Sie verlor Tochter bei Erdbeben – ihr Mann starb Tage später

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In Gedanken immer noch vereint: Krista Bouillé hat in ihrer Schwabinger Wohnung ein großes Foto von ihrem Mann Mériadeg und Tochter Olivia hängen

München - Die Schwabingerin Krista Bouillé (67) hat beim Erdbeben in Haiti im Januar 2010 ihre Tochter Olivia verloren. Wenige Tage später starb auch ihr Mann Mériadeg an einem Herzinfarkt, nachdem er die Leiche der Tochter geborgen hatte. Jetzt spricht sie in der tz:

Der Sturm, dieser bedrohliche Himmel, das zurückgehende Wasser. Krista Bouillé (67) hat gespürt, dass etwas nicht stimmt. Sie lag richtig. In genau diesem Moment, in dem ihr Mann Mériadeg (damals 69) im Meer vor der Dominikanischen Republik wegen eines leichten Tsunamis kaum noch zurück ans Ufer kam, bebte im benachbarten Haiti die Erde – und ihre einzige Tochter Olivia starb unter den Trümmern.

Das Erdbeben

Fünf Wochen im Paradies. Vier Wochen im Luxushotel Montana der befreundeten Familie, eine Woche Badeurlaub in der Dominikanischen Republik: Es sollte eine Belohnung für den erfolgreichen Abschluss der Tochter Olivia (27) an der Münchner Modeschule AMD werden.

Am Tag vor dem Erdbeben entstand dieses Foto von Tochter Olivia.

Die lebenslustige Olivia genießt die Zeit, freundet sich mit den Kindern der Hotelbesitzer an, zieht mit ihnen um die Häuser. Als die Eltern in den Badeurlaub aufbrechen, entscheidet die Tochter, in Haiti bei den Freunden zu bleiben. Ein folgenschwerer Entschluss. „Am Morgen, als wir aufbrachen“, erinnert sich Mutter Krista, „war Olivia genervt, weil sie nachts zuvor aus war und lieber weiterschlafen wollten, als sich zu verabschieden.“ Aber sie sagen Lebewohl. Niemand ahnt, dass der Abschied für immer ist.

Am 12. Januar die Katastrophe: Im Urlaubsdomizil der Eltern ist Mutter Krista beunruhigt. Das zurückgehende Meer, die Unruhe am Himmel. Abends die Nachricht: In Haiti hat die Erde gebebt und das Land in nur 35 Sekunden in Schutt und Asche gelegt. Die Telefonleitung zur Tochter ins Hotel ist tot, die Zufahrtswege sind nicht passierbar. Die Ungewissheit macht Krista fast verrückt. Am nächsten Tag erscheinen Bekannte weinend im Zimmer: Olivia und zwei weitere Freunde vom Hotel seien verschüttet. „Ich war wie eingefroren und habe nichts mehr gefühlt“, erzählt die Mutter.

Die Suche nach der Tochter

In der Nacht meint der Vater die Stimme von Olivia zu hören: „Papa, hilf mir, ich brauche Wasser!“ Überzeugt davon, dass die Tochter am Leben ist, setzt er alle Hebel in Bewegung und kommt mit einem privaten Kleinflugzeug nach Haiti.

Die Leiche von Olivia wurde unter den Trümmern dieses Hotels in Haiti geborgen.

„Hier ist es wie in der Hölle“, erzählt er seiner Frau am Telefon. Er klettert in den Schutthaufen, der früher ein Luxushotel war, gräbt voller Verzweiflung. Wenn er nicht mehr kann, setzt er sich hin und betet das Ave Maria. Brasilianische Helfer packen mit an, als der Vater erzählt, seine Tochter stamme ursprünglich aus Südamerika und sei nach der Geburt adoptiert worden. Plötzlich ein Schrei! Ein Mann hat Olivias Fotokamera gefunden. Kurz darauf stoßen sie auf die Leiche, dem Vater bleibt der Anblick erspart. Ganz in der Nähe von Olivia: ihr Laptop. Später erfahren die Eltern, dass ihre Tochter über den Computer mit einer Freundin telefoniert hat – als plötzlich alles über ihr zusammenbricht.

Am Abend erhält die Mutter die schreckliche Nachricht. Krista ist wie gelähmt.

