Im Interview

Nach Eklat im Michaelibad: Schwimmmeister Kratzenberg über den Alltag in unseren Freibädern

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Robert Kratzenberg ist quasi Bayerns oberster Schwimmmeister. Im Schyrenbad erzählt der 52-Jährige von seinen Erfahrungen und darüber, wie sich die Gepflogenheiten im Bad verändert haben.

„Extreme sind Zeichen unserer Zeit“, sagt Robert Kratzenberg, Vorsitzender des Landesverbandes Bayern der Deutschen Schwimmmeister. Und erklärt damit Vorfälle wie etwa die Krawalle im Michaelibad.

Morgens um 8 ist die Welt noch in Ordnung – da treffen wir den Vorsitzenden des Landesverbandes Bayern der Deutschen Schwimmmeister e.V., Robert Kratzenberg (52). Der hat zwar „erst“ mit neun das Schwimmen begonnen, aber seitdem hat ihn das Wasser nicht mehr losgelassen. Der gebürtige Buxtehuder (Niedersachsen) war bei der Marine, studierte Architektur und war nebenbei Schwimmmeisterhelfer, danach Schwimmtrainer, Rettungsschwimmer, Fachangestellter für Bäderbetriebe, Geschäftsführer der Badeplus GmbH in München und Geschäftsführer des Naturerlebnisbads im Kemnather Land – nur einige Beispiele eines bewegten Lebens. Was der Wahlmünchner zu den jüngsten Ausschreitungen in Bädern oder zu Gratis-Eintritten für U-18-Jährige in SWM-Freibädern sagt.

Herr Kratzenberg, Krawalle im Michaelibad, Polizeieinsatz in Düsseldorf, Schwimmmeister schlagen Alarm – wird unsere Gesellschaft immer roher?

Ich sehe das überhaupt nicht so, im Gegenteil: Der Soziologe Norbert Elias hat mal gesagt, wir werden immer gewaltfreier und sozialverträglicher. Heutzutage leben viele vegan oder vegetarisch, es gibt Brudereier (männliche Küken werden nicht mehr geschreddert, sondern leben und werden durch den Eierpreis finanziert, d. Red.) – da gibt es unzählige Beispiele, die nicht zu dem passen, was da jüngst passiert ist.

Warum passiert es trotzdem?

Ich glaube, solche Extreme hängen mit der heutigen Zeit zusammen. Wir verbringen einen Großteil vor Rechnern, TV, iPad, PlayStations. Das führt meiner Meinung nach dazu, dass man weniger glücklich auf die Straße hinausgeht. Wenn man dann auf einen Menschen trifft, der auch gerade aus der virtuellen Welt kommt, kann es schon mal krachen. Aber der Punkt zu einer handfesten körperlichen Auseinandersetzung ist da noch lange nicht erreicht. Ob man ein bisserl Platzhirsch-Gehabe macht, weil jemand auf das Handtuch steigt – schrecken Sie mal einen brütenden Vogel auf, das ist genau dasselbe –, oder die Fäuste fliegen, ist ein weiter Weg.

„Ältere Menschen wollen Ruhe“

Woher kommt’s zu immer mehr Beschwerden Älterer gegenüber den jungen Besuchern?

Während der ganz großen Hitze waren hier im Schyrenbad sicher 5000 Leute, und es ist nicht viel passiert. Zwei Rempeleien, zwei Insektenstiche. Was stimmt: Ältere Menschen haben ein größeres Bedürfnis nach Distanz und wollen Ruhe. Dazu sind sie nicht mehr so reaktionsschnell. Wenn also ein Ball auf sie zufliegt, haben sie vielleicht mehr Angst, als wenn ein Ball in eine Gruppe junger Leute knallt. Wir leben zudem in einer Gesellschaft, die immer älter wird. Die Senioren sind mehr da und immer da – wenn die auf eine Gruppe Junger treffen, die vielleicht noch ihre Musik spielt, die die Alten nicht hören wollen, dann ist der Konflikt zweier Lebenskulturen vorprogrammiert.

Aber eine organisierte Massenprügelei wie im Michaelibad gab es früher nicht, oder?

Was allerdings daran liegt, dass es über Facebook heutzutage möglich ist, ruck, zuck einen Flashmob zu organisieren. Ich erinnere mich, als ich in den 90ern Student und nebenbei Schwimmmeisterhelfer im Ricklinger Bad Hannover war. Da gab es auch einen organisierten Krawall zwischen jungen Nazis und Ausländern. Die Nazis waren grundsätzlich in der Überzahl – außer ein Mal, am letzten Öffnungstag. Da hatten die Ausländer einige Kumpels mit dabei, und dann drehte sich das Verhältnis um.

„Ich war so perplex, dass ich nicht reagiert habe“

Was war denn Ihre schlimmste Erfahrung im Berufsleben?

Da gab es zwei. Zum einen meinen ersten Tag in München als Bademeister, als mir ein Mann im Vorbeigehen an die Hoden griff. Ich war so perplex, dass ich nicht reagiert habe. Heute weiß ich’s besser und würde ihn anzeigen. Und dann ein zweijähriger Bub, der im Westbad drei Stunden lang ohne Betreuung war. Als endlich die älteren Geschwister auftauchten, schimpften sie den Kleinen: „Wir haben doch gesagt, du sollst nicht weglaufen!“ Ich wollte die Polizei rufen und später die Älteren anzeigen, aber der Betriebsleiter grätschte dazwischen. Heute würde ich mich durchsetzen, da bin ich mir sicher. Grundsätzlich gilt für mich: Wenn man weiß, dass man aus einer Situation das Beste gemacht hat, dann bleibt auch nichts hängen.

Was halten Sie von der SWM-Aktion, Leute unter 18 gratis ins Freibad zu lassen?

Das wird von den Landkreisen kritisch gesehen. Ich glaube, die SWM verfolgen eine langfristige Strategie: jetzt kostenlos reinlassen und dann 50 Jahre lang abkassieren. Oder 70, wir werden ja immer älter. Das ist eine schöne Einstiegsdroge, wie etwa ein billiger Handyvertrag. Ich würde es genauso machen.

Wie angesagt ist denn das Schwimmen?

Ich erinnere mich an eine riesige Welle vor einigen Jahren, als Schwimmen ein Stück Willkommenskultur für Geflüchtete war. Damals haben sehr viele sehr schnell schwimmen gelernt, weil sie jung und fit waren. Das ist ein bisschen zurückgegangen, vielleicht spielen heute andere Aspekte eine größere Rolle – das Deutsch verfeinern, den Arbeitsmarkt sondieren etwa. Oder der zweiten Generation das Schwimmen beibringen, auch wenn man es selbst noch nicht so ganz perfekt kann.

Löst das ein mulmiges Gefühl aus?

Ein bisschen unheimlich ist das schon. Aber diese Gruppen helfen sich blitzschnell aus, wenn einer unters Wasser gerät. Und ich bleibe trocken und brauche nicht zehn Minuten weg sein, um mich umzuziehen.

Mehr zum Thema: Kein Platz am Wasser: Münchens Bäder platzen aus allen Nähten

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