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20 Jahre nach dem Freitod des Mannes: Das Leben einer Witwe

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Sieglinde K. weiß heute, dass es auf das „Warum“ keine Antwort gibt. © Kruse

München - Drei Wochen nach dem Freitod des Torhüters Robert Enke sind die Gedanken von Sieglinde K. bei Teresa Enke. Beide Frauen verbindet ein Schicksal: Ihre Männer nahmen sich das Leben.

Sieglinde K. erzählt 20 Jahre nach der Tragödie, wie sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen hat.

Wie es Teresa Enke knapp drei Wochen nach dem Freitod ihres Mannes wohl geht? Verzweifelt sie? Hat sie das Gefühl, dass ihr Mann jeden Moment um die Ecke kommt? Die Münchnerin Sieglinde K. (57) ist in Gedanken bei der Witwe des Fußballers Robert Enke. Sie trauert mit ihr – und trauert noch einmal um ihren Mann Hans, der sich vor 20 Jahren das Leben nahm.

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Sieglinde K. hat all das durchstehen müssen, was Teresa Enke noch bevorsteht. Die Frauen teilen ihr Schicksal mit ungezählten Hinterbliebenen von Menschen, die sich das Leben genommen haben. Für das Jahr 2007 weist die Suizidstatistik 9402 Tote in Deutschland aus. Fast 10 000 Schicksale – mit zehntausenden trauernden Partnern, Kindern, Angehörigen. Der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zufolge stehen 90 Prozent der Suizide im Zusammenhang mit einer Depression.

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Auch Sieglindes Mann Hans litt daran. Vor 20 Jahren, als der 36-jährige Familienvater sich das Leben nahm, war die Suizidrate fast doppelt so hoch wie jetzt. Als Grund für die sinkende Zahl nennen Experten die bessere ärztliche Versorgung bei psychischen Erkrankungen und dass Depressionen längst nicht mehr so tabuisiert werden wie noch in den 80er Jahren. Für Sieglindes Mann kam diese Entwicklung zu spät. Auch Robert Enke konnten die Psychologen nicht helfen. Sein Freitod hat bei der 57-jährigen Münchnerin alte Wunden wieder aufgerissen. In der tz erzählt sie, wie sie lernte weiterzuleben als Witwe eines Selbstmörders:

Zehn Jahre ist Sieglinde jeden Tag ans Grab gegangen. Wütend, traurig, verzweifelt. Hat mit ihrem toten Mann gesprochen, geschimpft, gehadert. Warum, Hans? Hans ist Polizeiobermeister in Augsburg. Sieglinde und er lernen sich mit 19 kennen, verlieben sich, heiraten. Alles ist gut. Die Töchter Daniela und Stefanie sind im April 1989 15 und 12 Jahre alt. Ihr Papa leidet damals seit fünf Jahren an Depressionen.

Der Polizist wird in den Innendienst versetzt, ist immer wieder in Behandlung, soll kurz vor seinem Suizid in eine psychosomatische Klinik. Aber Hans will nicht. „Ich bin doch nicht verrückt!“ Seine Frau erzählt: „Ich habe damals gar nicht gewusst, was Depressionen sind. Das war ein Tabuthema. Selbst nach Hans’ Selbstmord wollte das Wort keiner aussprechen.“ Auch Hans spricht es nicht aus. Spricht nichts aus, was mit seinen Gefühlen, seinen Ängsten zu tun hat. „Er hat sich zurückgezogen. Hat morgens minutenlang stumm in seiner Kaffeetasse gerührt. Manchmal war er aggressiv, hat mit den Kindern geschimpft.“

Am 23. April 1989, einem Samstag, will Hans frühmorgens in den Schrebergarten. Zum Mittagessen will er wieder daheim sein. Aber er kommt nicht. Sieglinde sucht ihn, sie bekommt Angst. Seine Kollegen bei der Polizei sagen, sie können erst nach 24 Stunden eine Vermisstenmeldung aufgeben.

So stark ist Teresa Enke

Am Sonntagmorgen geht die Suche los. Mit ihrem Bruder fährt Sieglinde alle Orte ab, an denen sie Hans vermutet. Keine Spur von ihrem Mann. Sieglinde fährt nach Hause. Die Mädchen sind bei Bekannten. Es klingelt an der Tür. Expresspost, an einem Sonntag. „Das waren die Abschiedsbriefe. Einer für mich, einer für Daniela und Stefanie.“ Vorbei. Zu spät. Alles ist aus. Auf dem Parkplatz vor der Sportanlage Süd in Augsburg wird Hans tot in seinem Auto gefunden. Er hat sich mit seiner Dienstwaffe erschossen. Sieglinde wird in diesem Augenblick auf der Polizeiinspektion befragt. Sie erfährt es dort.

