Dramatische Schilderung

Nach 500 Metern in Lawine: Rucksack-Airbag rettet Münchner das Leben

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Liebt die Abenteuer-Fahrten durch unberührte Schneefelder: Maximilian Prechtel (rechts) mit Freund Chris Fuschelberger. Auch ihm hat der Airbag-Rucksack schon einmal das Leben gerettet.

Die Meldungen von Lawinenunglücken häufen sich. Maximilian Prechtel riss ein Schneebrett 500 Meter in die Tiefe. Er überlebte nur, weil er das Airbag-System in seinem Rucksack auslöste. Davor aber machte er einen Fehler, den er sich nicht erklären kann.

München – „Trifft’s jetzt mich? Mich, der fünf Lawinenschulungen im Jahr mitmacht. Der ein Tiefschnee-Gelände lesen kann und seit 26 Jahren Snowboard fährt. Der in den Bergen immer auf seinen Bauch hört. Eigentlich.“

Dieser Gedanke schießt Maximilian Prechtel in den Kopf, als er merkt, wie neben ihm riesige, betonharte Schneeschollen anfangen zu rutschen. Sekunden später hat er keine Zeit mehr zum Nachdenken. Es geht ums Überleben: den Kopf oben, die Beine vorne halten. Irgendwann hat er nur noch Schnee im Gesicht, kann kaum atmen. Und dann hört der Hang auf. Freier Fall.

Ein paar Wochen später: Maximilian Prechtel, 37 Jahre alt, lockiges Haar, sitzt in Jogginghose in seiner Münchner Küche und denkt zurück an das Unglück im Pitztal in Tirol. Auf dem Stuhl daneben liegt sein Knie, dick einbandagiert, gestützt von einer Schiene, die die Bewegung einschränkt. Aber irgendwie ist es nicht sein Knie – sondern eine Rekonstruktion. Kreuz-, Innen-, Außenbänder und der Meniskus: „Das Knie war komplett auseinandergerissen“, sagt Prechtel.

Die Bergung: Prechtel im Rettungshubschrauber. „Das Knie war auseinandergerissen“, erzählt er hinterher.

Nur das Knie: Das ist ein großes Glück, das er selbst kaum fassen kann. 500 Meter reißt die Lawine den Snowboarder in die Tiefe – mal schneller, mal langsamer. Etwa zwei Minuten, eine Ewigkeit. Er ist machtlos, panisch, der Natur ausgeliefert. „Ich war total vereinnahmt vom Schnee, aus der Lawine rauszufahren war unmöglich.“ Das sagt ein Mann, der an das Schicksal glaubt – daran, dass einem jedes einschneidende Erlebnis etwas sagen will.

Prechtels Lebensretter kann nicht reden. Er ist nicht einmal in der Wohnung, wo das Snowboard mit der abgerissenen Bindung an der Wand lehnt. Der Lebensretter ist schon wieder in den Bergen: Den Rucksack mit dem Airbag-System hat Prechtel einem Freund geliehen. Er ist sicher: „Ohne den Airbag wäre ich jetzt nicht mehr hier.“

An jenem Tag am Grubenkopf im Pitztal reagiert er schnell und richtig. Als er die Naturgewalt unter sich spürt, zieht er den Hebel an seiner Brust. In Sekundenschnelle blasen sich zwei große Luftkissen seitlich hinter ihm auf. Sie schützen den Sportler vor dem harten Untergrund und davor, verschüttet zu werden. Das Notfallsystem funktioniert, der 37-Jährige treibt auf der Oberfläche der Lawine. Durch die Luftkissen vergrößert sich das Volumen des Airbag-Trägers. Es ist wie wenn man eine Schale mit Nüssen kräftig schüttelt – die größeren schwimmen oben auf.

Prominenter Airbag-Träger: Ex-Skirennläufer Markus Wasmeier setzt auf das Notfallsystem.

Prechtel kennt sich aus mit seinem Spezial-Rucksack. Als Fotograf nimmt er regelmäßig an „Backcountry-Camps“ teil: Schneetouren abseits der Piste mit Bergführern, die auch über die Tücken von Lawinen informieren. Neben der Ausrüstung mit Sonde, Piepser und Schaufel wird dann der eine oder andere Luftkissen-Rucksack aufgeblasen. Der Münchner kennt mehrere Sportler, denen der Airbag ebenfalls das Leben gerettet hat. Die Realität, aber auch Tests mit Dummys zeigen, dass Lawinenopfer mit Airbags seltener verschüttet werden. Trotzdem sagt Prechtel: „Der Airbag ist keine Versicherung auf dem Rücken. Er ist nur ein Notfallsystem.“ Anfangs war er Gegner – „weil Ungeübte und Unerfahrene dazu verleitet werden, in gefährliches Gelände zu fahren“. Oder weil man selbst in einen Hang fährt, den man sich sonst vielleicht nicht zutrauen würde.

(Lesen Sie hier: Die Ski-Asse Dominik und Michael aus Oberbayern starben in der Lawine am Großglockner.)

Die Lawinengefahr war dieser Tage „erheblich“, Warnstufe drei herrschte auch in den Bayerischen Alpen. Zwei 26-jährige Skifahrer aus dem Raum Rosenheim starben am vergangenen Freitag in einer Lawine. Sie hatten das Schneebrett am Großglockner wohl selbst ausgelöst. Gewarnt war auch Prechtel vor seinem Unfall: „Ich wusste, dass es eine Schwachschicht gibt.“ Vom Winde verwehter Triebschnee, der sich leicht löst. „Ich hatte kein gutes Gefühl und wollte nur runter.“ Die Intuition, der er sonst folgt, ignorierte er im Pitztal. „Ich weiß bis heute nicht, warum ich da rein gefahren bin.“

Die Zehen kann er bewegen, seine Beine spürt er nicht

Irgendwann endet der Horror-Rutsch in der Lawine. Die Zehen kann Prechtel bewegen, seine Beine spürt er nicht. „Ich wollte auf keinen Fall spüren, was ich da gesehen habe“, schildert er die Situation: Sein linkes Bein liegt, im 80-Grad-Winkel verdreht, oben auf der Schneedecke. Das rechte ist bis zum Oberschenkel verschüttet. Alleine ausgraben? Unmöglich: „Der Schnee wird Beton“, sagt Prechtel. Jetzt heißt es warten. Der Kumpel, der oben zusehen musste, wie sein Freund dem Tod entgegenrast, hat den Rettungshubschrauber gerufen. Was folgt, kommt Prechtel heute vor wie im Zeitraffer: eine Menge Schmerzmittel, Krankentransport, Operation noch am gleichen Tag um Mitternacht.

Der Münchner ist froh, dass ein Freund die schnelle OP in Montafon dank Kontakten klarmachte. „Ab dann wusste ich: Jetzt wird alles gut.“ Überhaupt denkt er seit dem Unfall viel an seine Mitmenschen: „Mir ist klar geworden: Es gibt nichts Wichtigeres als Freunde und Familie.“ In der Küche sitzt ein Geläuterter: „Ich bin nicht mehr bewusst gefahren, sondern hab’ nur noch das nächste Highlight gejagt.“ Im nächsten Dass er im nächsten Winter wieder auf Split- und Snowboard stehen will, ist keine Frage. Die Frage ist nur wie: Das Schicksal habe ihn bremsen wollen, sagt er. „Und das darf man nicht ignorieren.“

Lesen Sie hier: Gibt es in diesem Winter eigentlich keinen Schnee mehr? 

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