Ist das noch unser München? Teil 4 der Serie

Unser Dialekt stirbt aus: In München redet fast keiner mehr Bairisch

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Frikadellen?! Fleischpflanzerl heißt das!

Der Dialekt ist vom Aussterben bedroht. Schätzungen zufolge sprechen nur noch weniger als ein Prozent der Münchner Schüler Mundart – Tendenz sinkend! 

München! Da denkt man an eine Mass Bier am Chinaturm, den ewigen Stenz, Lederhosn und die Frauenkirche vor der Alpenkulisse. Aber auch an der Landeshauptstadt ist der Wandel der Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Wie viel München steckt eigentlich noch in München? In der großen tz-Serie „Ist das noch unser München?“ gehen wir dieser Frage auf den Grund. Heute dreht es sich um die Sprache.

Horst Münzinger, Vorsitzender des Fördervereins Baierische Spache und Dialekte, warnt: „Unser heimischer Dialekt ist gefährdet. Je jünger dieMünchner, desto dürftiger ist ihr Bairisch.“

1998 veröffentlichte der Mundart-Forscher Bernhard Stör eine ­Studie: 1,8 Prozent der Münchner Schüler sprachen damals noch bairisch eingefärbt – mittlerweile, so schätzt der Experte, dürfte die Zahl gegen Null gehen. „Vor 50 Jahren waren es noch 60 bis 70 Prozent“, sagt Stör. Das erklärt, warum ­Bairisch seit 2009 auf der UNESCO-Liste der gefährdeten Sprachen steht.

Für den Rückgang gibt es nach Experten-Meinung mehrere Gründe. Zum einen der hohe Anteil an Zugezogenen: Nur etwa jeder dritte Münchner ist auch in der Stadt geboren. „Außerdem werden heute viele Kinder in Hort oder Krippe betreut – da spricht man wenig Bairisch“, sagt Bernhard Stör.

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In den 70ern und 80ern galt der Dialekt sogar als verpönt und hinterwäldlerisch. Lehrer und Erzieher wurden angewiesen, mit den Kindern Hochdeutsch zu sprechen. Und: „Durch Fernsehen und Radio ist die Hochsprache in der heutigen Zeit viel präsenter als früher“, erklärt Sprachforscher Anthony Rowley von der Akademie der Bayerischen Wissenschaften.

„Das Münchnerische ist viel sanfter im Klang als etwa das Oberpfälzerische“

Der aus England stammende Rowley erforscht seit den 80er-Jahren die bayerischen Idiome. „Der Münchner Dialekt enthielt schon immer mehr Worte der Schriftsprache als anderswo – schließlich war ­München Residenzstadt“, erklärt der Germanistik-Professor. So heißt etwa die Tasse – ein aus dem Französischen stammendes Lehnwort – in München „Tass“, im Umland hingegen oft „Schoin“ oder „Schaial“ (von Schale).

Auch die Dialekte der Zugezogenen beeinflussten die heimische Mundart. „Sie haben dem Dialekt Härte genommen“, sagt Horst Münzinger. „Das Münchnerische ist viel sanfter im Klang als etwa das Oberpfälzerische.“

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Stetige Veränderung ist also normal in Sachen Dialekt. Aber mittlerweile geht es um die Existenz! „Viele Münchner sprechen heute schon in zweiter Generation überhaupt kein Bairisch mehr – dieser Abwärtstrend ist un­umkehrbar“, sagt Bernhard Stör voraus.

Bairisch-Kurse (siehe beispielsweise auch unten) sollen dem Negativ-Trend entgegenwirken. Horst Münzinger etwa lehrt an der Münchner Volkshochschule. „In einem meiner Kurse saß mal eine ­Japanerin, die unbedingt ­Bairisch lernen wollte, weil es ihr so gut gefiel.“ Den Dialekt wie eine Fremdsprache zu lernen, sei allerdings kaum möglich. Daher sein Appell an alle, die noch Dialekt können: „Sprecht wieder mehr Bairisch! Unsere uralte Kultursprache muss bewahrt werden!“

Auch die Zwergerl lernen Mundart

Erika Marschall (64) bringt Kindergartenkindern Bairisch bei. 

Als Erstes wird durchgezählt. „Oans, zwoa, drei, viere, fünfe!“, brüllen die Zwergerl im Chor. Die Kleinen sitzen gespannt auf der Bank im Mehrzweckraum. Heute wird wieder Bairisch gelernt! Ein Mal in der Woche hält die Münchnerin Erika Marschall (64) im Kindergarten St. Franz Xaver in Trudering einen Bairischkurs für die Kleinsten.

Und der Zulauf ist riesig: 22 Kinder sitzen hier jeden Donnerstag um 8 Uhr und lernen, dass es Semmel statt Brötchen heißt und gschmackig statt lecker. „Und wir haben jede Menge Anfragen – ich könnte locker einen zweiten Kurs aufmachen“, sagt Erika Marschall.

