Der nächste große Knall in Giesing

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Der „Krater-Edi“ bei der Arbeit. Sprengmeister Reisch bereitet die Sprengung des Schornsteins vor.

München - Um Punkt 14 Uhr knallt es heute: Ein 55 Meter hoher Schornstein an der Tegernseer Landstraße wird dem Erdboden gleichgemacht. Ganz so spektakulär wie die Sprengung des Agfa-Hochhauses 2008 wird es zwar nicht - Sprengmeister Eduard Reisch muss aber trotzdem höllisch aufpassen.

15 000 Zuschauer wollten sie sich 2008 nicht entgehen lassen, die spektakulärste Sprengung in München seit langer Zeit: Das Agfa-Hochhaus wurde damals zum Einsturz gebracht, und Sprengmeister Eduard Reisch - auch „Krater-Edi“ genannt - war der Held der Stunde. Jetzt hat der 50-Jährige aus Apfeldorf bei Schongau einen neuen Auftrag in München: Heute um 14 Uhr macht er den Schornstein des ehemaligen Agfa-Geländes zu Bauschutt, damit dort ein neues Wohngebiet entstehen kann.

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„Deutschlands bekanntester Sprengmeister“ - wie Reisch oft betitelt wird - freut sich diebisch auf diesen Moment. „Ich hab’ schon mit fünf die ersten Sprengungen geleitet“, scherzte er gestern gut gelaunt bei den Vorbereitungsarbeiten. Damals habe er freilich mit kleinen Feuerwerkskörpern hantiert. „Das Sprengen ist meine ausgeprägte Leidenschaft.“

Diesmal wird es aber nicht ganz so spektakulär wie bei der Hochhaus-Sprengung 2008, gibt er zu: „Das war damals schon ein ganz großes Ding - die komplexeste Sprengung, die ich jemals gemacht habe.“ Zwar ist der Kamin mit 55 Metern sogar drei Meter höher als das Hochhaus. Dafür hat er aber nur vier Meter Durchmesser. Reisch braucht nur zweieinhalb Kilogramm Sprengstoff, um ihn zu Fall zu bringen- beim Hochhaus waren es 150 Kilo.

Zwar darf sich im Umkreis von 90 Metern niemand aufhalten, aber Straßen werden nicht gesperrt, und die Anwohner können in ihren Wohnungen bleiben. „Wir haben aber Flugblätter verteilt, dass sie nicht erschrecken“, erklärt Baustellenleiter André Kühn.

Auch wenn der Knall an der Tegernseer Landstraße heute viel kleiner ausfallen wird als vor zweieinhalb Jahren - höllisch aufpassen muss der Sprengmeister trotzdem: „In meinem Job muss man immer ordentlich arbeiten, ohne Ausnahme. Denn der Teufel ist ein Eichhörnchen - er versteckt sich im scheinbar Harmlosen.“

Genauestes Vermessen war darum gestern gefragt: Reisch musste den Kamin destabilisieren, und zwar gerade so sehr, dass der Turm heute mit möglichst wenig Sprengstoff einstürzt, gleichzeitig aber noch von alleine stehen bleibt. „Man kann das mit einem Stuhl vergleichen, dem man zwei Beine absägt“, sagte Kühn.

Kippen soll der Kamin heute außerdem in die richtige Richtung: Senkrecht nach Westen auf eine freie Baustellenfläche - und nicht auf die Gebäude knapp daneben, auch wenn diese ohnehin bald abgerissen werden. Damit die Richtung stimmt, schlug Bauarbeiter Alexander Hehle gestern mit einem hydraulischen Hammer zwei dreieckige Löcher in die Seiten des Kamins. „Die wirken wie ein Kippgelenk, um das herum der Schornstein bricht“, beschreibt Reisch.

Heute früh wird Reisch dann Sprengstoff in die 30 Löcher füllen, die er in die Vorderseite des Kamins gebohrt hat. In jedes steckt er einen kleinen Zünder. Er selbst postiert sich auf einem 200 Meter entfernten Haus - in der Hand eine Zündleitung, die bis zum Schornstein führt. Dann braucht es nur einen Knopfdruck, Strom fließt durch die Leitung, die Zünder detonieren - und damit auch der Sprengstoff im Kamin. Dann fällt der Turm zu Boden, hoffentlich ganz sanft.

Stephanie Wolf

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