Nach fieser Abzocke: Der Schlüsseldienst-Test

+
Viele Schlüsseldienste nutzen die Not derer aus, die sich aus ihrem Haus oder ihrer Wohnung ausgesperrt haben.

München - Immer wieder nutzen Schlüsseldienste die Notlage von Menschen aus. Am Sonntag wurde Karl R. (74) für das Öffnen einer einfachen WC-Tür der horrende Preis von 337,84 Euro verrechnet.

Lesen Sie auch:

Schlüsseldienst zockt Opa ab

Schlüsseldienst München Guide

Doch wieviel darf der Einsatz des Schlüsseldienstes im Normalfall kosten? Wir testeten die Preise von zehn Dienstleistern in München: Obwohl alle die gleiche Arbeit verrichten sollten – eine zugezogene Tür zu öffnen – war die Preisspanne der Angebote immens. Allein der Normaltarif für den Einsatz an einem Werktag schwankt zwischen 50 und 130 Euro – tagsüber wohlgemerkt. Muss der Schlüsseldienst in der Nacht kommen, sind dicke Zuschläge fällig. Auch seriöse Unternehmen verlangen für nächtliche Einsätze bis zu 100 Prozent höhere Preise. Beim billigsten Schlüsseldienst kostet das Öffnen einer Tür in der Nacht inklusive Anfahrt 75 Euro. Mehr als doppelt so hoch ist das teuerste Angebot: 155 Euro – ein stolzer Preis für wenige Minuten Arbeit.

Warum der nächtliche Notfalldienst so teuer ist, das verrät ein Schlüsseldienst-Mitarbeiter: „Wir sind die ganze Nacht in Bereitschaft, auch wenn es nur wenige Aufträge gibt. Sonst müssten die Kunden zu lange warten. Letztendlich sind diese Leerlaufzeiten im Preis mit inbegriffen.“

Hinter dieser Tür war Tabea (2 Jahre alt) gefangen. Ihr Großvater Karl R. (74) ließ in seiner Not einen Schlüsseldienst kommen. Doch statt der vereinbarten 100 Euro verlangte der Notdienst satte 337,84 Euro.

Richtig teuer wird’s allerdings, wenn man an einen der zahlreichen Abzocker gerät: Deren Masche ist oft die gleiche: Sie machen am Telefon ein relativ günstiges Angebot. Vor Ort wird dann ein horrender Nachtzuschlag aufgerechnet, von dem zuvor nie die Rede war. Statt des vereinbarten Preises steht plötzlich der doppelte, oft sogar dreifache Betrag auf der Rechnung. Viele Kunden zahlen aus Angst. Denn wer will schon die Nacht in der Kälte verbringen? Auch für einen Einsatz am Wochenende oder an Feiertagen müssen Zuschläge von bis zu 150 Prozent in Kauf genommen werden. Die Preisspanne liegt zwischen 89 und 180 Euro.

Wer einem Abzocker auf den Leim geht, der kann aber noch deutlich mehr blechen. In dem Fall bleibt meist nur der Rechtsweg oder eine Anzeige bei der Polizei. So war es auch im Fall von Karl R., dessen Enkelin (2) sich im WC einegeschlossen hatte.

Christoph Lang/Nathalie Euler

189 Euro für Sekunden

Heinz A. (56) hat nur ein paar Minuten nicht aufgepasst und schon ist es zu spät: Die Tür fällt ins Schloss und er steht draußen. Auch mit einem zweiten Hausschlüssel lässt sich nichts machen, denn der Schlüssel steckt innen – ein Notdienst muss her.

