Blick in die kranke Seele: Wie Täter ticken

Mordversuche in Münchner Klinik: Das Psychogramm des Horror-Pflegers - Psychiatrie-Professor der LMU erklärt Hintergründe

Der Eingang des Neuro-Kopf-Zentrums am Uniklinikum rechts der Isar.
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Hinter der Fassade des Neuro-Kopf-Zentrums des Uniklinikums rechts der Isar trieb der Pfleger sein Unwesen

Nach dem Skandal um den Horror-Pfleger im Uniklinikum rechts der Isar sitzt der Schock tief – sowohl bei seinen Arbeitskollegen als auch bei vielen Patienten und ihren Angehörigen. Eine Frage beschäftigt viele: Was treibt einen Menschen dazu, so etwas zu tun? Ein Psychiatrie-Professor der Universität München liefert Antworten.

Erfahrener Psychiater: Professor Dr. Eckhart Rüther.
  • Ein 24-jähriger Pfleger sitzt wegen dreifachen versuchten Mordes in Untersuchungshaft.
  • Kollegen, Patienten und Angehörige sind fassungslos.
  • Der Münchner Psychiatrie-Professor Eckart Rüther erklärt, wie solche Täter ticken.

„Wurzeln der seelischen Störungen liegen in der Vergangenheit“

Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren: Wie berichtet, hatte ein 24-jähriger Pfleger auf einer Wachstation mindestens drei Mordversuche verübt. Er verabreichte schwer kranken Patienten eine potenziell tödliche Medikamentendosis. Nach Ermittlungen der Münchner Mordkommission wollte er sie offenbar reanimieren und damit vor seinen Kollegen prahlen. Kein Einzelfall, schon öfter haben psychisch kranke Pflegekräfte für Entsetzen gesorgt. Erst im Oktober ist ein Hilfspfleger zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil er mindestens sechs Menschen mit einer Überdosis Insulin ermordet hatte. Im Uniklinikum Großhadern war eine Hebamme enttarnt und 2016 zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Sie hatte Hochschwangeren blutverdünnende Medikamente verabreicht. Wie ticken solche Täter? „Viele haben eine tiefgreifende seelische Störung, die Wurzeln in ihrer eigenen Vergangenheit hat“, sagt Professor Dr. Eckhart Rüther. Hier erklärt der erfahrene Münchner Psychiatrie-Professsor, ehemaliger Direktor des Instituts für Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), die Hintergründe.

„Sie wollen Herr über Leben und Tod sein“

Die Beweggründe: „In sehr vielen Fällen handeln solchen Täter nach einem ähnlichen Muster. Sie wollen solche Herr über Leben und Tod sein“, sagt Ruether, der heute unter anderem Lehrbeauftragter für Schlafmedizin an der LMU ist. „Das ist aus der Sicht vieler Täter das Größte, das sie erreichen können. Und wenn sie es geschafft haben, dann zeigt sie es denjenigen, die sie dafür bewundern sollen.“

„Wenn ihr Plan nicht aufgeht, werden sie aggressiver“

Die Hintergründe: Oftmals haben die Täter während ihrer Kindheit und bis in junge Erwachsenenalter hinein zu wenig Anerkennung von jenen Menschen bekommen, die sie für sich selbst am Wichtigsten halten. „Die Täter waren einem hohen Anspruch ausgesetzt – oftmals durch ihre Eltern. Diesem konnten sie nicht gerecht werden. Das versuchen sie durch ihre Taten zu kompensieren – beispielsweise eben dadurch, indem sie bei der Reanimation von Menschen glänzen und dafür Respekt ernten“, so Rüther. „Wenn die Täter merken, dass dieser Plan nicht aufgeht, dann handeln sie mitunter noch aggressiver. Oft werden sie dann unvorsichtiger, weil sie ihr Ziel um jeden Preis erreichen wollen. Sie sind süchtig nach der Anerkennung, die ihnen früher in der subjektiven Wahrnung verwehrt wurde.“

„Gehirn schaltet das Unrechtsbewusstsein aus“

Das fehlende Unrechtsbewusstsein: „Es kommt gar nicht so selten vor, dass solche psychisch schwerkranken Menschen ihre Straftaten gar nicht als Unrecht empfinden. Ihr Gehirn schaltet sozusagen das Unrechtsbewusstsein aus, es übt Handlungsdruck aus, dem alles untergeordnet wird“, erklärt der Psychiater.

Chance auf erfolgreiche Therapie ist gering

Die schwierige Therapie: In der Seele dieser Menschen tun sich oft Abgründe auf. Die Chance, sie erfolgreich zu behandeln, sind nach Einschötzung von Prof. Rüther gering. „Das ist sehr schwer, eigentlich nahezu unmöglich. Es dauert lange, bis sich im Gehirn Dinge verändern, die sich ein Leben lang eingebrannt haben.“

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