Der zweite Verlust

Am nächsten Morgen wollen Krista und Mériadeg in die Kirche. Der erblich vorbelastete Mann klagt über Herzbeschwerden. Der Tod der Tochter, das Elend und das Chaos überall – das Leid ist zu viel für seinen Körper.

Er kommt auf die Intensivstation. Am nächsten Morgen, als seine Frau ihn besuchen will, ist er schon wieder im Aufbruch. „Er konnte es nicht ertragen, im Krankenhaus zu liegen. ‚Wir müssen raus und diesen armen Menschen helfen’, hat er gesagt.“ Abends im Hotel bekommt Mériadeg keine Luft. Eine Ärztin belebt ihn wieder – aber das Hirn ist tot. Krista erinnert sich: „Ich habe seine Hand genommen und ihn angesehen. Dann habe ich gesagt: ‚Oh Herr, dein Wille geschehe.’ Er wollte doch nie ein Pflegefall sein, ich musste ihn gehen lassen. Ich habe noch gesagt: ‚Geh’ ins Licht, mach dir keine Sorgen um mich, ich werde das schaffen. Dann wurde sein Gesichtsausdruck friedlich.’ Ihr Mann stirbt an gebrochenem Herzen.

Völlig benommen wankt Krista zur Botschaft: Innerhalb von drei Tagen muss sie den zweiten Todesfall melden.

Der Weg zurück ins Leben

Zurück in der Wohnung in Schwabing. Stille. Leere. Nichts ist mehr, wie es vor der Reise war. „Plötzlich bin ich ganz allein.“ Krista Bouillé weint, sie verzweifelt, sie glaubt, diesen Verlust ihrer beiden Liebsten nicht zu ertragen. Schon nach wenigen Wochen aber spürt sie eine Kraft in ihrem Inneren. „Eine innere Stimme hat mir gesagt: ‚Es ist niemand mehr da. Nur du kannst jetzt noch weiterleben’.“ 15 Jahre lang hat die Psychotherapeutin ihren Klienten geholfen, indem sie die Methode der bekannten Psychologin Phyllis Krystal gepredigt hat: „Es gibt keine Sicherheit im Äußeren: Beruf, Geld, geliebte Menschen – alles ist vergänglich. Sicherheit gibt es nur im Inneren.“ Und zum ersten Mal erlebt Krista Bouillé am eigenen Leib, wie hilfreich diese Theorie wirklich ist. „Ich hatte diese Lehren unbewusst schon verinnerlicht.“

Und Krista Bouillé kämpft. Jeden Tag aufs Neue. Sie ernährt sich gesund, macht täglich Sport, schläft viel. Sie blickt nicht zurück, lebt nur im Hier und Jetzt. Jeden Tag aufs Neue. Sie ruft ihre alten Patienten an, erzählt ihnen, was passiert ist und erklärt, dass sie trotzdem wieder arbeiten will. Sie funktioniert. Viele Freunde und Bekannte fragen verwundert: „Wie schaffst du das, an diesem Schicksalsschlag nicht kaputtzugehen?“ Die 67-Jährige ist oft selbst erstaunt. Aber sie macht weiter.

Krista Bouillé am Grab von Tochter und Gatte. „Ich kann sie immer noch spüren, für mich gibt es keinen Tod.“

Auch heute, fast zwei Jahre nach der Tragödie, hat Krista Bouillé noch Phasen, in denen der Schmerz zu groß wird, in denen alles zu schwer wird. Ein Trost in dieser schmerzlichen Zeit ist Kristas Glaube: „Für mich gibt es keinen Tod, wir verlassen nur unseren Körper. Aus irgendeinem Grund mussten mein Mann und meine Tochter ihn verlassen. Energetisch spüre ich sie aber noch bei mir.“

Kommende Woche reist die Münchnerin mit ihrem Bruder nach Indien. „Ich will die Weihnachtszeit nicht hier erleben, das wäre zu schmerzlich.“ Aber Krista Bouillé wäre nicht Krista Bouillé, wenn sie nicht einen weiteren Grund für diese Auszeit hätte: „Ich will neue Kraft tanken, damit ich mit meiner Geschichte noch mehr verzweifelten und hilflosen Menschen Trost spenden kann.“

Nina Bautz

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