Ihre bewegende Geschichte

Münchnerin kehrt für den Frieden zurück in ihre Heimat

Die Wahl-Münchnerin und Afghanin Nahid Shahalimi in ihrer alten Heimat – hier bei Masar-e Scharif.

Kabul - Es wird eine bewegende Reise für Nahid Shahalimi (41): Die Münchnerin kehrt am kommenden Wochenende in ihre Heimat Afghanistan zurück. Hier lesen Sie ihre Geschichte.

Samstagabend um kurz vor zehn geht der Flieger – über Dubai in die afghanische Hauptstadt Kabul. Im Gepäck: eine Riesen-Leinwand mit dem Schriftzug Coexist und den Symbolen der Weltreligionen. Am Flughafen Kabul wird ein gepanzerter Range Rover auf ­Nahid Shahalimi (41) warten – das ist ­ihre Lebensversicherung. Die Münchner Künstlerin muss fast jede Nacht woanders schlafen – alles andere könnte tödlich sein – in diesem Krieg der Taliban.

Früher, als Nahid noch Kind war, schlief sie in Kabul in einem Palast – mit 37 Zimmern und einem herrlichen Park. Die Shahalimis zählten zu den angesehensten und reichsten Familien im Land, noch heute kennt in Afghanistan jeder ihre Namen.

Nahids Vater, Abdul Hakim ­Shahalimi, diente dem König bis in die 60er-Jahre u. a. als Entwicklungsminister, wo er mit den Deutschen Tunnels und Straßen baute. Der Politiker erwarb sich großes Ansehen und ebensolches Vermögen. Das Schicksal hat ihm zwar keinen Sohn, aber vier sehr geliebte Töchter geschenkt.

­Nahid Shahalimi mit ihrem Vater. Er starb wenige Wochen, nachdem dieses Foto entstanden ist.

Doch als Abdul Hakim Shahalimi 1981 mit ungefähr 80, vielleicht auch 85 Jahren stirbt (zu seiner Zeit gab es keine Beurkundung der Geburt), bestimmt das islamische Gesetz, die Scharia, was mit seiner jungen Frau (der Altersunterschied betrug ungefähr 60 Jahre, die Ehe war aber von großer Liebe getragen), den vier Töchtern und dem Erbe zu geschehen hat: Sieben Achtel erben die drei Söhne des Bruders, den Frauen steht nur das eine Achtel zu. Es hätte noch genügt, dafür ein Haus zu kaufen und unter der sowjetischen Besatzung und bürgerkriegsähnlichen Zuständen auskömmlich zu leben – allein Nahids Cousins genügte das nicht, sie wollten alles. Notfalls mit Gewalt.

Ihres Lebens bedroht, blieb der Mutter und ihren Töchtern am Ende nur noch die Flucht zu Fuß über das Gebirge nach ­Pakistan – mit nichts als den Kleidern am Leib, den Ring des Patriarchen am Finger und ein paar Fotos in der Tasche. 1985 war das. Fast ein Jahr dauerte das Exil, bis die Frauen eine neue Heimat in Kanada fanden.

"Eine der stärksten Personen, die ich kenne", beschreibt ­Nahid Shahalimi dieses Foto. "Zarghona Hamidi an meinem ersten Geburtstag mit meiner älteren Schwester Zohra Shahalimi."

Heute trägt Tochter Nahid den Ring mit den in sich verschlungenen Namensinitialen AHS – er glänzt im Sonnenlicht, das durch das Fenster des afghanischen Restaurants Lemar in München fällt. Dass sie hier sitzt, Deutsch und Englisch und noch einige andere Sprachen fließend spricht, hat sie der Weitsicht ihres Vaters zu verdanken, die sie als Kind nicht unbedingt verstand. Denn nach der Schule wurden Nahid und ihre Schwestern den Rest des Tages noch von Privatlehrern unterrichtet – Sprachen, alles was wichtig ist. Papas Argument: „Nur was du im Kopf und im Herzen hast, kann dir keiner wegnehmen.“