Mit Gedichten, selbst übersetzten Bilderbüchern und Mundart-Reimen hält die ehemalige Erzieherin in ihrer ehemaligen Arbeitsstätte den 30-minütigen Kurs. Heute wiederholt sie mit den Handpuppen Franz und Antonia – natürlich in Lederhosn und Dirndl gekleidet – die Vokabeln der letzten Woche: „Griaß di“, „Servus“ und „I bin a Madl.“ Dann hakeln sich die Kleinen unter und tanzen: „Mogst du mi, mog i di, danzma mitananda, du und i.“

Magdalena (6) ist begeistert: „Ich finde es toll, Bairisch zu lernen, dann kann ich mich mit den anderen Kindern auf Bairisch unterhalten.“ Jonas (5) hat schon ein Lieblingswort: „Oachkatzlschwoaf. Aber wir lernen so viel – manche Wörter vergesse ich wieder.“

Die Idee zu dem Kurs entstandt gemeinsam mit dem Förderverein Bairische Sprache und Dialekte e.V. „Unserem Dialekt geht es ja leider nicht gut – ich wollte etwas bewirken“, erklärt Erika Marschall. Kaum ein Kind in ihrer Gruppe spricht daheim Dialekt, aber die Kleinen sind mit Feuer­eifer dabei.

Zurzeit macht sogar ein Bub aus dem Iran mit, auch ein tunesisches Mädchen war schon da. „Unser Ziel ist: Die Kinder sollen Bairisch verstehen“, sagt Erika Marschall – und erzählt dann schmunzelnd noch die Episode ­eines aus Norddeutschland stammenden Vaters eines Kurskinds… Marschall: „Als der Vater ­eine Leberkassemmel kaufen wollte, bot ihm die Verkäuferin das Scheazl an. Er hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Diese Blamage wollte er seinem Sohn ersparen.“

„Frikadellen“ am Viktualienmarkt

Fleischpflanzerl, a Semmel und a Brezn! Das verlangt man in München, wenn einen der Hunger quält. Aber immer mehr Geschäfte in der Landeshauptstadt verkaufen ihre Schmankerl unter norddeutschen Bezeichnungen.

Sogar direkt im Herzen der Stadt: In der Weilheimer Landmetzgerei direkt am traditionsreichen Viktualienmarkt etwa stehen statt Fleischpflanzerl „Frikadellen“ auf der Tafel. „Hier kommen so viele Touristen vorbei, die würden Fleischpflanzerl einfach nicht verstehen“, sagt Verkäuferin Franziska Laumer. Sie findet es selbst schade – „aber die Frikadellen lassen sich einfach besser verkaufen.“

Vor allem deutschlandweite Ketten haben kein Bairisch im Angebot. Bei Edeka etwa liegen „Mehrkornbrötchen“ und „Chiabrötchen“ neben der Laugenbrezel in der Auslage. Bei Yormas am Hauptbahnhof gibt es sogar eine „Hähnchenschnitte mit Brötchen“ – da vergeht Dialektfreunden gleich der Appetit.

Touristenfreundlich: In der Weilheimer Landmetzgerei am Viktualienmarkt verkauft Franziska Laumer Frikadelle in der Semmel

Der Förderverein Bairische Sprache und Dialekte hat eine Broschüre herausgebracht. Sie soll Küchenchefs ermutigen, bairische Bezeichnungen zu verwenden – wie Reiberdatschi statt Kartoffelpuffer und Kraut­wickerl statt Kohlrouladen. „Trotz traditioneller weißblauer Tischdecken und Kellnern in Lederhosn zweifelt der Gast an der Echtheit, wenn die Speisekarte voll mit mittel- und norddeutschen Begriffen ist“, sagt der Vereinsvorsitzende Horst Münzinger.

Anders bei Wirt Ernst Sirtl: In seinem Wirtshaus Zum Haderecker in Olching ist die komplette Speisekarte auf Bairisch (siehe Auszug rechts) – hier stehen Schmankerl wie ein „bunta Blattsalod“ oder ein „ofafrischa Schweinsbrodn“. „Bei uns daheim wurde immer Bairisch gesprochen, wir sind in Bayern – warum sollte ich anders schreiben als ich rede?“, so der 64-Jährige.

Die Reaktionen der Gäste seien überwiegend ­positiv, sagt Sirtl, der das Wirtshaus mit ­seiner Frau Monika in dritter Generation ­betreibt. Neben der bairischen Version gibt’s die Speisekarte auch auf Englisch, an der chinesischen Ausgabe wird gerade ­gefeilt – kein Witz. Bislang hat noch jeder Gast etwas zum Essen gefunden, betont Sirtl: „Wer Hunger hat, kriegt die Bedeutung schon raus – und zur Not ist eben a bisserl Fantasie gefragt.“

Lesen Sie hier die anderen Folgen unserer Serie „Ist das noch unser München?“:

Christina Meyer und Judith Kohnle

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