Schnacksel-Vorwurf

Neue Beweise gegen Gutachter Thomas S. (59)

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Dr. Thomas S. (59) steht vor Gericht unter Druck.

München - An Tag vier im Sex-Prozess gegen Dr. Thomas S. (59) wurde die Miene des bisher so selbstbewusst lächelnden Gutachters frostig. Denn nun gibt es neue Beweise, die ihn belasten.

S. soll Ex-Staatsanwältin Maria L. (Name geändert) Blanko-Rezepte für Psycho-Pillen ausgestellt und sie als Gegenleistung zu Sadomaso-Sex gezwungen haben. Das bestreitet er.

Gestern übergab Nebenklageanwalt Hartmut Wächtler dem Gericht aber ein Rezept vom 5. Juni 2010 – ausgestellt vom Angeklagten. Dabei hatte er anfangs ausgesagt, er sei zu dieser Zeit in Griechenland gewesen – im Urlaub mit seiner Freundin, die das auch bestätigte.

Tatsächlich löste Maria L. das Rezept noch am selben Tag in der Apotheke ein. Die Krankenkasse bestätigt den Vorgang. Nun will Richter Martin Rieder auch alle anderen Rezepte überprüfen lassen. Derweil stritt Dr. S. mit seinen Anwälten auf dem Gang. Seit gestern bröckelt seine Glaubwürdigkeit!

„Ich saß zu Unrecht in der Psychiatrie“

Sieben Jahre! So lange lebt Joseph Demmel schon unter Betreuung, fünf Jahre saß er in der Psychiatrie. „Zu Unrecht“, schimpft er. Aber Dr. Thomas S. (59) hatte ihn mit einem Gerichtsgutachten als gemeingefährlich eingestuft. Ausgerechnet der Mann, der wegen Sex-Vorwürfen selbst vor Gericht steht…

Rückblick: Im Juli 2007 lebt Demmel auf einem Bauernhof in Oberbayern – seit einem Motorradunfall leidet er an den Folgen einer Hirnverletzung. Er streitet oft mit seinem Vermieter – der habe ihn aus der Wohnung ekeln wollen. Als es um eine Nebenkostenabrechnung geht, eskaliert die Situation: Demmel schubst ihn, der Vermieter stürzt und muss mit Kopf-Platzwunde in die Klinik. Für diese Tat wird Demmel in der Psychiatrischen Klinik Agatharied (Kreis Miesbach) untergebracht – beschließt das Landratsamt. Im Gutachten bescheinigt Dr. Thomas S., Demmel sei eine Gefahr für die Allgemeinheit. Das Landgericht München II stützt sich darauf – und verurteilt ihn zu drei Jahren und neun Monaten.

Tatsächlich sitzt Demmel aber fünf Jahre in der Anstalt fest. „Dort musste ich mit Menschen zusammenleben, die Frauen zerstückelt haben“, sagt er. „Ich habe sehr gelitten.“ Gegen seinen Willen muss er zweimal täglich Medikamente einnehmen.

Seit 2012 lebt Demmel in einem sozial-psychiatrischen Wohnheim und hat Aussicht auf einen Job. Seine Hoffnung setzt er nun in das Wiederaufnahme-Verfahren – er will, dass das Urteil aufgehoben wird. Gemeinsam mit Anwalt Lutz Libbertz und Nervenärztin Gabriele Prinzessin von Anhalt will er mit einem neuen Gutachten beweisen, dass er psychisch gesund ist – und jahrelang zu Unrecht untergebracht war. Außderdem sei er falsch behandelt worden. Das Gutachten dokumentiert neue Erkenntnisse, „die im Widerspruch zur Notwendigkeit der Zwangsbehandlung“ stehen.

25 Euro abzüglich Kostgeld stehen Demmel für jeden Tag in der Psychiatrie zu, falls er Recht bekommt. „Auch das Geld kann meine verlorene Zeit nicht ersetzen.“

A. Capasso/A. Thieme

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