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München 1972: Neue Aktenfunde zum Olympia-Attentat – darunter ist ein rätselhaftes Tonband

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Von: Dirk Walter

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Bisher geheim – aber jetzt einsehbar: Archivar Gerhard Fürmetz mit einer der nun freigegebenen Akten. Unter den Unterlagen, die das bayerische Innenministerium ins Hauptstaatsarchiv abgab, ist auch ein Tonband.
Bisher geheim – aber jetzt einsehbar: Archivar Gerhard Fürmetz mit einer der nun freigegebenen Akten. Unter den Unterlagen, die das bayerische Innenministerium ins Hauptstaatsarchiv abgab, ist auch ein Tonband. © Bodmer (2), Schmotz (Archiv), Collage: Johanna Segl

„Geheim!“ – so prangt es mit roter Stempelschrift auf Dokumenten zum Olympia-Anschlag von 1972. Sie waren bisher als Verschlusssache eingestuft. Das bayerische Innenministerium hat die Akten jetzt aber freigegeben. Gibt es hier neue Erkenntnisse zum Attentat?

München – Am 10. Oktober 1972, das Olympia-Attentat war gerade einmal gut einen Monat her, setzte das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz in einem Schreiben die Bayerische Grenzpolizei über den Bericht eines „noch nicht erprobten Informanten“ in Kenntnis. Demnach gebe es Planungen, „auf dem Flughafen München Riem eine Flugzeugentführung“ durchzuführen. Ziel sei es, die drei Terroristen, die die Schusswechsel am Ende des dramatischen 5. September 1972 auf dem Fürstenfeldbrucker Fliegerhorst überlebt hatten, freizupressen. Sogar zwei mögliche Daten für die Entführung hatte der Informant genannt: den 20. und den 30. Oktober.

Das Dokument der Verfassungsschützer lag seit 1998 im VS-Archiv der Staatlichen Archive Bayern – VS steht für Verschluss. Erst jetzt, im April dieses Jahres, hat das bayerische Innenministerium veranlasst, dass diese und weitere Schriftstücke an das Bayerische Hauptstaatsarchiv abgegeben werden.

Zur gleichen Zeit wurden zwei Kisten mit Akten des Innenministeriums die wenigen hundert Meter vom Odeonsplatz, wo das Innenministerium seinen Sitz hat, in die Schönfeldstraße transportiert. Dort nahm sie Archivdirektor Gerhard Fürmetz in Empfang. Er ist Leiter der Abteilung II (Neuere Bestände) und somit auch der Herr über die Olympia-Akten. Er sagt: „Dass die Geschichte des Olympia-Attentats jetzt umgeschrieben werden muss, glaube ich nicht. Aber die Akten erlauben doch neue Blicke etwa auf die damaligen Erkenntnisse zu Bedrohungslagen und zum Sicherheitskonzept der Polizei.“

Attentat in München 1972: „Staatsschutzsachen“, steht auf den Akten

Bisher hat niemand die Akten systematisch gelesen – unsere Zeitung ist die erste, die Zugang zu den Materialien erhielt. Zimmer 34 im Erdgeschoss des Hauptstaatsarchivs ist ein schmuckloser Raum, abgestoßene Büromöbel, der Charme der 1970er-Jahre. Dort hat Fürmetz fünf blaue und jeweils mehrere Zentimeter dicke Aktenbände auf einen Tisch gelegt. „Staatsschutzsachen. Arabische Terroristen, Anschlag im Olympischen Dorf“, steht darauf, darunter die jeweiligen Jahreszahlen ab 1972.

Fürmetz blättert in den abgehefteten vergilbten Papieren. Die Akten erzählen Zeitgeschichte, machen zum Beispiel deutlich, dass die Sicherheitsbehörden aus dem Olympia-Attentat lernen wollten. Mehr Polizeipräsenz bei Großveranstaltungen nach dem Olympia-Desaster, das war die Lehre. So gibt es einen Bericht zur Sicherheitslage vor der Fußballweltmeisterschaft 1974 – 17 Seiten lang, vom damaligen Bundesinnenminister Genscher unterzeichnet. Handschriftlich mit Kugelschreiber hielt ein Polizeibeamter dazu fest, der Bericht gebe einen „guten Überblick“. Konkrete Anhaltspunkte für einen Anschlag seien nicht erkennbar. Aber Ziel müsse es sein, „insbesondere durch Zeigen der (polizeilichen – d. Red.) Kräfte potentielle Störer nach Möglichkeit zu verunsichern“.

