tz-Forum mit Bürgeranwalt und Experten

Münchner rechnen (weinend) vor: Das bleibt uns von der Rente

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tz-Bürgeranwalt Dietmar Gaiser (links) moderierte das tz-Forum.

Rentenschock – was nun? Das war das Thema unseres Bürgeranwalt-Forums in der Alten Rotation. Rund hundert tz-Leser waren am Mittwoch ins Pressehaus gekommen und wandten sich mit ihren Sorgen und Fragen an vier Experten auf dem Podium. Manche Leser weinten. 

München - Das Leben lang geschuftet – und als Lohn nur ein Schulterzucken der Gesellschaft. Bürgeranwalt Dietmar Gaiser, den Sie jeden Freitag bei uns in der tz lesen können, führte durch einen hochemotionalen Abend. Ja, es flossen sogar Tränen. 

Man hat gesprüt, wie sehr das Thema Rente die Menschen umtreibt. Ganz konkret: Immer wieder geht es an diesem Abend um Minirenten, die in der Schicki-Micki-Stadt fast automatisch in die Altersarmut führen. Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK, sieht tatsächlich die Gefahr, dass dieses Phänomen weiter zunimmt. Sie kritisiert: „Dabei ist Deutschland ein reiches Land! Wer ein Leben lang gearbeitet hat, sollte von seiner Rente leben können.“ Altersarmut droht vor allem Langzeitarbeitslosen, Erwerbsminderungsrentnern und Frauen. Für sie müsse die Politik mehr tun, so Maschers Forderung. Josef Kress del-Bondio, Leiter des Grundsatzbereichs der Abteilung Rentenversicherung bei der Deutschen Rentenversicherung, warnt: „Das Leistungsniveau der gesetzlichen Rentenversicherung ist bereits gesunken und wird – wenn es zu keiner gesetzlichen Änderung kommt – weiter sinken.“ Deswegen bedürfe es unbedingt der betrieblichen und der privaten Rentenvorsorge, um den Lebensstandard im Alter einigermaßen halten zu können.

Günter Belz, der 25 Jahre lang die Rentenberatungsstelle Bayern Süd leitete, klärte viele Detailfragen der Leser, die deutlich machten, dass sie die Besteuerung von Renten als ungerecht empfinden. Und Michael Schessl von der Verbraucherzentrale Bayern beriet zu Riester-, Rürupoder Betriebsrenten.

Was das alles ganz konkret heißt? Wie viel Geld einem in der teuren Metropole zum Leben bleibt und was die Rentner bewegt - das sehen Sie an diesem Beispiel:

Hans Penn (65) arbeitete 40 Jahre lang als Berufskraftfahrer.

Hans Penn (65) arbeitete 40 Jahre lang als Berufskraftfahrer. Er sagt: „Ich lebe von der Hand in den Mund. Mit meiner geringen Rente ist an sich ein Überleben in München unmöglich. Deshalb arbeite ich so oft es geht nachts als Helfer auf dem Großmarkt, jeder Cent Zuverdienst tut mir gut. Dabei bin ich 40 Jahre lang als Berufskraftfahrer unterwegs gewesen, die letzten zehn Jahre international, da war ich jedes Mal wochenlang unterwegs. Es ist eine Schande!“ 

Er rechnet vor:

  • Rente: 1000 Euro
  • davon gehen runter: 700 Euro Miete, 80 Euro Strom, 100 Euro Handy. Ihm bleiben: 120 Euro. 
Theresa Mitter (76), Hausmeisterin, berufstätig seit dem 14. Lebensjahr.

Zweites Beispiel: Theresa Mitter (76), Hausmeisterin, berufstätig seit dem 14. Lebensjahr. Sie sagt: „Ich habe eine eigene Rente und dazu eine Witwenrente. Aber es ist nicht viel Geld, so arbeite ich noch immer als Hausmeisterin und bin zuständig für 66 Wohnungen. Ich will etwas zurücklegen fürs Altersheim – aber das funktioniert kaum. Wenn ich jobbe, wird meine Witwenrente gekürzt. Dabei müsste der Staat doch froh sein, wenn Menschen für ihr Alter sparen. Ich arbeite seit meinem 14. Lebensjahr und habe trotzdem kein Geld.“

Sie rechnet vor: 

  • Rente: 700 Euro
  • Witwenrente: 500 Euro, also eine Gesamtrente von 1200 Euro
  • davon gehen runter: 900 Euro für Miete und Fixkosten
  • Ihr bleiben 300 Euro

Fragen und Antworten zur Rente

Ich habe 33 Jahre lang im Maschinenbau gearbeitet und einen Sohn großgezogen, nun muss ich mit 1200 Euro Rente überleben. Ich empfinde dieses typische Frauenschicksal als ungerecht. Was können wir tun? (ANGELIKA STEET (69), RENTNERIN) 

Antwort: Lücken in der Erwerbsbiografie haben meistens die Frauen. Die Experten appellieren an alle jungen Frauen, für ihr Alter vorzusorgen. Minijobs, Teilzeit und berufliche Pausen sind vor allem für diejenigen gefährlich, die nicht privat fürs Alter vorsorgen können. „Jeder sollte sich beizeiten beraten lassen. Bei Renteneintritt ist es zu spät, da können keine Beiträge mehr nachgezahlt und Lücken geschlossen werden“, sagt Rentenexperte Günter Belz. 

Warum zahlen nicht alle in die gesetzliche Rente ein? Es wäre gerecht, wenn von der Putzfrau über Beamten bis zum Bundespräsidenten jeder einzahlen müsste. (WILLI EICHHORN (83) VOM SENIORENBEIRAT MÜNCHEN) 

Antwort: Beamte und Selbstständige haben ihren Beruf auch vor dem Hintergrund gewählt, dass sie nicht in die gesetzliche Rente einzahlen müssen. Dies gebe ihnen Anspruch darauf, dass dieses Vertrauen geschützt wird, sagt Experte Josef Kress del-Bondio.

Ich habe 2003 den Verein Seniorenhilfe Lichtblick gegründet, da ich in meiner Verwandtschaft Altersarmut bemerkte. Inzwischen unterstützen wir 8000 Menschen. Warum wird hier die Politik nicht tätig? (LYDIA STALTNER (57), CHEFIN EINER WERBEAGENTUR)

Antwort: „Schon heute sind eine halbe Million Rentner auf existenzsichernde Grundsicherung angewiesen – und es werden immer mehr“, warnt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. In ihren Augen ist der gesetzliche Mindestlohn ein Schritt in die richtige Richtung, doch fordert sie von der Politik, mehr zu tun. „Jeder Einzelne sollte heuer im Wahljahr die Wahlkreisabgeordneten ansprechen“, rät Mascher.

Neben der Rente etwas dazuverdienen? Das müssen Sie wissen.

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von Susanne Sasse und Dietmar Gaiser

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