Münchenstift-Chef Benker im tz-Interview

Müssen wir uns Sorgen um die Pflege machen?

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Der neue Chef der Heime: Sigi Benker (55) am Mathildenstift im Stadtzentrum

München - Der frühere Fraktionschef der Rathaus-Grünen, Sigi Benker (55), übernimmt ab Montag die Führung der zwölf städtischen Münchenstift-Altenheime von Gerd Peter. Das Antrittsinterview in der tz. 

Am Montag ist sein erster Arbeitstag: Der frühere Fraktionschef der Rathaus-Grünen, Sigi Benker (55), übernimmt die Führung der zwölf städtischen Münchenstift-Altenheime von Gerd Peter (67). Die tz sprach mit Benker über die Zukunft der Pflege in München.

Bleiben Sie als Münchenstift-Chef der Sigi oder sind Sie jetzt Siegfried Benker?

Siegfried Benker: Ich bleibe natürlich der Sigi. Aber ich mache gerade den Übergang von der Politik in die Geschäftsführung eines großen Unternehmens, und da sind die Modalitäten sicher andere. Deswegen fange ich erst mal als Siegfried Benker an.

Sie sind jetzt Arbeitgeber von 1800 Angestellten und Vermieter von 3000 Bewohnern. Wissen Sie, was da auf Sie zukommt?

Benker: Ich habe einen Riesenrespekt vor der Aufgabe. Ich bin sehr froh, dass mein Vorgänger Gerd Peter mir die Häuser in einem herausragenden Zustand übergibt. Aber natürlich bin ich am ersten Tag aufgeregt.

Sie übernehmen das Amt vor riesigen Umwälzungen – Stichwort: Pflegenotstand. Müssen sich die Münchner Sorgen um die Versorgung machen?

Benker: Nein. Die Stadt bemüht sich seit Jahren um eine Altenpflegeplanung bis ins Jahr 2030. Nach dem Motto: Wir wollen, dass alte Menschen frei wählen können, wie sie versorgt werden möchten – zu Hause, in Wohngemeinschaften, beim Wohnen mit Service oder im Heim. Da wollen wir als Münchenstift mitarbeiten. Wir wollen unsere Marktführerposition behaupten und das Flaggschiff bei der Pflegequalität bleiben.

Sie müssen heute schon Mitarbeiter in ganz Europa suchen. Bis 2030 prognostiziert die Bertelsmann-Stiftung, dass allein in München über 4000 Pfleger fehlen werden. Wie soll das gehen?

Benker: Diese Frage hängt direkt mit der Frage zusammen, wie man die Versorgung organisiert. Zum einen gibt es den Grundsatz, dass die Pflege zu Hause vor der Pflege im Heim vorgeht. Je mehr der ambulante Bereich abfangen kann, umso weniger Pflegerinnen und Pfleger werden fehlen, weil der ambulante Bereich weniger Kräfte braucht. Für die Heime wird darum eine Frage der Zukunft sein, wie wir mehr ambulante Pflege in die Heime bringen. Dann könnte man mehr in den Bereich Wohnen gehen.

Das Stationszimmer ist leer, und bei Frau Müller im zweiten Stock kommt nur einmal am Tag der Pflegedienst vorbei?

Benker: Es muss schon immer jemand da sein. Aber das muss nicht immer eine Pflegefachkraft sein. Die kommt, wenn sie benötigt wird. Eine andere Frage ist, wie man Pflege umorganisiert. Da gibt es das Modell des Primary Nursing: Eine Pflegefachkraft bleibt Ansprechpartner und organisiert die ganze Versorgung. Nicht für jede Handreichung muss auch wirklich eine Fachkraft notwendig sein, sondern vielleicht reicht eine Hilfskraft.

Übernimmt dann beim Aufstehen aus dem Bett ein Helfer, der vielleicht mehr Kraft im Kreuz hat?

Benker: Das könnte so sein. Wichtig ist, dass die Qualität erhalten bleibt und dass für die Bewohner immer eine Bezugsperson da ist. Noch heuer soll ein Versuch starten: Wir wollen sehen, ob sich die Bewohner gleich gut versorgt fühlen.

Eine bessere Bezahlung würde mehr Pfleger anziehen. Jetzt sitzen Sie am Hebel!

Benker: Es gibt einen Sanierungstarifvertrag, der heuer wieder mit der Gewerkschaft verhandelt wird. Wir können aber nicht beliebig am Gehaltsschlüssel drehen.

Wollen Sie die Kurzzeitpflege ausbauen?

Benker: Wir bieten schon relativ viele Plätze an, eingestreut auf normalen Stationen. Man muss auch sehen, dass Kurzzeitpflege bis zu vier Wochen für die Mitarbeiter eine immense Belastung darstellt, weil sie sich auf alle Bewohner einstellen – von der Biografie bis zu den Bedürfnissen.

Müssen die Angehörigen in Zukunft mehr im Heim mithelfen?

Benker: Das ist immer schwierig, weil wir qualitative Standards haben, die von Angehörigen oft nicht erfüllt werden können. Dafür sind die Mitarbeiter der Münchenstift da. Aber wir versuchen die Angehörigen schon einzubinden – mit Diskussionsabenden und Beiräten.

Die Häuser in der Manzo- und Tauernstraße stehen zum Neubau an. Müssen Sie nicht auch neue Häuser bauen, weil es immer mehr Pflegebedürftige geben wird?

Benker: Wie sich der Pflegemarkt entwickelt, ist eine unüberschaubare Sache. Private drängen auf den Markt, Wohlfahrtsverbände sind aktiv, der ambulante Bereich versucht, mehr Anteile zu bekommen. Es kann sein, dass die Münchenstift noch Häuser baut. Aber das ist Zukunftsmusik.

Interview: David Costanzo

Vom Protestler zum Altenheim-Chef

Früher war er bei Hausbesetzungen dabei, jetzt besetzt er zwölf Häuser – als Boss! Heute hat Sigi Benker (55) den ersten Arbeitstag als Geschäftsführer der städtischen Münchenstift-Heime. Seit 1993 saß Benker für die Grünen im Stadtrat, seit 1996 als Fraktionschef. Der studierte Sozialpädagoge begleitet die Münchenstift-GmbH seit der Gründung 1995 als Aufsichtsrat. Die Opposition hatte eine Ausschreibung des Chefpostens gefordert. Benker ist verheiratet und hat drei Kinder.

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