Rentnerin macht Entdeckung

Nazi-Dokumente in Münchner Keller gefunden

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Dietmar Gaiser (li.) mit Heidi Krinner bei Klaus Lankheit im Institut für Zeitgeschichte.

München - Eine Rentnerin wendet sich an das Team des tz-Bürgeranwalts: Sie fand beim Aufräumen historische Nazi-Dokumente im Keller.

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Dreieinhalb Kilometer sind die Archivregale des Instituts für Zeitgeschichte lang. In diesem Institut wird zwar die Geschichte des ganzen 20. Jahrhunderts aufgearbeitet, aber ein wichtiger Schwerpunkt ist die Zeit zwischen 1933 und 1945. An diese Einrichtung vermittelte das Team des Bürgeranwaltes einen wichtigen Fund, den eine tz-Leserin in ihrem Keller gemacht hatte. Sie entdeckte dort Unterlagen über Franz Hofer, im Dritten Reich Reichsstatthalter von Innsbruck.

Das österreichische Fernsehen nannte Franz Hofer einmal einen „kühlen Opportunisten“. Ohne etwas vorwegnehmen zu wollen, auch die Auswertung des Fundes der tz-Leserin wird diesen Eindruck bestätigen. Franz Hofer hat es verstanden, die jeweiligen Zeitumstände zu nutzen. Er wurde 1933 wegen Betätigung für die NSDAP zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, braune Gesinnungsgenossen befreiten ihn, dabei wurde er angeschossen. Diesen Umstand nutzte er zu einem publikumswirksamen Auftritt auf dem Nürnberger Parteitag. Er hielt von der Bahre aus eine Brandrede. 1944 schlug Hofer dem Führer vor, ein Kerngebiet der Alpen als letzte Bastion des Dritten Reichs auszubauen. Etwa ein halbes Jahr später wurde er nach Berlin ins Führerhauptquartier gerufen und der Führer ernannte ihn zum Reichsverteidigungskommissar für die „Alpenfestung“.

Nach dem Krieg kam Hofer in ein Internierungslager nach Dachau, floh und wurde in Nürnberg in Abwesenheit als Hauptschuldiger eingestuft. 1975 starb Hofer in Mühlheim an der Ruhr als unbehelligter Bürger. Die nun aufgetauchten Unterlagen zeigen, wie er auch im Internierungslager eine führende Stellung unter den Gefangenen einnahm und sich durch Gedächtnisprotokolle gegen die Siegermächte abzusichern versuchte. Dank einer tz-Leserin wird das Bild Franz Hofers in der Geschichte nun noch ein bisschen genauer.

Ihr

Dietmar Gaiser

Historischer Schatz im Keller

Als mein Kellerregal zusammenkrachte und ich aufräumen musste, entdeckte ich ein unscheinbares braunes Kuvert mit einem Pass und zum Teil handschriftlichen Aufzeichnungen. Beim Lesen lief es mir kalt über den Rücken. Es handelte sich um persönliche Protokolle, Reden und Dokumente von Franz Hofer. Er war im Dritten Reich Gauleiter und Statthalter von Innsbruck. Der erste Impuls war, die Sachen in unserem Kachelofen zu verbrennen, dann bekam ich aber Zweifel, ob das richtig ist. Deswegen wende ich mich an den Bürgeranwalt. Was soll ich mit den Unterlagen machen?

Heidi Krinner (74), Rentnerin aus München

Heidi Krinner erinnert sich an Familiengespräche, aus denen hervorging, dass das Konvolut nach mehreren Zwischenstationen bei ihren Schwiegereltern landete. Warum ausgerechnet bei ihnen, ist unklar. Aber wahrscheinlich wollte man die Dokumente bei möglichst unbelasteten Personen aufbewahren.

Franz Hofer, der nach dem Krieg lange Zeit in Deutschland unter falschem Namen lebte, betrachtete die Papiere wohl als Rückversicherung. Obwohl der ehemalige Gauleiter später ein bürgerliches Leben unter seinem richtigen Namen führte, holte er die Dokumente nie zurück.

Gauleiter waren die dritte Führungsebene direkt nach Hitler. Und Dokumente, die Licht in das Leben dieser Personen bringen, sollte man nicht einfach im Kachelofen verbrennen. Deswegen schaltete der Bürgeranwalt das Institut für Zeitgeschichte in München ein. Dieses Institut kümmert sich um die wissenschaftliche Aufarbeitung der jüngsten deutschen Geschichte. Als wir dem Archivleiter Dr. Klaus Lankheit den Fund vorlegten, war er bass erstaunt: „So interessante Unterlagen sind auch für uns eine Seltenheit. Wenn Frau Krinner einverstanden ist, machen wir mit ihr einen Überlassungsvertrag und arbeiten den Fund wissenschaftlich auf.“

Natürlich war Heidi Krinner einverstanden und auch Dr. Klaus Lankheit freut sich: „Dokumente dieser Qualität sind für uns wie Puzzlesteine, aus denen wir ein Bild der damaligen Zeit nachzeichnen können. Wir danken dem Bürgeranwalt, dass er uns den Fund vermittelt hat.“

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