Am Odeons- und Gärtnerplatz

Musik unter freiem Himmel: Top-Events in München

München - Am Sonntag fanden in München gleich zwei Top-Events mit klassischer Musik statt: Klassik am Odeonsplatz sowie das Open Air am Gärtnerplatz. Wir waren dabei.

Klassik am Odeonsplatz

Das zweite Konzert bei Klassik am Odeonsplatz stand unter dem Motto Russische Nacht. Das klingt nach ungemütlichen Temperaturen und schwermütiger Kost – doch weit gefehlt: Väterchen Frost wurde an diesem Abend ebenso wenig gesichtet wie Mütterchen Frust. Der Himmel war sogar noch blauer, die Luft noch lauer als am Tag zuvor; das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks präsentierte mit seinem Chefdirigenten Mariss Jansons ein heiteres, leichtgewichtiges Programm, und auch die Götter vergossen ob der prächtigen musikalischen Darbietungen nur eine Handvoll Freudentränen.

Roger Willemsen, der kompetenteste, eloquenteste und amüsanteste Moderator, den diese Veranstaltung in den 14 Jahren ihres Bestehens erlebt hat, wies in seiner Begrüßung darauf hin, dass das Konzert just in der Kupala-Nacht stattfand, in der in Russland die Sommersonnenwende gefeiert wird. Er animierte die Zuschauer dazu, in dieser Nacht wachzubleiben, Wodka zu trinken und den Russen in sich zu wecken.

Jansons und seine fitte Mannschaft hatten kleinere Häppchen im Gepäck, darunter einige klassische Zugabenummern und Stücke, die sich auch im Repertoire von Kurorchestern finden. Zu hören gab es also viel Tschingderassabum, gelegentlich durchmischt mit Tatütata von Polizeiautos aus der Ferne. Ein ums andere Mal wurden Schunkel-Anfälle im Publikum beobachtet – oder, wie Willemsen es nannte, „ein Zustand geistiger Destabilisierung“.

Immerhin konnte das Orchester immer wieder glänzende Visitenkarten abgeben und seine Weltklasse demons­trieren – etwa in Rimskij-Korsakows Capriccio espagnol, bei dem deutlich wurde, wie hochkarätig die BR-Symphoniker auf jeder einzelnen Position besetzt sind. Es war nicht das einzige mediterran angehauchte Stück des Abends: Auch Evgenij Petrov (in La Serenata) und Alexander Glasunow (in einem Tanz aus Raimonda) griffen auf spanische Weisen zurück (ja, die Kastagnetten hatten viel zu tun in dieser Russischen Nacht), und Pjotr Iljitsch Tschaikowsky verwurstete in Capriccio italien diverse italienische Volkslieder.

Trotzdem kam auch ordentlich Doktor Schiwago-Feeling auf, was hauptsächlich an vier hin- und mitreißenden Musikern aus Sankt Petersburg lag: Das Terem Quartet, bestehend aus drei Balalaika-Spielern und einem Akkordeonisten, war für viele Zuschauer die größte Entdeckung des Abends. Ihr Klangsinn, ihre Spielfreude und ihre Virtuosität sind schlicht atemberaubend.

Gemeinsam mit dem Orchester spielten sie einige bekannte Stücke wie Borodins Polowetzer Tänze, die eigens für diese ungewöhnliche Besetzung arrangiert worden waren, aber auch eine Uraufführung: die Garden Symphony des 1946 geborenen Komponisten Alexander Tschaikowsky – ein unterhaltsames, zugängliches Werk, das einen Walzer und eine Zigeunermelodie verarbeitet und freundlichen Applaus erntete.

Diese kunstvollen Kompositionen wirkten indes wie ein Korsett, von dem sich das Quartett erst in den Zugaben befreien konnte: In ihren eigenen Bearbeitungen (etwa der d-Moll-Toccata von Bach oder des Flohwalzers) durften die vier eine Form von Wahnwitz wagen, die man auch Ballaballa-Balalaika-Irrsinn nennen könnte – und die für Begeisterungsstürme sorgte.

Marco Schmidt

Open Air am Gärtnerplatz

Die Klassik-Gärtner locken die Massen

Bei Klassik am Odeonsplatz ging’s ein paar hundert Meter weiter etwas, nun ja, gepflegter zu. Was nicht heißen soll, dass der Gärtnerplatz zu einem riesigen Orgien-Festplatz mutiert ist. Sondern dass die Veranstaltung erstens kostenfrei und zweitens damit entspannter einherherging – auch, was die Garderobe betrifft.

Ähnlich bunt wie bei den Kollegen vom BR in der Feldherrnhalle war allerdings das Programm, und hier wie dort fanden sich rund 8000 Besucher (Rekord!) ein. Unpassend ging’s mit Mozarts Ouvertüre zu der Entführung aus dem Serail los – weil sich offensichtlich niemand entführen lassen wollte: Der Platz war rammelvoll, die Menschen – vom genießenden Greis bis zum Kind mit offenem Mund – standen bis in die angrenzenden Straßen hinein. Rund drei Stunden dauerte die Veranstaltung – und eine große Pause gab’s auch. Klar, man will ja auch die Standl nicht am Wegesrand liegenlassen, die für die Verpflegung sorgten.

Gepflegt querbeet ging’s einmal durch die vorwiegend leichte Muse – Daniel Prohaska kredenzte etwa Zwei Märchenaugen aus Kálmáns Zirkusprinzessin, bevor Alexandra Reinprecht aus derselben Operette Pour l’amour schmachtete. Appetithäppchen für die kommende Premiere am 19. Juli.

Ob instrumental, ob vokal, ob Strauß, Rossini, Donizetti, Otto Nicolai, Lortzing oder gar Mussorgskys Nacht auf dem kahlen Berge: Architekt Friedrich von Gärtner dürfte jetzt noch ein bisschen mitsummen, auch wenn sein Denkmal mittlerweile etwas verwaister dasteht.

Das Gärtnerplatz-Ensemble und sein Chef Josef E. Köpplinger, der launig durch den Abend führte, schufen auch schon mal Anreize für die kommende Saison: Daniel Prohaska sang sich durch den nicht vorhandenen Regen (I’m Singin’ In The Rain, Premiere: 23.4. 2015, Prinzregententheater), und weil im kommenden Jahr beim Open Air Mendelssohns Sommernachtstraum erklingen wird, gab’s schon mal das Scherzo. Jubel für alle Beteiligten der Klassik-Gärtner.

M.B.

Rubriklistenbild: © Haag

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