Münchner schlägt Betrunkenen ins Koma

München - Bis zu jenem Tag, an dem er ins Koma fiel, lief es gut für Samil M.. Der Mediengestalter arbeitete erfolgreich in einer Firma, bildete sich nebenher nicht minder erfolgreich zum Medienfachwirt weiter.

Jetzt, sagt er, „komme ich mir vor wie ein Praktikant“. Immer wieder vergisst er Arbeitsabläufe. Worte, die er sagen will, fallen ihm nicht mehr ein.

Der 33-Jährige sitzt als Zeuge in einem Sitzungssaal des Amtsgerichts München. Er wirkt so, als müsse er sich unheimlich konzentrieren, als er darüber spricht, wie sehr jener Abend sein Leben verändert hat. Ein Abend, an den er nicht die geringste Erinnerung hat. Der Abend, an dem er Martin W. begegnet ist, der jetzt nur zwei Meter von ihm entfernt sitzt.

Martin W., ein 36 Jahre alter Sicherheitsfachmann, sitzt aufrecht in der Anklagebank. Immer wieder streicht er sich mit den Händen über die Augen. So, als könne er sie davor verschließen, was er angerichtet hat. Am 23. Juni dieses Jahres hatte er sich in eine recht harmlose, verbale Auseinandersetzung auf dem Gelände des Kunstpark Ost eingemischt und Samil M. niedergeschlagen. Wegen gefährlicher Körperverletzung wird ihn das Amtsgericht am Ende des Tages zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilen.

Eigentlich, sagt Martin W., habe er den Streit schlichten wollen. „Das ist mir aber nicht gelungen, da habe ich zugeschlagen.“ Ein Mal. Mit der Faust. Der Schlag, ein kraftvoller Schlag, streckt Samil M. nieder. Der stark betrunkene Mann kann sich nicht abstützen und fällt so unglücklich, dass er neben Gesichtsbrüchen und Zahnverletzungen eine Gehirnblutung erleidet und ins Koma fällt. Hätte eine Passantin ihn nicht umgehend in die stabile Seitenlage gebracht, er wäre an seinem eigenen Blut erstickt.

Mehrere Wochen liegt Samil M. nach dem Vorfall im Krankenhaus. Danach kommt er in die Reha. Mühsam muss er lernen, sein Gehirn neu zu aktivieren. Bis heute kann er nicht richtig arbeiten. Gerade versucht er es wieder stundenweise. „Aber meine Arbeitsleistung ist definitiv schlechter als vorher“, sagt er: An die Abschlussprüfung zum Medienwirt will er lieber gar nicht denken.

Manchmal schaffe er mehrere Stunden lang, sich zu konzentrieren, berichtet Samil M. Manchmal müsse er nach kurzer Zeit wieder nach Hause gehen. Dann wächst der Druck in seinem Kopf. Ein Druck, der ihn nicht mehr schlafen lässt. „Ich brauche seitdem eigentlich immer Schlaftabletten.“

Als Samil M. das sagt, schlägt Martin W. erneut die Hände vors Gesicht. „Er selbst macht sich die größten Vorwürfe“, sagt seine Verteidigerin. Das sieht auch das Gericht. „Sie wollten sicher nicht die gefährlichen Verletzungen“, gesteht der Richter ihm zu. „Aber das nimmt man in Kauf, wenn man einen Betrunkenen so massiv schlägt.“ Es gebe kein Recht auf ein gesundes oder in diesem Fall auf ein nüchternes Opfer.

Dem stimmt auch Samil M.s Anwältin Füsun Yavuz zu. Der Angeklagte, sagt sie, habe eine „grundlegend aggressive Einstellung“, was er auch früher schon bei Schlägereien bewiesen habe. Ihr Mandant hingegen habe nichts getan und müsse sich nun mühevoll zurück ins Leben kämpfen. Ein Leben, das nie mehr so sein wird wie früher.

Bettina Link

auch interessant

Meistgelesen

Stadt vs. Region: Wo sich das Landleben noch lohnt
Stadt vs. Region: Wo sich das Landleben noch lohnt
Zuhälter-Schorsch: Muss er jetzt für immer hinter Gitter?
Zuhälter-Schorsch: Muss er jetzt für immer hinter Gitter?
So soll der Express zum Flughafen doch vor 2037 gelingen
So soll der Express zum Flughafen doch vor 2037 gelingen
Das Sex-Rätsel um den Top-Manager
Das Sex-Rätsel um den Top-Manager

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion