Auch Akademiker und Jüngere brauchen immer öfter Hilfe - Tafel warnt: Not in allen Stadtvierteln

Armuts-Zeugnis für München!

Münchner Tafel
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Die Tafel verzeichnet nicht nur einen Anstieg der bedürftigen Rentner und Alleinerziehenden, sondern auch der jüngeren Arbeitslosen oder -Suchenden.

München - Diese Neueröffnung ist wahrlich kein Grund zur Freude: Am 6. Juli weiht die Münchner Tafel ihre 22. Lebensmittel-Ausgabestation ein.

„Der Ansturm auf unsere Stationen wird immer größer“, schlägt die Vorsitzende Hannelore Kiethe Alarm. „Besonders beunruhigend: Die Anfragen ziehen sich mittlerweile durch die ganze Stadt, und das Klientel kommt nun aus fast allen sozialen Schichten.“

Wie die lokale Wochenzeitung Hallo München berichtet, öffnet die neue Anlaufstelle am ehemaligen Trambahnhäuschen „Blauer Punkt“ am Goldschmiedplatz – es ist die zweite im Hasenbergl. „Unsere Tafel an der Kirche Mariae 7 Schmerzen platzt aus allen Nähten“, sagt Kiethe. Fast 250 Bürger hätten einen Berechtigungsausweis für diese Stelle, mit Familienanhang werden dort mittwochs rund 1000 Arme kostenlos mit Obst, Reis und anderen Lebensmitteln versorgt. Das Armutszeugnis Münchens:

Armut macht vor Stadtgrenzen nicht Halt:

Als der Verein 1994 gegründet wurde, beschränkte sich die Arbeit der 350 ehrenamtlichen Helfer auf Brennpunkt-Stadtteile wie Neuperlach, Hasenbergl oder Milbertshofen. Heute ist die Tafel auch in Vierteln wie Neuhausen, der Au oder Schwabing fest verankert. Rund 17.000 Bürger nutzen das Angebot, 1000 mehr als im Vorjahr. Nun zieht die Armut sogar in die Nobelviertel: „Meine Mitarbeiter bekommen immer mehr Anfragen aus Haidhausen, Bogenhausen oder beispielsweise dem Lehel. Das hätte vor Jahren keiner gedacht.“

Armut trifft alle Schichten:

Die Tafel verzeichnet nicht nur einen Anstieg der bedürftigen Rentner und Alleinerziehenden, sondern auch der jüngeren Arbeitslosen oder -Suchenden. „Sogar der ein oder andere Studienabgänger, der noch keine staatliche Hilfe erhält, kommt neuerdings zu uns.“

Warum jetzt die Jüngeren? Die Münchner Arbeitsagentur führt das auf die vielen befristeten Arbeitsverhältnisse zurück. „Die Ausbildungsplatzsituation ist noch recht gut“, sagt Sprecherin Kathrin König. „Aber junge Menschen müssen immer häufiger den Job wechseln und damit Phasen ohne Job überbrücken.“ Hinzu kommt laut Jugendschuldnerberatung der AWO und des DGB das Phänomen, dass junge Menschen vermehrt dazu verleitet werden, Dinge auf Raten oder Kredit zu kaufen – und irgendwann ins Straucheln geraten. König von der Arge prophezeit eine Zuspitzung: „Den großen Ansturm junger Münchner erwarten wir kommendes Jahr, wenn sich die Krise auf die Ausbildungsplatzsituation auswirkt.“

Die zweite Gruppe, die vermehrt Hilfe in Anspruch nimmt, sind Münchner, die vor Kurzem einen gut bezahlten Job hatten. „Vor allem Selbstständige fragen immer öfter an“, sagt Erika Schilz von der städtischen Schuldner- und Insolvenzberatung. Kein Wunder: Laut Statistischem Landesamt Bayern wurden im Freistaat im ersten Quartal 13,6 Prozent mehr Unternehmensinsolvenzen als im Vorjahr erfasst. Schilz: „Aber auch andere Gutverdiener, etwa ehemalige Ingenieure von Siemens oder Angestellte im Medienbereich geraten bei einem Jobverlust schnell in die Krise, weil ihre laufenden Fixkosten hoch bleiben.“

Nina Bautz/ Tanja Bitterer

Die genauen Adressen der Tafel-Stationen erhalten Sie unter Tel. 089/29 22 50. Wenn Sie die Tafel unterstützen wollen, spenden Sie an: Münchner Tafel e. V., Kontonummer 6 850 193 310, HypoVereinsbank, BLZ 700 202 70.

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