Dicke Luft vor der Tarif-Konferenz

Wie teuer wird der MVV?

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Gehört wie ein Wahrzeichen zu München: die S-Bahn, hier bei der Ausfahrt aus dem Tunnel.

München - Vor der Entscheidung über die nächste MVV-Fahrpreiserhöhung stehen die Zeichen auf Sturm. Bleibt es bei der angedachten progressiven Erhöhung in den Außenbereichen, könnte ein dauerhafter Graben zwischen Stadt und Landkreisen aufreißen.

Als „seitens der Landeshauptstadt München und des Freistaates Bayern wohl ausgehandelten Kompromiss“ bezeichnet der Ebersberger Landrat Robert Niedergesäß“ in einer Pressemitteilung den Stein des Anstoßes: Ein Tarifmodell, das wie berichtet eine Preissteigerung von durchschnittlich 3,6 Prozent bringen soll. Das Problem: Die Lasten sind ungleich verteilt. Pendler in den Außenbereichen werden mit Preiserhöhungen von bis zu 5,9 Prozent zur Kasse gebeten.

Insider sehen denn auch MVG-Chef Herbert König als maßgeblichen Kopf hinter dem Modell. Denn es entlastet Königs Fahrgäste in U- und Trambahn, während die S-Bahn-Pendler in den Landkreisen bluten müssen. Auf Einnahmen muss die MVG dadurch nicht verzichten, denn die werden unabhängig von der Tarifstruktur nach ganz anderen Kriterien verteilt.

Da wollen die Landräte nicht mitspielen. „Wir tragen  Verantwortung für unsere Bürger und müssen diesen Rede und Antwort stehen“, schreibt Niedergesäß, der Sprecher der Verbundlandkreise. Die Modelle, die die Landkreise mit dem Freistaat ausgearbeitet hätten, sähen eine Fahrpreiserhöhung von „maximal 2,9 Prozent“ vor.

Den Landräten ist klar, dass sich Stadt und Freistaat mit satter Stimmenmehrheit über ihr Veto hinwegsetzen könnten. Doch sie warnen nachdrücklich davor, mit der Tradition zu brechen, einstimmig über den MVV-Tarif zu entscheiden. Wer dies tue, setze „ein hohes Gut“ aufs Spiel, schreibt Niedergesäß und schiebt eine versteckte Drohung nach: Man stehe mit Tarifstrukturreform, zweiter Stammstrecke und Vergrößerung des Verbundsystems vor großen Herausforderungen beim MVV. „Hierfür brauchen wir einen Konsens aller Partner, sonst schaffen wir das nicht.“

Als „starken Tobak“ hat der Fürstenfeldbrucker Landrat Thomas Karmasin das kritisierte Tarifmodell bezeichnet. Er hofft, dass der Freistaat die Stadt noch umstimmen kann. Karmasin hat ausrechnen lassen, wie stark Bürger seines Landkreises belastet würden. Demnach müsste ein Pendler, der mit der S 4 aus Türkenfeld in die Innenstadt fährt, für die monatliche IsarCard 156,10 Euro zahlen – 8,40 Euro oder 5,7 Prozent mehr als bisher. Für einen Pendler aus Mammendorf (S 3, 10 Ringe) würden sich die monatlichen Fahrkosten um 7,70 Euro (5,6 Prozent) erhöhen.

Den Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter überzeugen diese Zahlen nicht. „Ich gehe weiter von den 3,6 Prozent aus“, sagte er gestern. Er verstehe, dass die Landräte verärgert seien, weil sie erst aus der Zeitung von den Plänen erfahren hätten. Aus Reiters Umfeld war aber schon am Wochenende darauf hingewiesen worden, nicht die Stadt habe die 3,6 Prozent öffentlich gemacht, sondern der Freistaat. Zum Vorwurf, Pendler würden besonders belastet, sagte Reiter: „Wir tun auch viel für die Pendler.“ Sein Fazit: „Die 3,6 Prozent sind hoch genug, aber notwendig.“

Genau das bezweifeln die Landräte. Sie halten die von der MVG angeführten Gründe für „nicht belastbar“, zumal, wie der Dachauer Landrat Stefan Löwl anmerkt, das geforderte Zahlenmaterial noch immer nicht vorliege.

„Ständige Sperrungen und Probleme auf der Stammstrecke und die langfristige Sperrung der U 6 sowie großflächige Ausfälle wie in den vergangenen Wochen“ so die Landräte, führten „zwangsweise zu einer erhöhten Unzufriedenheit der Kunden und damit auch zu möglichen Abwanderungen, beispielsweise auch hin zu erfolgreichen Carsharing-Modellen“. Niedergesäß: „Wer glaubt, dies mit überzogenen Tariferhöhungen kompensieren zu können, befindet sich eher auf dem Holzweg und treibt die Kunden weiter in die Ferne.“

Zehn Vertreter der MVV-Gesellschafter, zum Teil begleitet von ihren Verkehrs-Fachleuten, werden heute ab 17 Uhr im MVV-Sitzungssaal an der Thierschstraße um eine Lösung ringen: Für die Landeshauptstadt OB Reiter (SPD) und Wirtschaftsreferent Josef Schmid (CSU), für den Freistaat je ein Vertreter von Finanzministerium und Oberster Baubehörde sowie die acht Landräte. Bisher dauerten solche Sitzungen selten länger als zweieinhalb Stunden. Für heute wollte MVV-Sprecherin Beate Brennauer keine Prognose abgeben: „So heftige Diskussionen im Vorfeld hat es noch nie gegeben“, sagte sie gestern. Die Landkreise haben Stadt und Freistaat ihre Position schriftlich dargelegt. Sie hoffen, so Niedergesäß, „auf einen für alle Seiten tragfähigen Last-Minute-Kompromiss“.  

Peter T. Schmidt  mit st, fm

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