Christkindtram: Nach der letzten Fahrt läuft AC/DC

+
Klaus-Peter Malchow steuert die Christkindltram durchs adventliche München. Die Elchmütze trägt er zur Gaudi.

München - Die Christkindtram ist inzwischen eine feste Einrichtung in München. Klaus-Peter Malchow ist nicht nur der Fahrer, er hatte auch vor 15 Jahren die Idee dafür. Nach der letzten Fahrt läuft AC/DC.

In der Müllerstraße, gleich nach Fahrtbeginn, hat George Michael erst mal ausgesülzt. Kein Last Christmas-Gedudel mehr, stattdessen brummt jetzt das Organ des Trambahnfahrers aus den Boxen. „Griass eich, liebe Leit, mir san in der Christkindltram, die Fahrt dauert dreissg Minutn, wenns bläd lafft, aa a hoibe Stund.“ Die japanischen Touristen verstehen Bahnhof, aber weil der Japaner ein höflicher Mensch ist, lachen sie trotzdem.

Die Fahrgäste haben in der Hand Glühwein, der Fahrer auf dem Kopf eine Mütze mit Elchgeweih. Auf dem Namensschild des Fahrers steht „Opa Hoppenstedt“. Das ist aber nur Gaudi. Der Fahrer heißt Klaus-Peter Malchow und ist derjenige, der später, nach Fahrtende bei einer Zigarette am Sendlinger Tor, über die besinnliche Beschallung sagen wird: „Daheim hör’ ich sowas ned, diese verlogen schwülstige Weihnachtsmusik.“

Daheim hört der 47-Jährige lieber Heavy-Metal, wo die Elchmütze hinten aufhört, gehen die grauen Haare noch lange weiter. Aber warum fährt er dann ausgerechnet er die Christkindltram? Und warum kam gerade einem wie ihm vor 15 Jahren die Idee zu dieser Advents-Straßenbahn? „Mei“, sagt er, „des is die Dualität des Menschen.“

25 Jahre ist er schon Trambahnfahrer, seit 15 Jahren Trambahnoberfahrer. Damals gab es so eine Beförderung noch. Gefahren ist er so an die 650 000 Kilometer, mehr als 16 Mal um die Erde. Ein überschaubarer Kosmos zwischen St.-Veit-Straße und Pasing, Moosach und Grünwald. Und trotzdem sagt er, macht’s ihm jeden Tag eine Riesenfreud’. „Deswegen, weil ich mit den Leuten red, weil ich mich auf sie einlass‘.“ Immer anders, je nach Stimmung der Fahrgäste.

Neulich war die Laune mies, auf der neuen Linie raus nach Emmeram. In der Stadt gab es einen Autounfall, natürlich wieder auf dem Tramgleis. Die 16er fuhr einen Riesenumweg, und als Malchow in den Effnerplatz einfuhr, bei nasskaltem Regenwetter, da wusste er schon an den Gesichtern der wartenden Menge um die Gemütslage. Also nahm er erst einmal die Luft aus den dicken Hälsen der zugestiegenen Fahrgäste und sagte über Bordfunk: „Wenn ich bei dem Sauwetter 40 Minuten hätt’ rumstehen müssen, dann wär’ ich auch grantig. I konn nix dafür, aba i vasteh eich.“ Schon war die Stimmung besser, fast wie in der Christkindltram, fehlte nur noch Lebkuchen und Glühwein.

Die Christkindltram gab es seit 1985 schon in Augsburg, und da dachte sich Malchow vor 15 Jahren: Warum nicht auch in München? Trotz seiner Abneigung gegen den Weihnachtswahn. „Ich kann damit einfach nix anfangen“, sagt er. Als Kind daheim habe es immer Streit gegeben an den Feiertagen. Und der bedingungslose Konsumrausch ist für ihn wie ein Stein im Gleisbett: ziemlicher Schotter.

Aber er merkte, dass es gut ankommt, die Tram als Plattform, um die Leute zu unterhalten. Und genau das mag er ja, und dafür nimmt er als Schwermetaller auch Jose Feliciano und George Michael in Kauf bei seiner Rundtour. Ab Sendlinger Tor über Isartor, Max-II-Denkmal, wieder Richtung Stadt über die Maximilianstraße. Zurück zum Start, ruckelnd.

Natürlich ruckelt sie, quietscht und knarzt, die Christkindl­tram ist noch eines dieser dickbäuchigen Ungetüme aus den 60ern, Baureihe P, ein Stück altes München. Gemächlich, behäbig, in sich ruhend, mit sich, der Welt und dem Liniennetz im Reinen. Aber die meisten sind längst auf dem Abstellgleis, es gibt nur noch vier Triebwägen, sonst surren jetzt forsche Niederflurzüge über die Gleise. Smart, schnittig, stromlinienförmig. Jeder Generation die Trambahn, die sie verdient.

Malchow sagt, diese alten Wägen hätten noch eine Seele gehabt, und die Seele fürs Trambahnfahren, die hat auch er. „Ich möcht’ nie mehr was anderes machen.“ Allein schon wegen des Beglücktwerdens in manchen Momenten. Im Sommer etwa, morgens zwischen 5 und 6, in der Wiener Straße runter Richtung Ludwigsbrücke, mit dem Sonnenaufgang im Buckel. „Wenn ich dann auf den Turm vom Deutschen Museum zufahr’ und seh, wie der beleuchtet ist, das sind Hochgefühle.“

Kurz bevor die letzte Tour des Tages zu Ende ist plärrt Freddie Mercury schmalzig sein Thank God it’s Christmas durch die Tram. Dann fährt Klaus-Peter Malchow zurück ins Depot. Ein Augenzwinkern zum Abschied. Und wie die Rücklichter in der Müllerstraße verschwinden, kann man sich vorstellen, wie er jetzt vielleicht seine Musik in den CD-Spieler hinter dem Führerstand legt, auf den gut zehn Minuten über Isartor durchs heimische Haidhausen und raus nach Steinhausen. Vielleicht eines seiner Lieblingslieder. AC/DC. Hells Bells. Süßer die Höllenglocken nie klingen.

tz

Auch interessant

Meistgelesen

S-Bahn: Verkehrslage auf Stammstrecke normalisiert sich wieder
S-Bahn: Verkehrslage auf Stammstrecke normalisiert sich wieder
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Münchens größte Werkstadt: Das neue Viertel hinterm Ostbahnhof 
Münchens größte Werkstadt: Das neue Viertel hinterm Ostbahnhof 
Entmietung! Es ist derselbe Bauherr, der denkmalgeschütztes Haus abreißen ließ
Entmietung! Es ist derselbe Bauherr, der denkmalgeschütztes Haus abreißen ließ

Kommentare