„Liebe Sieglinde, ich liebe dich, Daniela und Stefanie. Bitte verzeiht mir. Wenn es ein Leben nach dem Tod gibt denke ich fortwährend an euch. In Liebe, Hans.“ Der Abschiedsbrief ist alles, was Sieglinde bleibt von ihrem Mann. Die damals 36-Jährige ist zu jung für die Witwenrente, sie wird erst ab dem 45. Lebensjahr fällig. Die Lebensversicherung zahlt bei Freitod nicht. „Ich habe mir einen Job gesucht und einfach funktioniert. Ich wollte, dass es den Mädchen an nichts fehlt – wenn ihnen schon der Papa genommen wurde.“

Die Karriere von Robert Enke in Bildern

Jahrelang quält sich Sieglinde mit zermürbenden Fragen: „Hätte ich es verhindern können? Hätte ich ihm helfen können? Was habe ich falsch gemacht?“ Von allen Seiten bekommt sie Vorwürfe. Die Polizei vermutet Eheprobleme, will alles ganz genau wissen. „Wir haben eine gute Ehe geführt. Wir wollten miteinander alt werden. Dass Depressionen keine äußeren Ursachen haben müssen, konnte sich damals keiner vorstellen.“

Sieglinde erlebt das erste Jahr nach Hans’ Suizid wie einen Film. „Ich war unbeteiligt wie ein Zuschauer, obwohl ich ja selbst die Hauptrolle gespielt habe.“ Sie kann nicht fassen, dass das jetzt ihr Leben ist: Ein Leben als Witwe, weil der geliebte Mann den Tod gesucht hat. „Ich habe es einfach nicht geglaubt. Den Tod kann man nicht begreifen. Ich habe für ihn mitgekocht. Habe ihn sprechen gehört. Habe gedacht, jetzt kommt er gleich pfeifend um die Ecke.“ Im nächsten Moment dringt ins Bewusstsein: Er kommt nicht mehr. In die Trauer mischt sich Wut: „Warum hast du dich aus dem Staub gemacht? Warum? Mir geht es auch oft schlecht, manchmal könnte ich mich aufhängen! Aber ich tu’s nicht! Ich bringe mich nicht um!“ Sieglinde lebt weiter. Ihr Lebenswille größer als der ihres Mannes. Die erste Beziehung, die sie nach Hans’ Tod eingeht, scheitert. „Ich habe mich genauso verlassen gefühlt wie damals und bin wieder in dasselbe tiefe Loch gefallen.“

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Da war die Welt noch in Ordnung: Das Ehepaar mit seinen kleinen Töchtern Daniela (rechts) und Stefanie. Dann überschattet die Depression das Familienleben. © Kruse

Schließlich hat sie doch Glück, lernt ihren jetzigen Mann Josef kennen, zieht nach München, heiratet 2002. Sieglinde hat den Selbstmord ihrer ersten Liebe verwunden. Doch mit dem Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke holt sie die Vergangenheit ein. „Als ob es gestern gewesen wäre.“ Sieglinde blättert in den alten Unterlagen. Im Verhör der Polizei, in den Abschiedsbriefen, in der Trauerrede. „Warum hat er sein Leben beendet und ist in den Tod gegangen. Was hat ihm den Lebensmut geraubt“, hat der Pfarrer damals gefragt. Heute muss Sieglinde solche Fragen nicht mehr stellen. Sie weiß, dass es auf das Warum keine Antwort gibt. „Im Nachhinein kann ich sagen: Erst, als ich nicht mehr nach dem Warum gefragt habe, hatte ich es verkraftet.“ Sieglinde hofft, dass es auch Teresa Enke eines Tages so gehen wird. Dass die quälenden Fragen aufhören, dass Trauer und Wut Platz machen für den Augenblick, in dem sie wieder aufrecht steht, mit festem Blick, und sagen kann: „Ja, ich bin Witwe. Mein Mann hat sich umgebracht. Ich lebe weiter, ich schaffe es.“

Simone Herzner

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