Der Münchner Popcorn-Pionier

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Den Film fest in der Hand: Kino-Chef Buchwald im Projektor-Raum, der digital und 35 Millimeter spielen kann.

München - Es war das erste Kino, das Popcorn verkaufte. Das erste mit THX, das erste mit Digital-3D. In einem halben Jahrhundert hat das Cinema die Kinolandschaft der ganzen Republik verändert.

Am Eingang saß ein Elefant. Dompteure des Circus Krone hatten den Dickhäuter über das Kopfsteinpflaster der Nymphenburger Straße bis zur Hausnummer 31 geführt. Dort nahm er Platz. „Zum Gruß hob er den Vorderfuß“, erzählt Dieter Buchwald. Menschen drängelten sich an dem Rüsseltier vorbei unter das Vordach eines neuen, modernen Lichtspielhauses, ausgerüstet mit Vierkanal-Magnetton. Das Cinema feierte Premiere, am 23. Oktober 1954. Damals war Buchwald 14 Jahre alt, ein kleiner Bub mit neugierigen Augen. 21 Jahre später sollte das Cinema ihm gehören.

Bis es soweit war, durchlebte das stolze Haus einen glorreichen Start, gefolgt von einem schleichenden Niedergang. 1975 war das Kino im Erdgeschoss eines kargen Nachkriegsbaus wirtschaftlich am Ende. Drei Monate vor der Pleite übernahm der inzwischen 35-jährige Buchwald das Geschäft – für eine Pacht von 10.000 Mark. Die Klappstühle aus Holz waren marode, unter gewichtigen Zuschauern brachen sie schon mal zusammen. Die Projektorlampe leuchtete so schwach, dass sie kaum mehr als Schatten auf die Leinwand warf.

Zur ersten Vorstellung unter der neuen Leitung („Tanz der Vampire“) erschienen gerade einmal 25 Besucher. „Im ersten Jahr habe ich keinen Cent verdient“, erinnert sich Buchwald. Tagsüber verdiente er Geld beim ADAC, abends stand er als Kartenabreißer an der Tür. Sein Gehalt steckte er ins Kino. „Ich habe Auto und Telefon abgeschafft – alles für mein Hobby.“

Ohne es zu wissen, verhalfen ihm die Rolling Stones zum Durchbruch. 1975 traten die Engländer auf dem Olympia-Gelände auf. Dort verteilte Buchwald 10.000 Handzettel mit seinem Programm. Konzert- und Protestfilme, Politisches und Studentisches – von Beginn an setzte er auf die Nische. Mit Erfolg. Blockbuster durfte das Cinema ohnehin erst spielen, nachdem sie bereits Wochen und Monate in den großen Kinos der Stadt gelaufen waren. In Deutschland herrschte das Recht auf Erstaufführung: Die Platzhirsche bekamen die Filme zuerst, alle anderen mussten warten. 1988 zog Buchwald dagegen vor Gericht. Exemplarisch verklagte der kleine Unternehmer aus München den US-Film-Giganten Columbia Tristar wegen des Wettbewerbsnachteils – und bekam 1992 Recht.

Die Erstaufführungen waren damit erledigt, das Urteil veränderte das Kinogeschäft in ganz Deutschland. Das Kunststück, Kino ein bisschen neu zu erfinden, schaffte Buchwald mehr als einmal. „Ich habe das Popcorn nach Deutschland gebracht“, sagt er leise, als ob es nicht der Rede wert sei. 1977 reiste der Wirtschaftsingenieur in die USA und beobachtete fasziniert, wie die Amerikaner tütenweise geplatzte, gesalzene Maiskörner in sich hineinschaufelten. Zurück in München besorgte er sich eine Popcorn-Maschine „und die Leute haben gekauft wie wild“. Volle sechs Jahre lang sei er der einzige Kinobetreiber in Deutschland gewesen, der das Corn anbot.

Schließlich gründete er die Firma Octagon, produzierte eigene Maschinen und verkaufte sie an die Konkurrenz. Buchwald wollte mit dem Cinema immer der Erste sein. Bei allem. 1976: Das bundesweit erste Double-Feature. 1987: Das erste Kino mit THX-Sound-System. Star-Wars-Regisseur George Lucas habe das Cinema persönlich ausgewählt, sagt Buchwald. Als die Konkurrenz der Multiplexe drohte, stellte er das Programm 1992 komplett auf englische Originalversionen um – natürlich als Erster in München. Heute läuft kein einziger deutscher Film im Cinema.

 Ein Jahr später bot das Kino bundesweit die ersten „Sneak-Previews“ an – eine Art Vorpremiere, ohne dass die Besucher beim Kartenkauf wissen, welcher Film gezeigt wird. 2005 war das Cinema schließlich eines von zwei Kinos in Deutschland, die als erste Digital-3D spielen konnten. Spielerisch und technikversessen ist der heute 71-jährige Buchwald wie eh und je, die alte Projektorlampe von damals fast vergessen. „X-Men wiegt 25 Kilo“, sagt er und hievt eine von sieben Filmrollen hoch. Dann fischt er flink eine 500 Gigabite-Festplatte aus dem Schrank, ein kleines, silbernes Gehäuse Kino-Gegenwart. Auf ihr wiegt X-Men nur ein paar Gramm. Die Kino-Entwicklung geht weiter. Und das Cinema geht mit.

Thomas Schmidt

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