Einer kannte Chinesischen Turm

Wie gut sind Münchens Taxler? So schwer ist die Prüfung

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Taxifahrer „Al Capone“ (52) verteidigt den Anfängerkollegen wegen seiner Unwissenheit. „Wir ehrlichen Fahrer kennen jeden Winkel der Stadt.“

Auch Taxler können mal irren. Aber das ein Münchner den Chinesischen Turm nicht kennt? Dabei ist der Weg ans Steuer eines Taxis lang und steinig.

München - Ein Münchner setzt sich am Hauptbahnhof in ein Taxi. „Bitte zum Chinesischen Turm.“ Der Taxler wirkt ratlos. „Zum Chinaturm“, probiert es der Fahrgast noch einmal. Der Taxler, offensichtlich nicht aus München, zuckt mit den Schultern. „Im Englischen Garten. Der große Biergarten!“ Die Antwort des Taxifahrers: „Kenne ich nicht. Haben Sie eine Straße?“ Begründung: Er mache den Job den ersten Tag. Der Vorfall hat sich am Donnerstag tatsächlich so zugetragen. Doch wie kann das sein? Werden Taxifahrer nicht mehr ausgebildet, weil das Navi es besser weiß?

„Eigentlich darf so etwas nicht passieren“, sagt Frank Kuhle, Chef der Münchner Taxizentrale. Er vermutet, der Fahrer sei über Gebühr aufgeregt gewesen an seinem ersten Tag. Grundsätzlich seien Münchens Taxifahrer bestens ausgebildet - die Prüfung sei so schwierig wie eh und je. „Die Münchner Taxiprüfung gilt innerhalb Deutschlands als eine der schwersten.“

Taxler fahren oft nur Mindestlohn ein

Angehende Taxler müssen blanken Stadtplan füllen

Wer über 21 Jahre alt ist, seit zwei Jahren einen Führerschein hat und ein medizinisches Eignungsgutachten (MPU) eingeholt hat, kann sich im Kreisverwaltungsreferat anmelden und die sogenannte Ortskundeprüfung ablegen. Die hat es in sich, wie ein Blick darauf verrät: So muss der Prüfling in einem blanken Stadtplan selbst Straßen und Plätze eintragen, Straßen den richtigen Stadtvierteln zuordnen, Adressen und Hauptzugänge wichtiger Orte kennen oder die kürzesten Strecken zwischen zwei beliebigen Straßen nennen.

„Grundsätzlich bestehen nur zehn bis 15 Prozent aller Teilnehmer die Prüfung“, sagt Kuhle. „Viele unterschätzen das: Man muss dafür richtig lernen.“ Und selbst wenn der Test bestanden ist - zum Taxiprofi gehöre eine mindestens dreijährige hauptberufliche Fahrpraxis. Eine Einlernzeit solle man Anfängern zugestehen, sagt der Taxichef.

Taxler dürfen in Pasing Busfurt nutzen

„Navi ersetzt keine Ortskunde“

Navigationsgeräte sieht Kuhle eher als Problem an. „Ein Navi ist kein Ersatz für gute Ortskunde.“ Wenn irgendwo ein Stau ist, Feuerwehr-, Polizeiautos oder die Müllabfuhr die Straße blockieren, müsse ein Fahrer wissen, wie er ausweicht, ohne lange im Navi herumzutippen. Und darauf seien die Münchner Taxler dank Ortskundeprüfung vorbereitet. „Es gibt wegen der Navis immer wieder Forderungen nach einer Abschaffung des Tests. Wir halten davon überhaupt nichts.“

Auch die Münchner Taxler betonen ihre guten Ortskenntnisse. So wie der Fahrer, den seine Kollegen „Al Capone“ nennen. Seit 21 Jahren fährt er Taxi: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer von uns den Chinesischen Turm nicht kennt“, sagt er. Der sei Prüfungsstoff. „Aber Fehler machen ist menschlich. Und jeder hat mal einen schlechten Tag.“ Kritik an Münchens Taxlern sei nicht gerechtfertigt. „Wir haben die schwere Prüfung bestanden, wir kennen uns in der Stadt aus.“ Kritik verdienten eher private Unternehmen wie „Uber“, die ohne geprüfte Lizenzen und mit Billigpreisen den Taxlern die Kundschaft abluchsten.

Dennoch hat sich etwas geändert: Der durchschnittliche Münchner Taxifahrer sei heute ein völlig anderer als vor 30 Jahren, erklärt Taxichef Kuhle: „Ende der 90er Jahre waren 25 Prozent Studenten, die Zahl ist gravierend zurückgegangen.“ Heute säßen Quereinsteiger aller Altersgruppen in den rund 3400 Taxis der Stadt. Und seit Freitag weiß vermutlich auch der letzte, wo der Chinesische Turm ist.

Überraschung: Münchens Taxler sind viel besser als ihr Ruf

Andrea Stinglwagner

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