Behörden mauern im Fall Heinz Krug

Mysteriös: Münchner Raketenforscher Krug ist seit 56 Jahren vermisst

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Beate Soller sucht ihr ganzes Leben nach ihrem Vater Heinz Krug. Hier steht sie vor dem Haus in der Schillerstraße, in der die Intra Handelsgesellschaft mbH 1962 ihren Sitz hatte.

Vor fast 56 Jahren ist der Münchner Raketenforscher Heinz Krug verschwunden. Er soll entführt und ermordet worden sein, so die Vermutung. Seine Kinder verlangen Aufklärung – stoßen jedoch gegen Mauern.

München– Beate Soller ist mit dem Auto aus ihrem Zuhause im Landkreis Aichach-Friedberg nach München gefahren und steht nun vor einem lang gestreckten Bürogebäude in der Münchner Schillerstraße. 

„Ja, ich glaube, hier war es, im zweiten Stock“, sagt sie. „Mein Vater hatte dort ein riesiges Büro.“ Als Kind war sie oft hier, erzählt sie dann. Aber es ist lange her – 56 Jahre. Denn seit dem 11. September 1962 ist ihr Vater, ein Spezialist für Raketentechnik, spurlos verschwunden. 

Ein Unbekannter holte ihn damals von seiner Firma Intra Handelsgesellschaft mbH ab, Krug stieg mit ihm in seinen nagelneuen Mercedes SE 300 und verschwand. Der Mercedes wurde bald gefunden, Krug blieb verschollen. Krug war damals 49 Jahre alt, seine Tochter Beate 15, Sohn Kaj 10. Beiden sind nur flüchtige Erinnerungen geblieben, viele Fotos – und ein Leben mit Gerüchten, die sich um den Tod des Vaters rankten.

Wer war der Raketenforscher Heinz Krug?

Heinz Krug war sicher, so wie ihn Beate Krug schildert, ein liebevoller Vater. Er war aber als ehemaliger Mitarbeiter am Luftfahrt-Rüstungsprogramm der Nazis in Peenemünde auch vorbelastet. Nach 1945 unterhielt er – politisch heikel – Geschäftskontakte nach Ägypten und pries relativ offen seine Kenntnisse als Spezialist für Raketenantriebe. Die Branche nannte ihn „Raketen-Krug“. Ein Grund, um ihn umzubringen?

Zu dem Vermisstenfall gab es jahrzehntelang keine konkrete Spur. Die Polizei verlor schon 1967 das Interesse. Damals wurde Krug für tot erklärt. Die Ehefrau Margot, 2004 verstorben, sowie die Kinder hat der plötzliche Verlust jedoch nie ruhen lassen. In ihrem Buch „Am Ufer des Nils. Unser Vater ,Raketen-Krug‘ und der Mossad“ berichten sie, wie sie mit immer neuen Gerüchten konfrontiert wurden. Mal kam per Brief der Hinweis, ihr Vater werde „von einem totalitären Staat“ festgehalten. Mal mutmaßte das Auswärtige Amt, Krug „sei von ägyptischer Seite entführt worden“. Sogar Franz Josef Strauß erging sich gegenüber Kaj Krug in mysteriösen Andeutungen.

Das Interesse an dem Fall flammte schlagartig auf, als die israelische Zeitung „Haaretz“ 2016 eine abenteuerliche Geschichte präsentierte. Unter Berufung auf Geheimdienstinformationen berichtete Haaretz, Krug sei 1962 entführt, in einem Wald ermordet und von einem gedungenen ehemaligen SS-Mann in Säure aufgelöst worden. 2018 wurde diese Theorie durch den israelischen Journalisten Ronen Bergman entkräftet, der sich ebenfalls auf ehemalige Mossad-Agenten berief und nun behauptete, Krug sei „in einer Geheimoperation“ nach Israel entführt und dort schließlich getötet worden.

Behörden schweigen zu dem Fall

Beate Soller steht vor dem Gebäude in der Schillerstraße und wundert sich, warum deutsche Behörden nicht tätig werden. Sie werde hingehalten, erhalte auch nach den jüngsten Enthüllungen keine oder nur nichtssagende Auskünfte, die Desinteresse nahelegen. Niemand wolle an dem heiklen Fall rütteln.

Von dort fuhr Krug mit seinem beigefarbenen Mercedes, auf den er sehr stolz war, mutmaßlich Richtung München-Solln. Ein arabisch aussehender Geschäftsmann namens Sayed hatte ihn zu einer geschäftlichen Besprechung abgeholt. Aber das war wohl eine Finte.

Nicht einmal Akteneinsicht hat sie bisher bekommen. Dabei müsste bei der Staatsanwaltschaft eine dicke Akte über den Vermisstenfall existieren, denn die Polizei hat seinerzeit umfangreich ermittelt. Auf Nachfrage ihres Münchner Anwalts Gerd Hegemann antwortete die Staatsanwaltschaft München I nur, die Akte sei „derzeit versandt“ – und zwar an die Behörde, die die Zuständigkeit prüfen soll. Das ist mutmaßlich der Generalbundesanwalt. Hegemann hat nun beim bayerischen Justizminister Winfried Bausback dagegen protestiert, dass sich das nun auch schon zwei Jahre hinzieht und die Akte immer noch unter einem Aktenzeichen geführt wird, das eigentlich schlicht für „Pressesachen“ üblich ist. Soller selbst schrieb der israelischen Botschaft in Berlin. Sie schilderte den Fall und fügte an, Israel solle „den Mut haben“, ihnen „die dringend nötige Gewissheit zum Schicksal des eigenen Vaters zu verschaffen“. Beim ersten Mal kam nicht einmal eine Antwort. Beim zweiten Mal wurde der Eingang des Schreibens bestätigt. Mehr kam allerdings nicht. Aber immerhin, sagt Soller. Man ist ja für alles dankbar.

Dirk Walter

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