie am Klinikum Großhadern. Viele Jahre, in denen sie dem wachsenden Druck standhält, in Notsituationen immer wieder spontan einspringt. So wie ihre Kollegen auch. „Wir sind ein gutes Team. Aber die Belastung wird immer größer“, sagt die Münchnerin. Personalmangel und Bürokratie machen den Arbeitsalltag zum Spießrutenlauf. „Man ist oft unzufrieden, weil man seine Arbeit nicht geschafft hat. Man hat ja einen hohen Anspruch an sich selbst.“

Acht Betten könnten auf Erbels Station belegt werden. Aktuell sind es wegen des Personalnotstands nur vier. „Allein bei uns könnten sofort zehn bis zwölf Vollzeitkräfte eingestellt werden“, sagt sie. Doch die harten Arbeitsbedingungen und die schlechte Bezahlung schrecken ab. 2800 Euro brutto ist das Einstiegsgehalt für eine Kinderkrankenschwester. „Mehr Gehalt wäre ein erster Schritt“, sagt Erbel.

Doch auch hier: Ernüchterung. Die von den Gewerkschaften geforderte Gehaltserhöhung von 300 Euro im Monat für Mitarbeiter des Gesundheitswesens tat die Tarifgemeinschaft der Länder jüngst als „unrealistisch“ ab. Erbel ist sauer. „Nach zwei Jahren Klatschen und Lavendel ist das einfach ein Witz.“ Beim Warnstreik vergangenen Dienstag war sie auf der Straße. „Nur Jammern ist keine Option. Mein Beruf ist zu wichtig und zu schön, um das Handtuch zu werfen.“ *tz.de und Merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA

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