„Musste das sein, Bernd?“

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München - Zu „Let It Be“ von den Beatles traten am Montag die sterblichen Überreste von Bernd Eichinger ihre letzte Reise an. Seine Witwe Katja und Tochter Nina trugen die Urne aus der Münchner St.-Michaels-Kirche.

„Musste das sein, Bernd?“ Zornig blitzen Günter Rohrbachs kleine Augen durch die kreisrunden Gläser seiner Brille. „Musste das sein, Bernd?“, fragt der Filmproduzent („Berlin Alexanderplatz“, „Das Boot“, „Aimée und Jaguar“) nochmals. „Ich bin mehr als zwanzig Jahre älter als du. Das hättest du respektieren müssen. Eine solche Ordnung stößt man nicht um!“ Rohrbach, Jahrgang 1928, steht vor dem Altar der St.-Michaels-Kirche in der Münchner Innenstadt, zu seiner Linken befindet sich ein großes Schwarz-Weiß-Foto. Es zeigt Bernd Eichinger mit der linken Hand, an der er seinen Ehering trägt, auf dem Herzen. Die Aufnahme entstand im vergangenen April, als Eichinger in Berlin beim Deutschen Filmpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Auch darauf geht Rohrbach in seiner engagierten, von wahrhaftiger Empörung und traurigem Zorn getragenen Rede ein: Er habe Eichinger damals vor der Verleihung gefragt, ob er – „obwohl noch viel zu jung“ – den Ehrenpreis überhaupt annehmen würde. „Er sagte, er werde, denn er wolle, dass ,die einmal für mich aufstehen‘“, erzählt Rohrbach und ergänzt: „Sie standen – minutenlang.“

Trauerfeier für Filmlegende Bernd Eichinger

Es war einer der wenigen Augenblicke Montagvormittag, in dem ein vorsichtig heiteres Schmunzeln im weiten Kirchenschiff des Renaissance-Baus zu erahnen war. Ein Schmunzeln, das signalisierte, dass die mehr als 900 Trauergäste in der Jesuiten-Kirche in dieser Anekdote Bernd Eichinger tatsächlich wiedererkannten.

Zuvor hatten, Schlag elf Uhr, Eichingers Witwe Katja und seine Tochter Nina das Gotteshaus durch die Sakristei betreten. Katja Eichinger legte einen Strauß roter Rosen, Nina einen weißer Rosen vor dem Konterfei des Ehemanns und Vaters ab. Dann nahmen sie in der ersten Reihe Platz. Die Urne mit der Asche des Verstorbenen stand vor dem Altar, davor ein Herz aus roten Rosen. In den Bänken, die mit weißen Rosen und Trauerflor geschmückt waren, hatten Angehörige, Freunde und Weggefährten Eichingers – darunter Joachim Fuchsberger, Wolfgang Petersen, Hannelore Elsner und Thomas Gottschalk – Platz genommen. Im hinteren Teil des Kirchenschiffs verfolgten zahlreiche Münchner die knapp zwei Stunden lange Trauerfeier.

Diese wurde von Jesuitenpater Karl Kern geleitet, der über „Die letzte öffentliche Rede Jesu“ aus dem Johannes-Evangelium (Kapitel 12, Verse 20-26) predigte. Die Arbeitsweise dieses Evangelisten hätte Eichinger gefallen, ist sich Kern sicher: Jene Texte, die Johannes bei seinen Vorgängern Matthäus, Markus und Lukas gefunden habe, würde er zu einem „Lese-Drama“ zusammenfassen – „zu fast so etwas wie einem Film“. Eine Arbeitsweise, die der Geistliche auch bei Bernd Eichinger erkannte: „Kultur ist immer die Neudeutung des bereits Gedeuteten.“ Ausgehend von dem Jesus-Zitat „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ folgerte der Pater: „Auch Bernd Eichinger war eine Weizenkorn-Existenz.“

Es übernahmen die nachfolgenden Redner, diese Metapher des Geistlichen einem Realitäts-Test zu unterziehen: Wer auch immer an diesem Vormittag in der Kirche das Wort ergriff, thematisierte Bernd Eichingers grenzenlose Neugierde, sein Brennen für Ideen, seinen unbedingten Willen, Träume (Kino-)Wirklichkeit werden zu lassen. „Keine Gefangenen!“, sei Eichingers Schlachtruf bei Dreharbeiten gewesen, erinnert sich etwa Regisseur Tom Tykwer („Das Parfum“) – was so viel bedeutet habe wie „Keine Kompromisse!“. Der Filmemacher fand bewegende, eindringliche Worte, um den Verlust zu schildern: „Die Bernd-Wunde – sie blutet so stark aus so vielen Herzen. In einem Film würde Bernds Tod wirken wie ein falscher Schnitt.“

Bernd Eichinger - Bilder aus seinem Leben

Bernd Eichinger - Bilder aus seinem Leben

Eine Beobachtung, die Christian Ude teilt: „Dieser Tod war in besonderer Weise unfassbar, weil uns Bernd Eichinger – auch wenn er in Los Angeles war – mit seiner Vitalität und überschäumenden Lebensfreude immer sehr präsent war.“ Münchens Oberbürgermeister erinnerte sowohl an das soziale Engagement des Verstorbenen (das Kinder- und Jugendhilfeprojekt „Artists for Kids“ wurde mit der Unterstützung des Produzenten ins Leben gerufen) als auch an die besondere Bedeutung der Stadt für Eichinger. Dieser wurde zwar 1949 in Neuburg an der Donau geboren, legte jedoch in München sein Abitur ab und studierte als einer der Ersten an der Hochschule für Fernsehen und Film.

Hier lernte Bernd Eichinger den Regisseur Uli Edel kennen, mit dem er fortan bei vielen Projekten zusammenarbeiten sollte. Obwohl man sich am Anfang nicht habe ausstehen können, wie Edel schildert: „Du warst so völlig anders als wir anderen“, sagte der Filmemacher in Richtung des Eichinger-Fotos: „Du warst damals der Einzige, der bereits eine Vision hatte. Und heute wissen wir, dass du auch der Einzige warst, der das Zeug hatte, sie zu verwirklichen.“ Edel übernahm 1981 die Regie bei der ersten großen Eichinger-Produktion „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

Die letzten Worte zu dieser würdigen Trauerfeier sollen von Bernd Eichingers Kollegen, dem mit dem Schicksal hadernden Günter Rohrbach kommen. Den Augenblick der Todesnachricht sich in Erinnerung rufend, sagt er zu dem Foto zu seiner Linken: „Dieses Land, dein Land, hat für einen Moment den Atem angehalten.“ Gestern war es, als würde dieser Moment andauern.

Michael Schleicher

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