Schwabing räumt auf

So sieht es in den Bomben-Wohnungen aus

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Hat seine Existenzgrundlage verloren: Ronny Kleiner in den Trümmern seines ausgebrannten Modeladens an der Feilitzschstraße.

München - Scherben, Dreck und Ruß: Die Sprengung der Schwabinger Bombe hat etliche Wohnungen verwüstet. Zwei Tage nach dem großen Knall wimmelt es im Viertel von Handwerkern. Ein Besuch im Haus direkt am Krater.

Jeder Schritt knirscht. Noleen Sniley, 37, braucht feste Schuhe, wenn sie durch ihre Wohnung geht – denn überall liegen Glasscherben. Die riesige Fensterfront im Wohnzimmer: kaputt. Die Balkontür: hinüber. Das Fenster im Schlafzimmer: zerbrochen. Mit einem Kehrblech in der Hand steht Noleen Sniley mitten im Chaos – und lächelt. „Ich bin ja froh, dass ich endlich rein durfte“, sagt sie. „Jetzt, wo man etwas tun kann, ist es nicht mehr so schlimm.“

Besuch nach der Bombe: So sieht's in den Wohnungen im Sperrgebiet aus

Besuch nach der Bombe: So sieht's aus im Sperrgebiet

Die gebürtige Irin wohnt im Hotel, seit am Dienstagabend in Schwabing eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gesprengt werden musste – direkt neben dem Haus, in dem Sniley mit ihrem Freund lebt. Wenn man von der Feilitzschstraße auf den Bombenkrater blickt, sieht man die verrußte Außenwand ihrer Wohnung. „Ich wohne seit zwei Jahren hier“, erzählt sie. „Und die ganze Zeit lag diese Bombe nur ein paar Meter entfernt. Das ist Wahnsinn.“

Die Feilitzschstraße bleibt vorerst Sperrgebiet - lesen Sie hier, warum!

Draußen auf der Straße wirkt es unterdessen, als hätten sich alle Handwerker der Stadt an der Feilitzschstraße versammelt. Glaser Maxi Schafhauser (20) schleppt eine Fensterscheibe zur Hausnummer 3. „Alle Fenster, die dort kaputt sind, werden von uns ersetzt“, sagt er. Auch Glasermeister Josef Winkler dürfte sich freuen, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt. In seinem Betrieb an der Schwabinger Ainmillerstraße steht das Telefon nicht still. „Die Leute brauchen reihenweise Notverglasungen“, sagt Mitarbeiter Franz Bräu. Auf normale Fensterscheiben müssten Kunden zwei Wochen warten, wer Türen ersetzen lassen muss, muss meist noch mehr Geduld aufbringen. „Sicherheitsglas anzufertigen dauert bis zu drei Wochen“, so Bräu. Moderne Isolierglasscheiben müssten in der Fabrik maßangefertigt werden, sagt Franz Geißdörfer, Obermeister der Glaserinnung Oberbayern-München. Notverglasungen seien meist noch am selben Tag möglich. Allerdings seien solche Scheiben nicht isoliert – und die Verklebung halte höchstens vier Wochen.

Noleen Sniley muss sich um solche Fragen nicht selbst kümmern, ihr Vermieter dreht seit dem Morgen seine Runden durchs Haus und schaut, wo es Schäden gibt. Seine Liste dürfte lang sein. In der Wohnung schlafen können Sniley und ihr Freund vorerst nicht. Im Moment zahlen sie das Hotel selbst – ob sie das Geld zurück bekommen, weiß sie noch nicht. „Um so etwas habe ich mich noch gar nicht gekümmert.“

Der Tag danach: Bilder aus Schwabing

Der Tag danach: Bilder aus Schwabing

Auch die anderen Bewohner des Hauses haben zunächst anderes zu tun. Dieser Donnerstag ist der erste Tag, an dem sie wirklich aufräumen dürfen. Thomas Wilhelm, 51, gönnt sich gerade eine Pause in seiner Stammkneipe. Die Explosion hat sein frisch renoviertes Bad beschädigt – Fliesen fielen herunter und schlugen das Waschbecken kaputt. Der Schwabinger bleibt gelassen. „Das reparier’ ich selbst.“ Seine Nachbarin hatte weniger Glück: Dort hat es gebrannt, immer noch steht der Löschschaum mehrere Zentimeter hoch auf dem Fußboden. Und die Bewohnerin konnte noch nicht einmal einen Blick darauf werfen: „Sie ist in Kroatien im Urlaub“, sagt Wilhelm. „Jetzt versucht sie natürlich, so schnell wie möglich herzukommen.“ Bei einem Blick durch den Türspalt möchte man ihr fast raten, noch etwas am sonnigen Strand zu bleiben.

Direkt unter der zerstörten Wohnung liegt – oder lag – der Laden von Ronny Kleiner. Hier verbrannte alles. Im Hinterhof stapelt sich Schutt, Kleiner und seine Helfer wühlen sich durch. Da bleibt wenig Zeit für Gespräche. „Sie sehen ja, wie es hier ausschaut“, sagt der Chef.

Ein Feuer in der Wohnung – das war auch Noleen Snileys größte Angst. Kurz nach der Sprengung sei es am schlimmsten gewesen, sagt sie. „Wir konnten sehen, wie es überall raucht und brennt. Ich habe nur gedacht: Oh mein Gott, ist das unsere Wohnung?“

Nein, war es nicht. Doch von ihrem Balkon aus kann die 37-Jährige das Gebäude sehen, in dem die Existenz ihres Nachbarn zu einem Haufen Schutt geworden ist. „Wenn ich das sehe“, sagt sie, „haben wir wirklich noch Glück gehabt.“

Ann-Kathrin Gerke und Caroline Wörmann

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