Kurzschluss in der Elektroleitung

Beim Kochen stürzte die Wand ein

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Ratlos steht Hong-Thi Pham in dem Schutthaufen, der von seinem Badezimmer im Haus an der Scharnitzstraße übrig geblieben ist. Ein Teil der Wand stürzte plötzlich ein. Auf der anderen Seite fielen Küchenschränke herunter und Elektroleitungen verursachten einen kleinen Brand.

München - Familie Tran-Pham ist Schutt und Lärm gewohnt, seit direkt vor ihrem Fenster der Luise-Kiesselbach-Platz untertunnelt wird. Nun aber sieht auch ihr eigenes Bad nach Großbaustelle aus: Am Samstagmorgen stürzte die Trennwand zur Küche ein.

In der vietnamesischen Küche gibt es unabhängig von der Tageszeit gerne scharfe Nudelsuppen auf den Tisch. Vom Abendessen waren noch Reste übrig geblieben, die Thi-Cam-Duyen Tran ihrer Familie am Samstagmorgen zum Frühstück aufwärmen wollte. Es war gerade Halbzehn, als sie an der Spüle heißes Wasser in den Topf laufen ließ; ihr siebenjähriger Sohn Daniel-Khang spielte im Gästezimmer, ihr Mann Hong-Thi Pham versuchte, ein wenig zu schlafen. Der Kfz-Monteur war erst um sieben Uhr von der Nachtschicht nach Hause gekommen war.

Wirklich Ruhe fand er nicht: „Die Bauarbeiten an der Straße waren sehr laut an dem Morgen, ich konnte kaum schlafen. Außerdem hat sich das Haus bewegt, es hat sich angefühlt wie bei einem Erdbeben“, erzählt er.

Seine Frau spürte nicht nur ein Ruckeln. Plötzlich bewegten sich die Küchenschränke vor ihr – und dann ging alles ganz schnell. „Es wurde sehr laut, dann fielen die Schränke von den Wänden und aus den Elektroleitungen kam kurz Feuer“, berichtet sie. Thi-Cam-Duyen Tran sprang sofort aus der Küche, rief nach ihrem Mann und sah erleichtert, dass ihr Sohn im anderen Zimmer spielte. Innerhalb weniger Sekunden hatte sich nämlich auch das neben der Küche liegende Bad in ein Schuttfeld verwandelt.

Herr Pham, 49, und Frau Tran, 35, stehen zwei Tage später immer noch völlig ratlos im Flur ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung an der Scharnitzstraße. Die Feuerwehr hat die Tür ihres Badezimmers ausgehebelt und den Durchgang mit Absperrband versperrt. Ein Statiker hat das Betreten untersagt – und tatsächlich sehen die Reste der Wand nicht vertrauenserweckend aus. Auf der Bad-Seite hängen letzte Bruchstücke an der Decke, auf der Küchenseite klafft ein zentimeterdicker Riss über den Küchenschränken. Die hat die Familie schon wieder aufgehängt. „Aber den Herd benutzen wir momentan nicht“, sagt Herr Pham, seine Frau kocht auf einer Campingkochplatte.

Die Feuerwehr hatte dazu geraten, übergangsweise in eine Pension zu ziehen, aber das wollen Hong-Thi Pham und seine Frau nicht. Seit zehn Jahren leben sie in der Wohnung, „nie gab es Probleme“. Bevor die Bauarbeiten am Tunnel losgingen, habe sogar jemand von der Hausverwaltung die Wohnung begutachtet und keine statischen Probleme gesehen.

Weil sie kurz vor dem Einsturz Erschütterungen gespürt haben, glaubt das Paar, dass die Bauarbeiten vor ihrer Haustür zu dem Chaos in ihrem Badezimmer geführt haben. Die Hausmeister des Anwesens erzählt, dass auch ein weiterer Nachbar ihn wegen dieser Erschütterungen angesprochen habe.

Im städtischen Baureferat hält man einen Zusammenhang mit der Tunnel-Großbaustelle für „sehr unwahrscheinlich“. „Am Wochenende gab es keine erschütterungsrelevanten Arbeiten in diesem Bereich“, sagte eine Sprecherin unserer Zeitung gestern auf Anfrage. Weder das Baureferat noch die ausführende Arbeitsgemeinschaft seien über den Vorfall unterrichtet worden. Generell, so die Sprecherin weiter, würden bei allen Arbeiten, die Erschütterungen auslösen können, Messungen durchgeführt. Die Messwerte seien dabei „immer weit unter den vorgeschriebenen Grenzwerten“ geblieben. Auch die Lokalbaukommission, die immer eingeschaltet wird, wenn die Statik von Gebäuden ernsthaft gefährdet ist, wusste am Montag noch nichts von dem Mauereinsturz.

Bei der Polizei wollte man gestern nicht ausschließen, dass der Tunnel eine Rolle spielt. „Wir ermitteln, ob es einen Zusammenhang zu der Baustelle gibt“, sagte ein Polizeisprecher. Hinweise, dass die Tran-Phams selbst Schuld sein könnten, gebe es bisher nicht.

Von Katharina Fuhrin und Peter T. Schmidt

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