Allianz gegen die Armut

Die Münchner Tafel wächst und wächst

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Gute Laune an der Gemüse-Station: das ehrenamtliche Tafel-Team der Verteilstelle Haidhausen.

München - Die Münchner Tafel wächst seit ihrer Gründung 1994 stetig und kann eine eindrucksvolle Bilanz der Hilfe vorweisen. Jetzt eröffnet der Verein die 26. Verteilstelle.

In den angesagten Cafés am Wiener Platz nippen Bisserl-Besserverdiener an ihrer Latte Macchiato aus Sojamilch. Genuss mit ökologischem Bewusstein für 3,80 Euro – und wenn die Sonne ein besonders gutes Karma erzeugt, dann sprudelt hinterher noch der eine oder andere Sprizz für einen Fünfer im Kelchlein.

Das ist das eine Gesicht von Haidhausen – das andere zeigt sich nur einen Steinwurf entfernt von der Sonnenseite, genauer gesagt im Schatten der Pfarrkirche St. Johann Baptist. Hier steht ein Rentner an der Lebensmittel-Ausgabe der Münchner Tafel. Ein Helfer bietet ihm Salat an. „Nein, danke!“, lehnt der Rentner höflich ab. „Ich habe ja sowieso kein Öl mehr, um ihn anzumachen.“

Bedürftige stehen hinter der Kirche St. Johann Baptist für Lebensmittel an.

Es sind Begegnungen wie diese, die Hilde Breitner Woche für Woche anspornen: „Es gibt viele solcher Münchner, die Hilfe brauchen – und es werden immer mehr!“ Jeden Montag baut die Haidhauser Tafel-Leiterin mit ihrem Team aus 20 Helfern ihre Verteil-Standl auf – auch wenn’s regnet oder schneit. Fast immer ist ihr Ehemann Paul mit von der Partie. Mit einem Cowboyhut in der Stirn steht der Fußball-Weltmeister von 1974 im zugigen Kühlwagen, um Fleisch herauszureichen. Für seine rund 350 Kunden empfindet er vor allem eins: Respekt! „Bei uns stehen Leute in der Schlange, die ihr Leben lang gearbeitet haben, aber jetzt im Alter kaum über die Runden kommen. Das macht mich nachdenklich“, sagt Breitner der tz – und sein Kollege nickt. Er heißt Helmut Wisneth, ist gerade mal 22 Jahre alt und im normalen Arbeitsleben Polizist in München. „Ich stamme aus der Oberpfalz“, erzählt Wisneth. „Bei uns daheim am Land ist der soziale Zusammenhalt viel größer. Hier in der Stadt leben viele einfach nebeneinander her, die versteckte Armut ist erschreckend groß.“

Das bestätigt auch Wenka Russ, die Sprecherin der Münchner Tafel. Schon jetzt versorge der Verein 18.000 Menschen. „Der Bedarf ist sogar noch größer“, berichtet sie. „Wir müssen immer wieder Bedürftige vertrösten, bis wir ihre Versorgung logistisch stemmen könen.“ Dafür kämpft das tolle Tafel-Team pausenlos. Am nächsten Samstag wird in der Großmarkthalle bereits die 26. Verteilstelle eröffnet.

Zahlen und Fakten zur Tafel:

Die Münchner Tafel wächst seit ihrer Gründung 1994 stetig und kann eine eindrucksvolle Bilanz der Hilfe vorweisen. Hier einige Zahlen und Fakten:

107 soziale Einrichtungen in München werden wöchentlich beliefert: Darunter sind Kinder- und Jugendeinrichtungen, Frauenhäuser, Mutter-Kind-Häuser, Notunterkünfte, Einrichtungen für Aids- und Drogenkranke, Streetworker, Wohngemeinschaften für psychisch Kranke, therapeutische Wohngruppen, staatliche und städtische Gemeinschaftsunterkünfte, Klöster und vier Schulen, die unterversorgten, oft sozial benachteiligten Schülern mit gesunden Lebensmitteln helfen.

18.000 Bedürftige werden wöchentlich versorgt: darunter von Altersarmut Betroffene, versteckte Arme, entwurzelte Menschen, Flüchtlinge, Menschen, die schwere Schicksalsschläge erlitten haben, sozial Überforderte, kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Arbeitslose, Kranke, Rentner, Asylbewerber, Alkohol- und Drogenkranke.

25 Verteilstellen im Stadtgebiet: Hier werden Lebensmittel an Bedürftige ausgegeben. Jetzt kommt eine weitere hinzu.

100.000 Kilogramm Lebensmittel werden pro Woche verteilt: Es handelt sich um einwandfreie Produkte, die aber im Wirtschaftsprozess nicht mehr verwendet werden – etwa in Folge von Überproduktionen oder weil die Verpackung beschädigt ist.

500 ehrenamtliche Helfer: Sie sind u.a. mit 17 Lieferfahrzeugen im Einsatz.

160 Firmensponsoren: Sie helfen der Tafel mit Geld-, Sach und Lebensmittelspenden.

Das Spendenkonto bei der HypoVereinsbank lautet: (IBAN) DE 37 7002 0270 6850 1933 10.

Quelle: www.muenchner-tafel.de

Andreas Beez

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