Der lässt aber erst mal auf sich warten: „Wir haben den Schlüsseldienst um 16.50 Uhr angerufen und uns wurde versichert, dass er in einer halben Stunde hier wäre“, erzählt Heinz A. Als der Mitarbeiter des Schlüsseldienstes letztendlich auftaucht, ist es bereits nach 18 Uhr – zusätzlich zu den normalen Kosten des Einsatzes wird jetzt eine Nachtpauschale fällig. „Das Öffnen der Tür hat dann nur ein paar Sekunden gedauert“, erinnert sich der 56-Jährige. Umso mehr überrascht es ihn, dass der Mitarbeiter des Schlüsseldienstes 186 Euro in Rechnung stellt. „Der Betrag wurde mir zwar schon zuvor mitgeteilt, aber so viel Geld steht in keinem Verhältnis zur geleisteten Arbeit.“

Als Heinz A. sich weigert den Betrag sofort bar zu begleichen, wird der Mitarbeiter des Schlüsseldienstes ausfällig: „Er hat angefangen mich als Idiot zu beschimpfen und mit der Polizei und einer Klage gedroht. Ich habe mich aber nicht einschüchtern lassen und der Mitarbeiter ist ohne Geld abgezogen.“

Nach telefonischer Rücksprache mit dem Chef der Schlüsselfirma erklärte sich dieser bereit, den Rechnungsbetrag auf eine „reelle Summe“ zu reduzieren.

Am besten ist immer eine fixe Pauschale

Wenn’s um Handwerkerrechnungen geht, gibt es besonders bei zwei Punkten oftmals Ärger: Bei Anfahrtskosten und Wochenendzuschlägen.

Deswegen raten Handwerkskammer und Verbraucherzentrale hier eins: Immer vorher eine fixe Pauschale vereinbaren!

Rein rechtlich gilt nämlich: Sowohl Anfahrtskosten als auch Wochenendzuschlag dürfen in Rechnung gestellt werden. Aber wie hoch dürfen diese sein? Bei den Fahrtkosten muss unterschieden werden, ob zwischen dem Kunden und dem Betrieb vorher (also bei Vertragsabschluss) eine Vereinbarung hierüber getroffen wurde.

Für den Fall der vorherigen Vereinbarung haben sich einige Abrechnungsmethoden durchgesetzt: die Einheitspauschale je Auftrag (oftmals zwischen 30 und 40 Euro), die Pauschale nach Entfernungszonen und die schlichte Kilometerpauschale. Ist vorab keine Vereinbarung über die Anfahrtskosten getroffen worden, darf der Betrieb die Anfahrt dennoch in Rechnung stellen – muss aber die Fahrzeit detailliert aufführen. So ist es gesetzlich vorgeschrieben. Also: keine irren „Blankoverträge“ eingehen.

Das gilt auch, wenn es um die sogenannten Wochenendzuschläge geht: Auch diesen zu verlangen, ist gesetzlich betrachtet legitim – so manches Unternehmen rechnet hier aber richtig deftig ab. Die Handwerkskammer selbst nennt daher einen Zuschlag von 50 bis 70 Prozent der Arbeitskosten als angemessen. Alles drüber ist grenzwertig. Die wichtigsten Tipps für alle, die einen Notdienst brauchen sind also: Den fixen Preis (alles inklusive!) immer vorher vereinbaren und am besten auch einen einen Innungs-Betrieb anrufen.

Auch interessant

Meistgelesen

Party-Ärger an der Isar: Anwohner dokumentiert seine schlaflose Nacht
Party-Ärger an der Isar: Anwohner dokumentiert seine schlaflose Nacht
Mann packt vor 30-Jähriger in Bus sein Geschlechtsteil aus - dann wird es gruselig
Mann packt vor 30-Jähriger in Bus sein Geschlechtsteil aus - dann wird es gruselig
Schwerer Unfall am Königsplatz: Mann mit Beinen unter Bus eingeklemmt
Schwerer Unfall am Königsplatz: Mann mit Beinen unter Bus eingeklemmt
Schluss mit Sommerzeit? Das sagen Münchner zur EU-Umfrage
Schluss mit Sommerzeit? Das sagen Münchner zur EU-Umfrage

Kommentare