In seinem Haus empfing Afghanistans Ex-Präsident Hamid Karzai Nahid Shahalimi, um seine Friedensbotschaft für „Coexist“ abzugeben

Und da ist ziemlich viel drinnen! Nahid Shahahlimi hat in Kanada Internationale Politik mit Schwerpunkt Menschenrechte studiert – dazu Bildende Kunst. Heute ist sie weltweit als Künsterlin bekannt, portraitierte viele Stars – u. a. die Deutsche Fußballnationalmannschaft, Königin Rania von ­Jordanien oder die Mietwagen-Dynastie Sixt. Nahid ­Shahalimi schreibt Bücher (We, the Women – Germany) und sie spielte sogar in Kanadas Volleyball-Nationalmannschaft. Sie lebte in Spanien und den USA, bevor sie im Jahr 2000 die Ehe mit einem afghanischen Unternehmer an die Isar führte.

In der Villa der Shahalimis in Kabul wurde oft groß gefeiert – hier der erste Geburtstag von Nahid (Mitte auf dem Arm der Mutter). Vater Abdul Hakim Shahalimi ist rechts mit weißem Haar zu sehen.

Doch alles was sie tut – sie denkt an Afghanistan. An die Frauen dort. An Möglichkeiten, das Land mit kleinen Projekten in den Frieden zu führen. Seit acht Monaten fährt Nahid Shahalimi regelmäßig in ihre alte Heimat, um führende Menschen für ihre Coexist-Kampagne zu begeistern; auf der Leinwand ein Statement des Friedens abgeben und unterzeichnen zu lassen – als Bekenntnis für die friedliche Koexistenz aller Volksgruppen und Religionen, selbst von Gegnern. Denn genau die ­Frage der Abstammung hat Afghanistan vor über 30 Jahren in den Krieg geführt.

Ex-Präsident Hamid Karzai hat schon unterschrieben, auch Jens Lehmann und Lisa Stansfield, oder die 70-jährige Kämpferin Commander Kaftaar in Dari, genannt auch die Taube, die seit über 30 Jahren gegen die Sowjets und die Taliban kämpft und vor rein gar nichts Angst hat.

Das Logo der Kampagne.

Nahid Shahalimi hat auch keine Angst. Obwohl sie Mutter zweier Mädchen (10 und 13) ist. Coexist ist ihr als Weltbürgerin ein Bedürfnis: „Mein ganzes Leben war Koexistenz in verschiedenen Ländern und Kulturen – eines der größten Privilegien überhaupt! Da ist es doch natürlich, dass ich für Werte aufstehe, die für jeden Menschen wichtig sind.“ Nahid will so viele Afghaninnen wie möglich bewegen, eigene Projekte zu initiieren, damit ihr Land wieder so wird, wie es einmal war: weltoffen! „Diese Botschaft der Toleranz und Freundschaft will ich in jede Ecke Afghanistans tragen.“

Mit einem gepanzerten Range Rover. Mit Liebe im Herzen – trotz der Fluchtgeschichte und aller Bedrohung. Mit der Leinwand-Rolle im Gepäck.

Elf solcher Kunstwerke sollen es werden, die für humanitäre Projekte versteigert werden. Parallel dazu erscheint ein Buch im Elisabeth- Sandmann-Verlag.

Noch sind diese Friedensreisen nicht finanziert – Freunde helfen, die an die Vielfalt des Lebens glauben – eben an Koexistenz!

Ulrike Schmidt

Infos: www.nahid-coexist.com

auch interessant

Meistgelesen

So soll der Express zum Flughafen doch vor 2037 gelingen
So soll der Express zum Flughafen doch vor 2037 gelingen
Großeinsatz in Flüchtlingsunterkunft am OEZ
Großeinsatz in Flüchtlingsunterkunft am OEZ
Das Sex-Rätsel um den Top-Manager
Das Sex-Rätsel um den Top-Manager

Kommentare