Außerdem gibt es drei Leitz-Ordner mit Archivalien zu den Olympischen Spielen aus der Zeit Juli bis September 1972, in denen auch Schriftstücke etwa über Bombendrohungen abgeheftet sind. Daneben erhielt das Archiv einen Stapel loser Dokumente, darunter eine Lichtbildmappe zum „Geiselmord an israelischen Olympiateilnehmern“.

Olympia-Attentat in München: Fotos, die nie gezeigt werden sollen

Ihr Inhalt ist schauderhaft: aus Pietätsgründen nie veröffentlichte Nahaufnahmen der ermordeten Geiseln. Einer der getöteten Israelis sitzt noch angeschnallt im zerstörten Hubschrauber. Auch Fotos der getöteten Geiselnehmer, halb ausgezogen, blutverschmiert auf dem Asphalt des Fliegerhorstes liegend, enthält die Akte.

Es ist nicht so, dass die nun ins Archiv gelangten Dokumente die ersten überhaupt zum Olympia-Attentat sind. Bereits in den 1980er-Jahren übergab das Innenministerium eine umfangreiche erste Charge. Nach 2012, als die Frage nach den Aktenbeständen zum 40. Jahrestag des Anschlags öffentlich erörtert wurde, erfolgten weitere Abgaben, zuletzt 2015. Insgesamt dürften sich die rund 180 Olympia-Akten aus dem Bestand des Innenministeriums, des Landeskriminalamts und der Präsidien von Bereitschafts- und Grenzpolizei auf gut fünf Regalmeter addieren, schätzt Archivar Fürmetz. Umfangreiche weitere Archivalien liegen nebenan im Staatsarchiv.

Olympia-Attentat: Angehörige von Opfern drohten wegen fehlenden Unterlagen mit Boykott am Gedenktag

Dass das Innenministerium jetzt neuerlich Akten abgab, hat auch ihn erstaunt. „Wir dachten eigentlich, alles sei schon bei uns.“ Anlass der jüngsten Nachlieferung war offenbar die Drohung von Angehörigen der Anschlagsopfer, den geplanten Gedenktag am 5. September zu boykottieren, wenn nicht endlich alle Unterlagen zugänglich gemacht würden.

Aufgabe von Fürmetz ist es jetzt, die Akten ordentlich zu verzeichnen. Dann könnten sie Wissenschaftler oder Journalisten im Archiv einsehen. Es gibt allerdings Ausnahmen: Elf einzelne Schriftstücke aus den Jahren 1972 bis 1979 sind offenbar so brisant, dass sie vom Ministerium zwar ans Archiv abgegeben wurden, jedoch weiterhin als „Verschlusssache“ eingestuft sind. Im Hauptstaatsarchiv gibt es nur zwei – zur Verschwiegenheit verpflichtete – Archivare, die den Inhalt dieser Schriftstücke kennen. Sie entscheiden auf Antrag, ob sie diese geheimen Dokumente Forschern vorlegen.

München 1972: Rätselhaftes Tonband über telefonische Verhandlungen zur Flugzeugentführung

Unter den neuesten Archivalienabgaben ist auch ein Unikat: ein Tonband, das telefonische Verhandlungen zur Flugzeugentführung am 29. Oktober 1972 enthält. Denn tatsächlich lag der vom Landesamt für Verfassungsschutz zitierte Informant mit seiner Warnung vor einer Entführung so falsch nicht: Am 29. Oktober 1972 entführten Palästinenser eine Lufthansa-Maschine. Sie war allerdings nicht in München, sondern in Beirut mit Ziel Frankfurt gestartet.

Das Resultat dieser Geiselnahme ist bekannt: Noch am selben Tag wurden die drei überlebenden Attentäter des Olympia-Anschlags, die in verschiedenen bayerischen Gefängnissen inhaftiert waren, freigepresst. Was auf dem Tonband im Einzelnen dazu zu hören ist, weiß noch niemand. Es muss erst digitalisiert werden.

Die Olympischen Spiele in München 1972 haben die Stadt geprägt – und in die Moderne katapultiert. Zum 50. Jubiläum erscheint in unserem Verlag ein Magazin: Olympia München 1972. Die heiteren Spiele und der Terror.

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